Neal Slavins Fotoband „When Two or More Are Gathered Together“ zeigt die US-Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in Farbe. Zum fünfzigsten Jubiläum sprach er mit Euronews Culture über die Wirkung des Buches.
Neal Slavin gilt als Pionier der Gruppenfotografie.
Die Porträts des US‑Fotografen sind ein wichtiger Bezugspunkt in der Geschichte der Farbfotografie. Zugleich eröffnen sie einen unsentimentalen, aber scharfen Blick auf die sozialen und politischen Strukturen seines Heimatlandes.
Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt derzeit die Ausstellung Photography and Belonging (Quelle auf Englisch)(Quelle auf Englisch)target="_blank" rel="noopener noreferrer" href="https://eur03.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.kunstpalast.de%2Fen%2Fevent%2Fcommunity-photography-and-community%2F&data=05%7C02%7Ctokunbo.salako%40euronews.com%7C658291a91ff44c2a81a708de6353a2db%7Ce59fa28a32ed49aca5a09c46118cfecf%7C0%7C0%7C639057408405220768%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=8TkCU37k2kvPXysN0YM4PVAL3W8diKWP8C14Oh9XJvY%3D&reserved=0" tooltip="https://eur03.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.kunstpalast.de%2Fen%2Fevent%2Fcommunity-photography-and-community%2F&data=05%7C02%7Ctokunbo.salako%40euronews.com%7C658291a91ff44c2a81a708de6353a2db%7Ce59fa28a32ed49aca5a09c46118cfecf%7C0%7C0%7C639057408405220768%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=8TkCU37k2kvPXysN0YM4PVAL3W8diKWP8C14Oh9XJvY%3D&reserved=0"> , in der viele seiner Arbeiten zu sehen sind, die heute als zentrales Dokument für das Verständnis der gesellschaftlichen Dynamiken im späten 20. Jahrhundert gelten.
In diesem Jahr erscheint eine überarbeitete 50‑Jahres‑Ausgabe seiner grundlegenden Studie „When Two or More Are Gathered Together“. Aus diesem Anlass hat Slavin mit Euronews Culture über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fotografie gesprochen.
Als „When Two or More Are Gathered Together“ 1976 erstmals erschien, wurde das Buch schnell zu einem Meilenstein der frühen Farbfotografie. Was hat Sie ursprünglich daran gereizt, Gruppen statt Einzelpersonen zu fotografieren?
Fangen wir vielleicht so an: Da steckt ein Missverständnis drin. Gruppen bestehen aus Individuen. Viele, die Gruppen fotografieren – auch professionelle Fotograf:innen –, kümmern sich so sehr um Komposition und Aufstellung, dass sie vergessen: Ganz egal, wie viele Menschen in einer Gruppe stehen, es bleiben einzelne Persönlichkeiten.
Ich habe keine wirklich schlüssige Erklärung, warum ich ausgerechnet Gruppen fotografiere. Aber ich weiß, was mich früh fasziniert hat: ein Panorama mit einer Pfadfindertruppe, aufgenommen etwa zehn oder elf Jahre, bevor ich das Bild sah. Ich war völlig gebannt. Vor mir standen 32 Jungen – oder wie viele es auch immer waren. Und als erstes schoss mir die Erinnerung in den Kopf. Ich dachte: „Großartig, aber wo sind diese Jungs heute? Jetzt sind sie elf Jahre älter. Was ist aus ihnen geworden?“ In diesem Moment verband sich das für mich mit der Idee von Fotografie als Gedächtnis.
Kein anderes Medium – weder Malerei noch Film oder Musik – ruft Erinnerungen so stark hervor wie die Fotografie. Fotografien lassen einen Moment immer wieder neu aufleben. Für die Betrachtenden wird das Erlebnis jedes Mal neu erfahrbar. Das hat mich zu Gruppenaufnahmen gebracht, oder besser gesagt: zu Aufnahmen von Individuen innerhalb einer Gruppe.
Anfang der 1970er‑Jahre kämpfte die Farbfotografie noch um Anerkennung in der Kunstwelt. Wie bewusst haben Sie damals mit oder gegen diesen fotografischen Moment gearbeitet?
Sehr bewusst. Es gab vielleicht 15 oder 18 Fotograf:innen, die damals bereit waren, konsequent in Farbe zu arbeiten. Farbe galt vor allem als kommerzielles Mittel für Werbung, nicht für „ernsthafte“ Fotografie. Von den alten Hasen mussten wir uns einiges anhören: Das sei keine seriöse Arbeit.
