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Übersetzen als Kunst: Gespräch mit Booker-Jurorin Sophie Hughes

Literarische Übersetzerin und Jurorin des International Booker Prize 2026 Sophie Hughes
Sophie Hughes, Literaturübersetzerin und Jurorin des International Booker Prize 2026 Copyright  Credit: Sophie Davidson for the Booker Prize Foundation
Copyright Credit: Sophie Davidson for the Booker Prize Foundation
Von Anushka Roy
Zuerst veröffentlicht am
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Welttag des Buches: Übersetzerin Sophie Hughes spricht über die oft unterschätzte Kunst der Literaturübersetzung und deren Zukunft.

Das Paradox vom Schiff des Theseus beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. Der griechische Held ersetzt nach und nach jedes morsche Brett seines Schiffs durch ein neues. Damit stellt sich die Frage nach Identität und Veränderung: Können wir sagen, dass das neue Schiff im Kern noch dasselbe ist? Oder, noch entscheidender: Verändert der Austausch der Planken seine Identität grundlegend?

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Literarische Übersetzungen vergleicht man bisweilen mit diesem Paradox. Wenn alle Wörter neu sind, bleibt der Text dann derselbe? Wie darüber gestritten wird, hängt stark von der Form ab. Über übersetzte Lyrik spricht man anders als über übersetzte Prosa.

Im Lauf der Jahre hat sich die Debatte über Kunst und Arbeit der literarischen Übersetzung verschoben. Heute geht es weniger darum, was verloren geht, sondern darum, was interpretiert, verwandelt und hinzugewonnen wird – im Dienst der ursprünglichen Erzählung.

Zum Welttag des Buches spricht Euronews Culture mit Sophie Hughes, Jurorin des International Booker Prize 2026 und der meistnominierten Übersetzerin in der Geschichte dieser Auszeichnung. Wir haben mit ihr über die Kunst der literarischen Übersetzung gesprochen, über die Rolle von Übersetzerinnen und Übersetzern beim Aufbau internationaler Lese- und Schreibgemeinschaften und über die Zukunft dieses Berufs.

„Wie mühsam und wie kreativ die Arbeit literarischer Übersetzerinnen und Übersetzer ist, lässt sich kaum überschätzen.“
Sophie Hughes

Euronews Culture: Seit der Einführung des International Booker Prize vor fast einem Jahrzehnt hebt der Preis erzählende Literatur aus aller Welt hervor und zeichnet Autorinnen, Autoren und Übersetzende gemeinsam aus. Warum ist es wichtig, beide auszuzeichnen?

Sophie Hughes: Man kann ohne Übertreibung sagen: Ein übersetztes Buch ist ein Buch, das zweimal geschrieben wurde. Wie mühsam und gleichzeitig wie schöpferisch die Arbeit literarischer Übersetzerinnen und Übersetzer ist, lässt sich kaum überschätzen. Zwei Sprachen unterscheiden sich nicht nur ein bisschen voneinander, sie können extrem, manchmal völlig verschieden sein. Das bedeutet: Die Wörter, die Sie in einer Übersetzung lesen, sind die Wörter der übersetzenden Person – auch wenn sie sie immer im Bewusstsein der ursprünglichen Worte der Autorin oder des Autors auswählt.

Übersetzende interpretieren, wie alle Leserinnen und Leser. Sie treffen fortlaufend Entscheidungen – im Namen der Autorin oder des Autors und zugleich im Namen der künftigen Leserschaft. Beide haben sie stets im Kopf. Hat ein Roman sechzigtausend Wörter und teilen die beiden Sprachen kein gemeinsames Vokabular, dann bedeutet das mindestens sechzigtausend Entscheidungen pro Buch. In Wahrheit sind es aber weit mehr, wenn man Satzbau, Zeichensetzung, Rechtschreibung, Dialekte, Intention, Tonfall, sprachliche Konventionen, kulturelle Gepflogenheiten, Varianten des Englischen und vieles andere mehr dazu nimmt.

Darum ist es so bedeutsam, dass der International Booker Prize, der vom Renommee und der Popularität der Booker-Preise profitiert, die übersetzende Person ausdrücklich als eine Art Mitautorin oder Mitautor sichtbar macht. Sie erhält die Hälfte des Preisgeldes – und ebenso die Hälfte der Anerkennung für ein Werk von herausragender literarischer Qualität.

Wie beeinflusst Übersetzung den literarischen Prozess und die Wirkung eines fertigen Werks?

Der Übersetzer und Juror des International Booker Prize 2017, Daniel Hahn, hat einmal geschrieben, Übersetzende müssten „genau dasselbe Buch schreiben – genau dasselbe –, ohne auch nur eines der gleichen Wörter zu benutzen“. Mit anderen Worten: Übersetzung verwandelt Texte. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben wir uns zum Glück von der Fixierung darauf gelöst, was in Übersetzungen verloren geht, und erkennen zunehmend, was hinzugewonnen wird.

