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Erstmals seit über 25 Jahren: Mehr Menschen ziehen von Deutschland nach Polen als umgekehrt

Fußgänger gehen in Warschau an dem Palast der Kultur und Wissenschaft vorbei.
Fußgänger gehen in Warschau an dem Palast der Kultur und Wissenschaft vorbei. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Mehr Menschen ziehen von Deutschland nach Polen als umgekehrt. Hinter der Trendwende steckt nicht nur Heimweh, sondern ein wachsender Zweifel am Standort Deutschland und ein neues Selbstbewusstsein in Polen.

Eine lange Zeit stand Polens Nachbar Deutschland für Wohlstand und zog über Jahre viele Menschen aus dem Heimatland über die Grenze. Arbeitsplätze, Infrastruktur, eine florierende Wirtschaft – Deutschland galt als das Versprechen eines besseren Lebens. Doch die Zahlen für das Jahr 2024 erzählen eine andere Geschichte.

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Laut dem Statistischen Bundesamt zogen im Jahr 2024 90.807 Menschen von Deutschland nach Polen – mehr als die 82.082, die in die umgekehrte Richtung wanderten. Erstmals seit vielen Jahren ist die Migrationsbilanz zwischen beiden Ländern negativ. Der sogenannte "Wanderungspfad", der seit den 1980er-Jahren ununterbrochen in eine Richtung führte, scheint vorerst am Ende zu sein.

Zwischen zwei Welten: Was die Zahlen wirklich sagen

Doch der Befund ist komplexer, als er auf den ersten Blick scheint. "Es kehren gar nicht so viele Menschen zurück nach Polen. Die eigentliche Veränderung liegt darin, dass deutlich weniger Menschen aus Polen nach Deutschland ziehen", sagt Bastian Sendhardt, Politikwissenschaftler im Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts. Die Abwanderung aus Deutschland nach Polen sei zwar leicht gestiegen – aber der viel größere Treiber der negativen Bilanz sei, dass der Zustrom aus Polen schlicht zurückgeht.

EU-weit ist Polen die sechstgrößte Volkswirtschaft, mit 3,2 Prozent Wachstum im Jahr 2025.
EU-weit ist Polen die sechstgrößte Volkswirtschaft, mit 3,2 Prozent Wachstum im Jahr 2025. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Das bestätigt auch Nils Witte, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Migration und Mobilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Auf Anfrage von Euronews erklärt er: "Die Trendwende begann bereits im Jahr 2015, als die Zahl der Zuzüge aus Polen nach längerem Wachstum erstmals zurückging – deutlicher dann ab 2016. Neu im Jahr 2024 war nur, dass die Anzahl der Fortzüge erstmals höher war als die Anzahl der Zuzüge. Das lag aber weniger an einem Anstieg der Fortzüge als an einem fortgesetzten Absinken der Zuzüge." Die entscheidende Frage sei daher nicht, warum Polen Deutschland verlassen, sondern warum immer weniger Polen überhaupt noch kommen.

Polnische Staatsangehörige machten 2024 6,6 Prozent der ausländischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Deutschland aus – die drittgrößte ausländische Gruppe nach Türken und Ukrainern. Im Jahr 2024 war die Nettozuwanderung dieser Gruppe erstmals seit der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit im Jahr 2011 rückläufig – der Wanderungssaldo sank von plus 15.000 auf minus 11.000 Personen. Rund 30,7 Prozent der in Deutschland lebenden Polinnen und Polen haben laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) über eine Ausreise nachgedacht. Rund 4,1 Prozent hegten bereits konkrete Abwanderungspläne – von diesen wollen 68 Prozent nach Polen zurückkehren, besonders ausgeprägt bei Jüngeren unter 35 Jahren.

"Mehr eine emotionale Entscheidung als eine wirtschaftliche"

Antoni Wladyka kennt diesen Weg aus eigener Erfahrung. Der Einzelunternehmer kam 1989 als Kind mit seiner Familie nach Deutschland – in einer Zeit, als Polen noch von wirtschaftlicher Not geprägt war und Deutschland für viele das Versprechen eines besseren Lebens bedeutete. Nach dem Studium kehrte er 2013 nach Warschau zurück – als einer der wenigen in seiner Familie. "Das war für mich mehr eine emotionale Entscheidung als eine wirtschaftliche", sagt er.