Zum einen hieß es, die Bilder würden nicht halten, das Material sei nicht archivfest. Uns Jüngere hat das wenig gekümmert. Uns ging es darum, unsere jeweiligen Aussagen in die Welt zu bringen und ein Gespräch zu eröffnen. Und dieses Gespräch drehte sich um Farbe als beschreibende Form. Ich behaupte, das galt damals für fast alle: Farbe war der nächste Schritt hin zu einer gesteigerten Wirklichkeit im Foto. Schwarz‑weiß war für uns eine wunderbare, aber eben abstraktere Form. Wir wollten die Schwarz‑weiß‑Fotografie nicht entzaubern, sondern den Blick auf eine Welt in echter Farbe erweitern.
Vielleicht greife ich vor, aber ich habe früh eine prägende Erfahrung gemacht. Mein erstes Farbfoto war ein Gruppenporträt freiwilliger Sanitäter:innen, die in ihrer Freizeit Autorennen fuhren und Pokale gewannen. Diese Pokale gab es natürlich in Gold, Silber und Bronze. Zufällig fotografierte ich die Szene sowohl in Schwarz‑weiß als auch in Farbe. Nach der Entwicklung schaute ich mir die Kontaktbögen mit der Lupe an – und merkte etwas Entscheidendes: Auf den Schwarz‑weiß‑Kontakten konnte ich Gold- und Silberpokale kaum unterscheiden. In Farbe sprang der Unterschied ins Auge. Da habe ich verstanden: Farbe ist Information. Und ohne Information – was bleibt dann?
Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, aber ich habe einmal gelesen, Henri Cartier‑Bresson habe auf die Frage, warum er nicht in Farbe arbeite, gesagt: „Das sind mir zu viele Informationen.“ Als ich die Sache mit den Pokalen begriff, dachte ich genau umgekehrt: Ich habe zu wenig Informationen. Von da an fotografierte ich nahezu alles in Farbe, während Schwarz‑weiß für mich in den Hintergrund trat. Kritisiert habe ich es nie – es ist ein großartiges Medium. Aber für mich persönlich war Farbe entscheidend.
Sie haben Ihre Motive selbst entscheiden lassen, wo sie im Bild stehen. Was hat Ihnen dieser Prozess über Hierarchien, Identität und Macht verraten?
Die meisten Menschen, die eine Gruppe oder auch nur eine einzelne Person porträtieren, dirigieren ihre Motive in bestimmte Formationen. Diese Formation passt aber nicht unbedingt zur Persönlichkeit der Gruppe. Mir war früh klar: Menschen lassen sich nicht in Wursthüllen pressen.
Das funktioniert nicht, denn am Ende sehen sie nur aus, als hätten sie alle die gleiche Hülle an. Ich schaue mir deshalb zuerst den Ort an. Meistens tue ich das mit der Präsidentin, dem Direktor, dem Chef der Gruppe zusammen und suche einen Platz, an dem er oder sie sich wohlfühlt und der für ein Bild taugt. Wenn der Ort steht und ich weiß, wie viele Personen kommen, sage ich irgendwann einfach: Kommt bitte alle auf das Set.
Dann bitte ich alle, sich dorthin zu stellen, wo sie sich richtig fühlen. „Sucht euch euren Platz, ganz egal wo“, sage ich. Zugehörigkeit ist ein zentrales Wort im Phänomen Gruppe. Das Gefühl, in einem Raum seinen Platz zu haben, ist ein wichtiger Teil des fotografischen Prozesses. Diese feine Abstimmung berücksichtigen nur wenige Fotograf:innen.
Wenn sich alle mit ihrem Platz wohlfühlen, rücke ich die Gruppe ein wenig zusammen. Wenn jemand nicht zu sehen ist, sage ich zum Beispiel: „John sollte vielleicht ein Stück nach vorn kommen“, oder Ähnliches. Gleichzeitig passiert aber noch etwas anderes.
Es gibt immer Menschen, die eigentlich gar nicht auf dem Bild sein wollen, aber wegen der Gruppe dabei sind – ob Unternehmen, Hobbyverein oder Berufsverband. Sie machen mit, sind aber schüchtern. Das respektiere ich. Wenn jemand den Kopf wegdreht, taste ich mich heran und frage: „Würden Sie den Blick heben? Oder möchten Sie lieber so bleiben?“ Daraus entsteht ein Abenteuer: ein Bild mit 30, 40 oder 100 Personen zu schaffen, ist eine unglaubliche Erfahrung.