Am sichtbarsten ist zunächst: Viele Leserinnen und Leser erhalten Zugang zu Büchern, die sie sonst nie lesen könnten. Die Veröffentlichung zeitgenössischer Romane aus aller Welt erweitert unseren Blick und bereichert die Gespräche – und auch Streitgespräche –, die wir über die Gegenwart führen: über aktuelle Nachrichten ebenso wie über vererbte oder tief verwurzelte Vorstellungen von Menschen und Orten, die wir nicht aus eigener Erfahrung kennen.

Auch auf der Seite selbst lässt sich viel gewinnen. Ich liebe die Geschichte von Samuel Beckett: Er schrieb die Erzählung „Sans“ursprünglich auf Französisch. Für seine eigene Übertragung ins Englische nutzte er dann die besondere Formenvielfalt des Englischen, ließ die Präposition weg und erfand das seiner Ansicht nach metaphysisch viel reichere „Lessness“. Als er den ursprünglichen Titel daraufhin noch einmal überdachte, stellte er offenbar fest, „dass es im Französischen kein Substantiv gibt, das Abwesenheit an sich ausdrücken kann“. Die Übersetzung verbesserte das Original. Solche Fälle sind keineswegs selten.

ARCHIV - Übersetzerin Sophie Hughes (links) und Vincenzo Latronico (rechts), Autor von „Perfection“, kommen zur Verleihung des International Booker Prize in London, Vereinigtes Königreich, am 20. Mai 2025.
ARCHIV - Übersetzerin Sophie Hughes (links) und Vincenzo Latronico (rechts), Autor von „Perfection“, kommen zur Verleihung des International Booker Prize in London, Vereinigtes Königreich, am 20. Mai 2025. AP Photo/Alberto Pezzali
„Für Leserinnen und Leser, die ihren Horizont erweitern und Geschichten lesen wollen, die über die Grenzen ihres eigenen Lebens hinausgehen, sollen wir auch sehr verlässliche, wirklich kundige Späherinnen und Späher sein.“
Sophie Hughes

Wie prägt die Arbeit von Übersetzenden die weitere Gemeinschaft von Leserinnen, Lesern und Schreibenden?

Alle professionellen Übersetzerinnen und Übersetzer, die ich kenne, sind leidenschaftliche Leserinnen und Leser – und Leidenschaft steckt an. Nicht zuletzt durch das Internet übersetzen sie heute nicht mehr nur Texte. Sie schlagen Verlage Autorinnen und Autoren vor, die neu sind oder neu für den englischsprachigen Markt, und machen deren Bücher in Essays, Interviews und auf Lesungen bekannt.

Sinn und Ton zu treffen, ist extrem wichtig. Wie die große Übersetzerin von Asterix und anderen Meisterwerken, Edith Grossman, einmal schrieb, ist „Treue unser vornehmes Ziel“. Gleichzeitig sehe ich die Übersetzenden von heute als diejenigen in unserer Community, die Begeisterung für ein Buch oder eine Autorin, einen Autor am besten vermitteln können. Für Menschen, die ihren Horizont erweitern wollen und Geschichten suchen, die über die Grenzen ihres eigenen Lebens hinausführen, sind wir auch sehr verlässliche, ausgesprochen kundige Späherinnen und Späher.

Gibt es Übersetzungen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind, weil sie den Ton des Originals so gut getroffen haben? Und Fälle, in denen Übersetzungen gründlich schiefgelaufen sind?

Wenn etwas schiefgeht, dann oft deshalb, weil Übersetzung immer auch eine Form der lesenden Interpretation ist. Man kann leicht Original und Übertragung nebeneinanderlegen und sagen: „So ist das doch gar nicht gemeint!“ oder: „Hier gäbe es ein viel besseres Wort!“ Wenn wir uns Übersetzungen so nähern, nehmen wir uns allerdings viel von der Freude am Lesen.

Ich glaube, ein gelungen übersetztes Buch hinterlässt keine Spur von dem, was die Autorin Lina Mounzer mir einmal als „mühsame Qual“ des Übersetzens beschrieben hat. Alle dreizehn Bücher auf der diesjährigen Longlist des International Booker Prize bestechen durch bemerkenswerte Übersetzungen, jedes auf seine Weise: durch besonders spritzige Dialoge etwa, durch feine lyrische Bögen, durch Sätze mit unerschütterlichem Rhythmus, durch Pointen, bei denen man laut lachen muss, und durch kluge Wortspiele. Und alle lassen die Arbeit, ohne Ausnahme, ganz leicht aussehen – ein verlässliches Kennzeichen einer großen Übersetzung.