Heute, gut dreizehn Jahre später, sieht er sich bestätigt. "Der Unterschied zwischen 2013 und 2026 ist enorm. Es ist so, als würde man jemanden 2013 treffen und 2026 wiedersehen – derjenige würde glauben, er ist 100 Jahre weiter, nicht 13", sagt er. Als Unternehmer nimmt er vor allem zwei Dinge wahr: steigende Löhne und unternehmerische Freiheit. "Man hat hier ziemlich viele Freiheiten. Und im Vergleich zu Deutschland merkt man: Die Löhne steigen unglaublich schnell in einem sehr kurzen Zeitraum."

Was ihn dabei besonders beeindruckt: Polnische Städte erleben seiner Einschätzung nach gerade ihre beste Zeit überhaupt. "In der Geschichte der polnischen Städte gab es nie eine bessere Zeit als jetzt. Und noch nie haben sie so viele Menschen aus dem Westen angezogen."

Antoni Wladyka ist lizenzierter Stadtführer und Gründer von Walking Warsaw.
Antoni Wladyka ist lizenzierter Stadtführer und Gründer von Walking Warsaw. Walking Poland Group

"Deutschland ist momentan in keiner guten Verfassung"

Was treibt diesen Wandel an? Sendhardt beschreibt es als zwei parallele Entwicklungen: "Auf der einen Seite sind die Pullfaktoren, die Deutschland attraktiv machen und Menschen aus Polen anziehen, geringer geworden. Auf der anderen Seite sind die Pushfaktoren, die Leute dazu bringen, aus Polen auszuwandern, niedriger geworden."

Das deckt sich mit den Befragungsdaten des IAB: Als Hauptmotive für Auswanderungsüberlegungen nennen Polinnen und Polen vor allem strukturelle Gründe – die allgemeine wirtschaftliche Lage in Deutschland (57,7 Prozent), die politische Lage (56,0 Prozent), hohe Steuern (45,9 Prozent) und aufwendige Bürokratie (38,0 Prozent). Witte vom BiB ergänzt auf Anfrage von Euronews: "Ein Vergleich von deutschen und polnischen Wirtschaftsindikatoren deutet darauf hin, dass die Unterschiede zurückgegangen sind" – die wirtschaftliche Annäherung beider Länder sei der strukturelle Kern des Phänomens.

Das Bild Deutschlands habe sich in Polen verändert, beobachtet Sendhardt: "Deutschland war lange Zeit ein Land, auf das man geguckt hat: Da gibt es vielleicht kein gutes Wetter, die Leute haben nicht besonders viel Humor, aber man kann ganz gutes Geld verdienen und Infrastrukturprojekte funktionieren." Dieses Image sei heute nicht mehr haltbar. "Das Wohlstandsversprechen gilt in Deutschland nicht mehr", sagt er.

Stagnierende Wirtschaft und hohe Preise: Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 infolge massiver Energieschocks durch den Iran-Krieg halbiert.
Stagnierende Wirtschaft und hohe Preise: Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 infolge massiver Energieschocks durch den Iran-Krieg halbiert. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Polen modernisiert sich

Gleichzeitig hat sich Polen rasant entwickelt. EU-weit ist das Land inzwischen die sechstgrößte Volkswirtschaft, mit einem Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent im vergangenen Jahr – Prognosen für 2026 liegen noch höher. Während Deutschland in dieser Dekade sein Rekordjahr mit plus 2,7 Prozent verzeichnete – acht Jahre ist das her –, legte Polen regelmäßig um rund fünf Prozent pro Jahr zu.

Beim Blick auf den Arbeitsmarkt sieht das Bild ebenfalls anders aus als noch vor einer Generation: Die Arbeitslosenquote in Polen lag im Februar 2026 bei 3,2 Prozent – damit gehört das Land zu den niedrigsten in der gesamten EU. Deutschland liegt bei 4,0 Prozent, der EU-Schnitt bei 5,9 Prozent.