Im Kopf und emotional gehe ich in die Menge hinein. Die Leute lernen mich kennen, fassen Vertrauen und beginnen zu spielen: Schaue ich in die Kamera oder nicht? Lächle ich oder nicht? Ich lasse ihnen alle Freiheiten, solange es sich für sie stimmig anfühlt. Über die Jahre habe ich begriffen: Wenn man Menschen einfach sein lässt – wieder dieses Wort Individuum –, entsteht überhaupt erst eine Gruppe. Nicht die Gruppe macht die Gruppe aus, sondern die einzelnen Menschen.
Fast 50 Jahre später bringen Sie nun eine erweiterte Jubiläumsausgabe des Buches heraus. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt?
Nach 50 Jahren blicken wir durch eine andere Linse auf die Welt – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Das gemeinsame Zusammensein, das Herumhängen miteinander, ist seltener geworden. Morgendliche Kaffeerunden etwa gibt es deutlich weniger. Religionsgemeinschaften verlieren Mitglieder. Ich glaube aber, dass Menschen andere Menschen brauchen. Wir brauchen Berührung, Umarmung, Gefühle im direkten Kontakt. Wenn man Menschen die Gelegenheit dazu gibt, nutzen sie sie.
Menschen lassen sich nach wie vor gern als Gruppe fotografieren. Nur leben wir heute in einer anderen Zeit als 1972, als ich damit anfing. Damals gab es keine PCs, keine allgegenwärtigen Smartphones. Heute bestimmen Bildschirme, Telefone und soziale Medien unseren Alltag. Viele ziehen sich in das zurück, was ich Fallen nenne. Anstatt ans Telefon zu gehen, schreiben wir eine E‑Mail oder eine Nachricht. Ich stand einmal auf der Straße und hörte, wie ein Junge zu seinem Freund, der gerade aus seiner Wohnung kam, sagte: „Wir sehen uns online.“ Da wurde mir klar: Genau dort treffen wir uns inzwischen. Das gab es 1972 nicht. Auch deshalb wollte ich das Buch neu herausbringen. Ich arbeite jetzt seit über 50 Jahren in diesem Genre.
Ich habe mehrere Bücher veröffentlicht, das erste war „When Two or More Are Gathered Together“ im Jahr 1972. Die Idee kam mir nicht allein – sie lag damals in der Luft. Das Buch erinnert uns daran, dass wir Menschen und Individuen sind und dass es ohne Gruppen – die es ja noch immer gibt, wenn auch weniger – nicht geht. An ihre Stelle sind oft Bildschirme, Smartphones und soziale Medien getreten. Und doch lieben die meisten nach wie vor das Zusammensein, das gemeinsame Dasein und das gemeinsame Foto.
Das Smartphone hat viele der Kicheranfälle ersetzt, die früher beim Fotografiertwerden ausbrachen. Heute ist das Selfie so etwas wie das neue Gruppenporträt von vor 50 Jahren. Es war letztlich nicht meine Idee, das Buch jetzt neu aufzulegen, aber als jemand den Vorschlag machte, habe ich sofort zugestimmt.
Ich habe noch andere Bücher mit Gruppenbildern veröffentlicht. Überall taucht dasselbe Thema auf. Ich bin fest überzeugt: Ohne Gruppen – und die gibt es trotz allem, egal was man hört – wären wir ein Planet voller Geister. Auf so einem Planeten möchte ich nicht leben, und niemand sonst auch. Es ist Zeit, die Menschen daran zu erinnern, dass sie zu irgendeiner Gruppe gehören. Ob sie es wissen oder mögen oder nicht, wir alle sind miteinander verbunden. Sobald zwei, drei oder vier Personen zusammenkommen, entsteht eine Gruppe. Das beobachte ich sehr genau, weil mich die sozialen Muster faszinieren. Trotz aller Rückgänge beim sprichwörtlichen „Abhängen“ wollen Menschen zum Glück noch immer miteinander sein. Sonst wären wir, wie gesagt, ein Planet der Geister.
Die neue Ausgabe erscheint in einer Zeit tiefer politischer und gesellschaftlicher Spaltungen in den USA. Sehen Sie Ihre Arbeit heute anders als in den 1970er‑Jahren?