„Übersetzerinnen und Übersetzer werden zu Recht oft mit Schauspielerinnen und Schauspielern verglichen, die eine Rolle aus einem Theaterstück oder Drehbuch interpretieren.“
Sophie Hughes

Hat sich die Debatte über die Kunst der Übersetzung und die Rolle der Übersetzenden im literarischen Prozess in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Sie hat sich fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Schon in den neunziger Jahren setzte sich in der Übersetzungsforschung eine „kulturelle Wende“ durch. Im Mittelpunkt stand nun die Frage, welche Rolle Kultur in der Übersetzung spielt, und die Einsicht, dass Länder nicht nur ihre eigene Sprache oder ihre eigenen Sprachen haben, sondern auch eigene kulturelle Vorstellungen, Bräuche und Werte. All das lässt sich von den Geschichten, die dort entstehen, nicht trennen. Die weit verbreitete Vorstellung einer ideal neutralen Übersetzerfigur wurde damals gründlich erschüttert; man erkannte die unvermeidlich persönliche, subjektive Interpretation an.

In den vergangenen zehn Jahren sind wir noch einen Schritt weitergegangen: von der bloßen Akzeptanz dieser Subjektivität zu ihrer Feier. Übersetzerinnen und Übersetzer vergleicht man heute zu Recht oft mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die eine Rolle interpretieren. Immer mehr Literaturpreise wie der International Booker Prize tragen diesem Verständnis Rechnung. Dadurch machen viele Leserinnen und Leser keinen Unterschied mehr zwischen Büchern in Übersetzung und Büchern, die ursprünglich auf Englisch erschienen sind. Aktuelle Daten zeigen, dass die Verkäufe übersetzter Belletristik im Vereinigten Königreich in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind. Besonders ermutigend ist, dass sich vor allem 25- bis 34-Jährige stark für Übersetzungen interessieren.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir noch sehr weit von dem Punkt entfernt sind, an dem Maschinen Literatur eigenständig angemessen übersetzen können – oder an dem die meisten Literaturverlage ernsthaft darüber nachdenken, menschliche Übersetzerinnen und Übersetzer zu ersetzen.“
Sophie Hughes

Mit dem technischen Fortschritt, vor allem bei KI-Werkzeugen und Übersetzungssoftware: Wird sich Ihrer Meinung nach die Rolle menschlicher Übersetzender im kreativen Prozess verändern?

Sie hat sich bereits verändert, und weitere Veränderungen werden sicher kommen – wie in fast allen Branchen. So setzen etwa immer mehr Verlage Übersetzerinnen und Übersetzer dafür ein, literarische Texte „rückzuübersetzen“, also Fassungen zu überarbeiten, die zunächst von einer Maschine erstellt wurden. Dahinter steht meist das Argument der Kosteneffizienz.

Ich habe in diesem Jahr als Jurorin des International Booker Prize 2026 einhundertachtundzwanzig Werke gelesen – Literatur in Übersetzung, mal urkomisch, mal seltsam, reich an Mehrdeutigkeiten, verspielt im Umgang mit Sprache, klug, wild imaginativ, zutiefst menschlich. Aus dieser Erfahrung heraus wage ich die Prognose: Wir sind noch sehr weit davon entfernt, dass Maschinen Literatur von Grund auf zufriedenstellend übersetzen. Und ebenso weit davon, dass die meisten Verlage ernsthaft erwägen, menschliche Übersetzerinnen und Übersetzer zu ersetzen.

Im Moment erlauben die Modelle, auf denen solche Programme beruhen, ihnen ein gewissermaßen vernunftgesteuertes, verallgemeinerndes „Lesen“. Aber wer geht in eine Bibliothek oder Buchhandlung und sucht nach verallgemeinerter, rein vernünftiger Literatur? Die meisten von uns suchen menschliche Nähe, Geschichten, die etwas fühlen lassen. Wenn Übersetzerinnen und Übersetzer, wie ich sagte, selbst Autorinnen und Autoren sind, gilt: Wer menschliche Schreibende bevorzugt, fährt auch mit menschlichen Übersetzenden besser.

Die Organisatorinnen und Organisatoren des International Booker Prize 2026 geben das Siegerbuch am Dienstag, dem 19. Mai, bei einer Zeremonie in der Tate Modern in London bekannt.

Auf der Shortlist des diesjährigen Preises stehen: Daniel Kehlmann („The Director“ – übersetzt von Ross Benjamin), Marie NDiaye („The Witch“ – übersetzt von Jordan Stump), Yáng Shuāng-zǐ („Taiwan Travelogue“ – übersetzt von Lin King), Ana Paula Maia („On Earth As It Is Beaneath“ – übersetzt von Padma Viswanathan), Rene Karabash („She Who Remains“ – übersetzt von Izidora Angel) und Shida Bazyar („The Nights Are Quiet In Tehran“ – übersetzt von Ruth Martin).

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