Sendhardt beschreibt einen Mentalitätswandel: "In Polen gibt es momentan einen ganz anderen Spirit, was den Blick in die Zukunft angeht. Während man in Polen davon ausgeht, dass morgen ein besserer Tag als heute sein wird, hat man in Deutschland eher die Tendenz, dass morgen schlechter wird als heute." Wer von Deutschland mit dem Zug nach Warschau fahre, werde in einer Stadt ankommen, "in der die Digitalisierung im Alltagsleben der Bürger viel weiter fortgeschritten ist als bei uns".

"Es erinnert kaum noch etwas an die kommunistische Ära"

Karolina Fuhrmann kennt diesen Wandel aus nächster Nähe. Die Projektkoordinatorin bei der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit wurde in Polen geboren und wuchs in Deutschland auf. Ihre Eltern emigrierten 1985 – und überlegen heute, ob sie zurückkehren sollen. "Dort hat sich vor allem dank der EU-Mitgliedschaft vieles verändert und die Lebensqualität ist gestiegen. Es erinnert kaum noch etwas an die kommunistische Ära, in der die meisten Polen emigriert sind", sagt sie. Was Fuhrmann beschreibt, gilt für viele Familien mit geteilten Wurzeln: Polen ist nicht mehr das Land, das man verlassen hat – und Deutschland ist nicht mehr das Land, das es einmal war.

Steueranreize als Verstärker – nicht als Ursache

Polen setzt bereits seit 2022 steuerliche Anreize für Rückkehrer. Mit der sogenannten "Ulga na Powrót" – einer Rückkehrsteuererleichterung – können Personen, die mindestens drei Jahre im Ausland gelebt haben, für vier aufeinanderfolgende Jahre einen Einkommensteuerfreibetrag von 85.528 Złoty (rund 19.700 Euro) pro Jahr in Anspruch nehmen. Zusammen mit dem allgemeinen polnischen Steuerfreibetrag können Rückkehrer damit effektiv bis zu rund 115.000 Złoty – umgerechnet etwa 26.500 Euro – pro Jahr steuerfrei verdienen. Die Tusk-Regierung hat im April 2025 zudem eine staatliche Diaspora-Strategie für die Jahre 2025 bis 2030 verabschiedet, die Rückkehrförderung erstmals explizit mit Arbeitsmarkt- und Außenpolitik verknüpft.

Sendhardt betont jedoch, dass die eigentlichen Entscheidungsgründe tiefer liegen: "Letztendlich wird niemand seinen Wohnsitz verlegen, seinen Job wechseln, seine Kinder aus der Schule abmelden, nur weil er vier Jahre lang die Einkommenssteuer vielleicht sparen kann." Viel entscheidender sei: "Finde ich in Polen wieder familiären Anschluss, ein soziales Umfeld, das mir fehlt, finde ich ein Umfeld vor, das mir und meiner Familie mehr Sicherheit verspricht?" Antoni Wladyka erlebte genau das: Seine Eltern, die heute noch in Deutschland leben, seien im Nachhinein froh über seine Entscheidung. "Die sehen den Unterschied zwischen 2013 und 2026. Jetzt habe ich einen Sohn, bekomme einen zweiten, wohne in der Innenstadt von Warschau – und wirtschaftlich stehe ich wesentlich besser da, als ich wahrscheinlich als Anwalt in Deutschland gestanden hätte."

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk will Polen zum "Anführer innerhalb der EU" machen.
Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk will Polen zum "Anführer innerhalb der EU" machen. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt

Für Deutschland ist der Wandel spürbar. Polnische Arbeitskräfte sind keine marginale Gruppe: Sie arbeiten überdurchschnittlich häufig in Engpassberufen – auf dem Bau, in der Logistik, im Gesundheitsbereich.

Prof. Dr. Yuliya Kosyakova, Forschungsbereichsleiterin für Migration und Integration am IAB, ordnet die Lage auf Anfrage von Euronews ein: "Wenn diese Gruppe verstärkt abwandert, betrifft das nicht Randbereiche, sondern zentrale Segmente des Arbeitsmarktes – insbesondere Industrie, Bau, Logistik und Teile der Dienstleistungen. Die Folgen könnten bestehende Fachkräfteengpässe spürbar verschärfen."