Das ist schwer zu beantworten. Sehe ich die Bilder heute anders als damals? Nein. Im Kern sind die Menschen gleich geblieben. Uns beschäftigen noch immer Themen, die in den 1960ern in den USA aufbrachen: Bürgerrechtsbewegung, Segregation und vieles mehr. Menschen scheinen Konflikten regelrecht entgegenzustreben. Wir sind also noch dieselben.
Wenn ich heute durch den Sucher schaue, sehe ich dieselben Menschen wie damals, aber die Unterschiede haben sich verschoben. Die konkreten Anliegen sind andere, doch wir ringen weiterhin um dieselben Rechte, um unsere Lebensweisen, darum, wie wir einander wahrnehmen. Daran hat sich nichts geändert. Wir haben einen Kopf, zwei Arme, zwei Beine. Wir sind gleich – wie könnte man sagen, wir seien heute grundsätzlich andere Menschen? Die Anlässe mögen sich ändern, doch an der Wurzel bleiben sie gleich: Einzelne Menschen, die sich zu Gruppen formieren. So sehe ich die Welt.
Die Jubiläumsausgabe enthält neue Gruppenbilder, einige entstanden 2023. Was hat Sie beim Fotografieren heutiger Gruppen im Vergleich zu den frühen Serien am meisten überrascht? Und nach welchen Kriterien haben Sie die zehn Lieblingsbilder ausgewählt, die Sie für Euronews Culture ausgesucht haben?
Diese Bilder stammen aus einer kommenden Ausstellung. Ich habe sie freigegeben, weil ich sie mag. Die eigentliche Frage lautet also: Nach welchen Bildern kann man leben? Welche Bilder mag man so sehr, dass man mit ihnen leben möchte? Das ist schwer zu beantworten, weil jedes Bild anders ist.
Äußerlich ähneln sie sich, weil es immer Gruppen sind. Ich wähle meine Fotos danach aus, wie stark sie täglich zu mir „sprechen“. Wenn ich ein Bild eine Woche lang nicht sehe und es mich danach wieder anspringt, dann behalte ich es. Wenn es flach wirkt, keine Energie mehr hat, weil ich es zu oft gesehen habe, rückt es in den Hintergrund. Genau darin liegt die Schönheit von Kunst: Sie ist nie wirklich fertig.
Ich bin Maler und Fotograf. In der Malerei weiß jede und jeder: Ein Bild ist nie fertig. Es ist höchstens für den Moment fertig. Drei Tage später denkt man vielleicht: „Hier braucht es noch etwas Rot.“ In der Fotografie ist es ähnlich, nur schwieriger, weil das Bild bereits entstanden ist. Wenn es einen dann nicht überzeugt, ärgert man sich und fragt: Warum habe ich es nur genau so aufgenommen? Aber auch das gehört zur Lernkurve – und macht den Reiz aus.
Beim nächsten Mal, wenn man mit der Kamera loszieht – oder mit welchem Gerät auch immer –, hat man daraus gelernt: Nimm es nicht so auf wie zuvor, probiere eine andere Sicht. Schau tiefer in die Gruppe, in die einzelne Person hinein. Sprich mit den Menschen. Wenn ich 100 Personen fotografiere und, wie gesagt, mitten in die Gruppe hineingehe, entstehen vielleicht 50 Freundschaften von zehn Minuten. Das ist wunderbar. Ich lerne ein bisschen über sehr viele Menschen – mehr, als die meisten von uns selbst mit engen Freund:innen teilen.
Für mich unterscheidet sich das Fotografieren von Gruppen nicht grundsätzlich von den 1970ern. Der Inhalt hat sich verändert, die Menschen nicht. Das ist es, was ich daran liebe. Gäbe es diese Dynamik nicht, würde ich das nicht seit über 50 Jahren tun. Dafür braucht es eine große Liebe zu Menschen – zu allen Menschen auf diesem Planeten, ob weiß, schwarz, hispanisch oder was auch immer. Ich liebe die Unterschiede. Und zugleich sind wir am Ende doch alle gleich. Das hält mich in Bewegung.
In Ihren Arbeiten steckt oft Humor, zugleich aber auch eine leise, sehr genaue Beobachtung sozialer Strukturen. Wie bringen Sie Ironie und Empathie in Einklang, wenn Sie Gemeinschaften fotografieren?
Ein Teil der Antwort steckt schon in dem, was ich vorhin sagte: Ich liebe Menschen. Ich sehe jemanden im blauen Hemd neben jemandem im roten Hemd – es klingt banal, aber ich liebe das Beobachten und das Mitmachen. Ich versuche nichts auszubalancieren, ich lasse alles zu. Der Versuch, Humor und Ernst zu „balancieren“, wäre ein Fehler, fast ein Horror. Man kann das nicht ausgleichen. Menschen gehören einander, in Gruppen aus Individuen in roten, blauen, schwarzen, weißen Hemden. Das steckt in unserer DNA. Ich kann das nicht leugnen, und Sie auch nicht – das ist Menschsein.
Zugehörigkeit kennt nur eine Form: Man gehört dazu oder nicht. Wir Menschen sind sehr geübt darin, einige einzuschließen und andere auszugrenzen – und machen sie so zu den „Anderen“. Wer schon einmal in einer Gruppe war und später draußen stand, weiß genau, wovon ich spreche. Dieses Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, ist lebenswichtig. Darum geht es. Es geht nicht nur darum, lustige oder ernste Bilder von Menschen zu machen, die Gruppen bilden. Das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, ist vielleicht das wichtigste soziologische Element des Menschseins. Schon das Wort „Menschheit“ beschreibt eine Gruppenkraft.
Zum Humor in meinen Bildern: Er ist nicht immer da. Anders als manche Kolleg:innen liebe ich Menschen und ihre Schwächen. Wie wir Fehler machen und über uns selbst lachen – genau diese Momente tragen viele meiner Fotos. Wenn Betrachter:innen in meinen Bildern etwas Komisches sehen, dann, weil die Abgebildeten mit sich lachen, nicht über sich. Das unterscheidet meine Arbeit, glaube ich, von anderen soziologischen Fotoansätzen. Ich lache nie über jemanden, ich lache mit den Menschen, und wir lachen gemeinsam. Ich möchte niemanden lächerlich machen oder verurteilen. Wenn sich eine komische Situation ergibt und wir alle im selben Moment denselben Witz verstehen – umso besser.
Was wünschen Sie sich, dass europäische Betrachter:innen aus diesen Bildern der amerikanischen Gesellschaft mitnehmen?
Europa hat sich immer für Amerika interessiert. Das liegt daran, dass die USA dieses große Experiment gewagt haben: Alle Menschen sind gleich geschaffen. Dieses Prinzip herrschte in Europa und vielen Teilen der Welt lange nicht. Amerika wurde zu einer Art Petrischale für eine Lebensform, die es historisch so nicht gab. Natürlich hatten und haben wir unsere Probleme, und wir hoffen, dass das Land durch diese schwierigen Zeiten kommt. Was europäische Besucher:innen ganz konkret aus den Bildern ziehen, kann ich schwer beantworten. Denn die Fotos stehen nicht nur für Amerika oder Amerikaner:innen. Sie zeigen, wie Menschen miteinander umgehen, sprechen, kommunizieren. In den USA pflegen wir eine sehr offene Art der Auseinandersetzung – ich glaube, genau das fasziniert viele.
Ich habe noch andere Bücher mit Gruppenbildern gemacht. Eines heißt „Britons“. Zurzeit arbeite ich an einem großen Projekt über Gebet und Meditation in der Gruppe – darüber, wie wir aussehen, wenn wir gemeinsam beten. Diese Fotos wirken kaum lustig, aber sie enthalten dieselben Grundmuster wie die Aufnahmen von 1974: den roten Faden, der uns alle verbindet. Das ist entscheidend. Ich glaube, europäische Betrachter:innen verstehen das und sind neugierig auf unsere Bilder. Zugleich hat sich Europa enorm entwickelt. Ich möchte kein Land kritisieren – dazu habe ich keinen Grund. Mit den gewachsenen Demokratien und sozialen Staatsformen wirkt Amerika heute weniger exotisch als noch in den 1950er‑ oder 1960er‑Jahren.
Ich verstehe Ihre Frage sehr gut, und natürlich gibt es weiterhin eine Faszination für dieses Land, das rund 24.000 Meilen breit ist – für seine Menschen und für Dinge, auf die viele Europäer:innen nie kämen. Wir alle haben unterschiedliche „soziologische Konfigurationen“, wenn man so will, und lernen voneinander. Je länger ich darüber spreche, desto klarer wird mir: Europäer:innen interessieren sich weniger für „Amerika“ als abstrakte Größe, sondern für Amerikaner:innen als Menschen.