Besonders bemerkenswert: Kosyakova verweist auf ein scheinbares Paradox. Gerade gut integrierte und qualifizierte Migrantinnen und Migranten denken überdurchschnittlich häufig über eine Ausreise nach. "Höhere Qualifikation und erfolgreiche Integration erweitern die individuellen Handlungsspielräume – wer gut ausgebildet ist, über Sprachkenntnisse verfügt und im Arbeitsmarkt angekommen ist, hat mehr Alternativen, auch international." Integration führe daher nicht automatisch zu stärkerer Bindung. "Deutschland konkurriert nicht nur um Zuwanderung, sondern auch um den Verbleib der bereits Zugewanderten."

Wie Deutschland gegensteuern könnte

Was müsste sich ändern? Kosyakova nennt drei Bereiche: "Erstens die Effizienz und Verlässlichkeit administrativer Prozesse, etwa bei Anerkennung oder im Behördenkontakt. Zweitens ökonomische Rahmenbedingungen wie Steuer- und Abgabenlast sowie Karriereperspektiven. Und drittens alltagsnahe Faktoren wie Wohnungsmarkt, soziale Teilhabe und Vereinbarkeit von Arbeit und Familie." Das IAB hat 2021 berechnet, dass Deutschland jährlich rund 400.000 Personen durch Nettozuwanderung benötigt, um das Arbeitskräfteangebot langfristig stabil zu halten und den Folgen des demografischen Wandels entgegenzuwirken.

Nils Witte vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ergänzt: "Mit der Angleichung der volkswirtschaftlichen Leistung innerhalb des EU-Binnenmarktes sinkt die Attraktivität von Binnenmigration in der EU." Deutschland sollte daher stärker auf Anwerbeprogramme mit Drittstaaten setzen – und vorhandene Potenziale im Land besser nutzen, etwa durch vereinfachte Anerkennung von Berufsabschlüssen und mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Die Arbeitslosenquote lag in Deutschland im April bei 6,4 Prozent.
Die Arbeitslosenquote lag in Deutschland im April bei 6,4 Prozent. Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved.

Dr. Markus Reichel (CDU), Mitglied der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe im Bundestag, sieht das differenzierter. Der negative Wanderungssaldo sei für ihn kein Warnsignal, sondern ein Zeichen funktionierender EU-Politik: "Der negative Wanderungssaldo ist vor allem ein Beweis dafür, wie die Kohäsionspolitik der EU wirkt. Auch Deutschland profitiert von einem wirtschaftlich stärkeren Polen durch höhere Nachfrage und innovative Produkte." Es solle nicht das Ziel sein, Nachbarländern Arbeitskräfte abzuwerben. "Es ist im gemeinsamen Interesse, dass die EU ein Zielort für qualifizierte Menschen ist, die hier arbeiten und leben können und wollen."

Eine neue Symmetrie zwischen Nachbarn

Sendhardt sieht in der Entwicklung etwas Grundlegendes: "Wir sehen, dass sich diese alte eingespielte Asymmetrie zwischen Deutschland und Polen verändert. Deutschland das reiche Land, Polen der arme Nachbar – diese Rollenverteilung wird unschärfer."

Reichel pflichtet bei und formuliert daraus einen Auftrag: "Polens Aufstieg ist Chance statt Bedrohung für Deutschland – durch engere Zusammenarbeit und gemeinsame Wertschöpfung. Zugleich ist er Auftrag an uns, den Standort Deutschland durch weniger Bürokratie, mehr Innovation und bessere Rahmenbedingungen wieder attraktiver zu machen."

Bastian Sendhardt warnt zudem davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: "Ein oder zwei Jahre reichen noch nicht, um von einer dauerhaften Trendwende zu sprechen". Für viele der rund 45,7 Prozent polnischer Einwanderer in Deutschland, die noch unentschlossen sind, ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Wie sie ausfällt, dürfte davon abhängen, welche Antworten Deutschland auf seine strukturellen Probleme findet – und wie dynamisch sich Polen weiterentwickelt.

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