Seit den 1970er‑Jahren hat sich die Fotografie radikal verändert – von der analogen Entwicklung zur digitalen Allgegenwart und zu KI‑generierten Bildern. Was wurde aus Ihrer Sicht gewonnen, und was ging verloren?
Darüber könnte ich einen ganzen Tag sprechen. Was haben wir gewonnen? Schwer zu sagen. Ein Gewinn ist sicher: Wenn etwas passiert, können Sie das Smartphone zücken und es festhalten. Bis eine Fotografin früher ihre Ausrüstung bereit hatte – außer vielleicht im Kriegseinsatz, wo die Kamera ständig griffbereit ist – war vieles schon vorbei. Gleichzeitig führt all das zu einem Effekt, den ich vorhin erwähnt habe: einer Art Verblödung der Welt. Man tippt einen Satz, und die Hälfte ergänzt die Rechtschreibprüfung. Schritt für Schritt werden wir bequemer.
Wir leben vor Bildschirmen. Wir kennen alle Büros, in denen Menschen Seite an Seite in kleinen Kabinen sitzen. Statt den Stuhl zurückzuschieben und zu fragen: „Hey Joe, wann gehst du zum Mittagessen?“, schicken sie Joe eine E‑Mail und warten auf Antwort. Das ist beunruhigend. Gleichzeitig eröffnet die digitale Welt erstaunliche Möglichkeiten, die wir uns früher nicht vorstellen konnten. Wie immer geht es um ein Gleichgewicht.
Wie viel KI braucht es, damit sie unser Leben bereichert – und ab wann zerstört sie es? Darauf habe ich keine Antwort. Ich bin in diesem Feld Beobachter. Auf einer grundsätzlichen Ebene sehe ich keinen Unterschied zwischen digitaler und analoger Fotografie. Ja, der Prozess ist ein anderer, und früher hatten wir keine Kameras, die Belichtungen automatisch berechneten wie ein Smartphone. Aber im Kern geht es um dasselbe. Wir fotografieren einander, wir zeigen uns von unserer besten Seite – beim Selfie heute genauso wie 1927 oder 1937. Aus menschlicher Sicht ist das identisch, nur die Technik hat sich verändert. Das Problem ist: Diese Technik trägt dazu bei, uns bequem und träge zu machen. Wir müssen sehr aufpassen, uns nicht selbst zu verdummen und – erneut dieses Bild – nicht zu Geistern auf diesem Planeten zu werden.
Welche Rolle spielt Fotografie heute in einer Welt, die von Bildern überflutet ist?
Der langjährige Fotodirektor des MoMA, John Szarkowski, hat – ich glaube in den 1980ern – gesagt: „Es gibt inzwischen mehr Fotografien auf der Welt als Ziegelsteine.“ Was heißt das? Dass wir niemals aufhören, uns in diesem Medium gespiegelt sehen zu wollen.
Es gibt einen Witz: Zwei Großmütter gehen die Straße entlang. Eine von ihnen schiebt einen Kinderwagen mit einem Baby darin. Die andere beugt sich hinunter und sagt: „Was für ein schönes Baby!“ Darauf antwortet die Großmutter mit dem Wagen: „Wenn Sie sie hübsch finden, sollten Sie erst ihr Foto sehen.“ Das sagt sehr viel über Fotografie. Sie ist Erinnerung, Spiegel, Möglichkeit zur Kontemplation. Ich könnte darüber lange weiterreden, denn genau das ist Fotografie. In vieler Hinsicht hat sie die Rolle der Malerei übernommen. Früher wollte die Malerei genau das leisten – aber Fotografie kann es besser. Das heißt nicht, dass Malerei „tot“ ist. Malerei ist eine ganz eigene Erfahrung. Ich weiß das, ich male selbst. Und ich liebe Malerei aus vielen Gründen, von denen sich manche mit der Fotografie überschneiden und andere nicht.
Eines aber werden wir nie verlieren: das Bedürfnis, miteinander und mit uns selbst zu kommunizieren, indem wir ein Foto betrachten. Wenn man uns das nähme, bliebe – wieder – ein Planet voller Geister.
Mit welchem Material und welchen Werkzeugen arbeiten Sie 2026? Und wie hat sich Ihr Verhältnis zum physischen Foto im Lauf der Zeit verändert?
Ich arbeite digital, weil ich damit mehr Möglichkeiten habe als mit Film. Analoge Bilder liebe ich trotzdem – sie haben einen anderen Charakter, wirken weicher, sprechen anders zu uns. Digital zu arbeiten erlaubt mir, ein Bild präzise zu fixieren und identische Abzüge zu produzieren, wenn ich fünf Prints derselben Aufnahme brauche. Das konnten wir analog zwar auch, aber mit mehr Aufwand. Am Ende ist das allerdings – ich meine das nicht unhöflich – eine Frage, die sich für mich erledigt hat. Ich denke kaum noch darüber nach. Ich arbeite digital und weiß gar nicht mehr genau, wann ich zuletzt mit Film fotografiert habe, den ich sehr schätze. Es ist nur nicht mehr das, worum es mir geht. Mir geht es darum, das Gegenüber anzuschauen und zu fragen: Worum geht es hier? Wie kommuniziere ich mit meinem Motiv, und wie kommuniziert es mit mir? Das ist der Kern jeder fotografischen Beziehung – und der hat sich nicht geändert, weder 1972 noch 2026.
Haben Gruppenporträts in einer von Selfies und persönlicher Selbstdarstellung dominierten Zeit noch dasselbe kulturelle Gewicht?
Wenn man es gut macht, ja. Die Flut an Selfies hat unseren Blick enorm abgestumpft. Aber wenn man ein Bild sieht, das wirklich spricht – etwa einen Raum mit 500 Menschen, die man alle unterscheiden kann, nicht mit Namen, sondern über Eigenschaften: „der Mann mit den dunklen Haaren“, „die Blonde“, „die Frau, die sitzt“ –, dann ist das wie eine Landkarte. Eine Karte zu einem Ort, den niemand genau kennt. Man schaut darauf und erkennt: „Diese Stadt liegt nur fünf Meilen von jener entfernt, ich hätte gedacht, es seien mehr.“ So funktioniert ein Gruppenporträt: als Landkarte der Menschheit.
Beim Betrachten merkt man, wie eine Person zu der neben ihr steht – und wie zu der Person vier Plätze weiter. Schauen sie sich gegenseitig an, wären sie vielleicht lieber beieinander? Das ist eine Fundgrube. Dort beginnt das eigentliche Gespräch.
Welche Frage oder Botschaft soll Ihre Arbeit den Menschen heute idealerweise mitgeben?
Meine Arbeit ist teils soziologisch, teils ästhetisch. Ich könnte kaum formulieren, welche Botschaft sie unbedingt hinterlassen soll – das entzieht sich meiner Kontrolle. Wenn überhaupt, wünsche ich mir, dass die Menschen verstehen: Wir sind alle Menschen, die miteinander verbunden sind, und genau deshalb suchen wir Gruppen. Wenn ich eine Prognose wagen darf: Solange der Planet existiert, werden auch Gruppen existieren. Wir werden einander nicht aufgeben.
„When Two or More Are Gathered Together“ von Neal Slavin ist jetzt bei Damiani Books erhältlich.
Photography and Belonging (Quelle auf Englisch)(Quelle auf Englisch)target="_blank" rel="noopener noreferrer" href="https://eur03.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%253A%252F%252Fwww.kunstpalast.de%252Fen%252Fevent%252Fcommunity-photography-and-community%252F&data=05%257C02%257Ctokunbo.salako%2540euronews.com%257C658291a91ff44c2a81a708de6353a2db%257Ce59fa28a32ed49aca5a09c46118cfecf%257C0%257C0%257C639057408405220768%257CUnknown%257CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%253D%253D%257C0%257C%257C%257C&sdata=8TkCU37k2kvPXysN0YM4PVAL3W8diKWP8C14Oh9XJvY%253D&reserved=0" tooltip="https://eur03.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%253A%252F%252Fwww.kunstpalast.de%252Fen%252Fevent%252Fcommunity-photography-and-community%252F&data=05%257C02%257Ctokunbo.salako%2540euronews.com%257C658291a91ff44c2a81a708de6353a2db%257Ce59fa28a32ed49aca5a09c46118cfecf%257C0%257C0%257C639057408405220768%257CUnknown%257CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%253D%253D%257C0%257C%257C%257C&sdata=8TkCU37k2kvPXysN0YM4PVAL3W8diKWP8C14Oh9XJvY%253D&reserved=0"> ist noch bis zum 25. Mai 2026 im Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.