Laut neuen Studien haben sich traditionell komplexe westliche Musikstile wie Jazz und klassische Musik im Aufbau im Laufe der Zeit stark vereinfacht.
Ältere Generationen klagen oft, die Musik früher sei besser gewesen. Aber war sie auch komplexer?
Eine neue Studie, die vor allem klassische Musik und Jazz untersucht, kommt zu dem Schluss, dass diese Gattungen einfacher geworden sind – und dass das nicht unbedingt schlecht ist.
In der Hoffnung, langfristige Muster in der musikalischen Entwicklung zu erkennen, hat ein Team italienischer Forschender rund 20.000 MIDI-Dateien mit Musik aus den Jahren 1600 bis 2021 ausgewertet.
„Zunächst mussten wir klären, wie sich das, was wir als Komplexität von Musik verstehen, messen lässt – ähnlich wie bei Texten“, sagt Niccolò Di Marco, Assistenzprofessor an der Universität Tuscia in Italien und Mitautor der Studie, gegenüber Euronews Culture.
„Nach der Sichtung der Fachliteratur stellte sich heraus, dass sich unser Ansatz nur mit MIDI-Dateien – also einer digitalen Repräsentation von Musik – robust umsetzen lässt. Auf dieser Grundlage konnten wir Werkzeuge aus der Komplexitätsforschung anwenden.“
Er weist zugleich auf Grenzen der in der Fachzeitschrift Nature (Quelle auf Englisch) veröffentlichten Studie hin. So lasse sich etwa die Auswahl einzelner Töne beim Übertragen in MIDI-Dateien nur ungenau erfassen, da das Format stark auf einem Zwölfton-Tonsystem beruht.
Die Forschenden konzentrierten sich deshalb auf melodische und harmonische Übergänge. Dabei zeigte sich: Klassik und Jazz nähern sich in ihren Strukturmustern zunehmend weniger komplexen, jüngeren Musikrichtungen an.
Bereits 2024 hatte eine Studie der Queen Mary University of London einen ähnlichen Trend zur Vereinfachung bei erfolgreichen Popsongs festgestellt.
Schnell ist bei solchen Entwicklungen von technischen Neuerungen und einer gleichförmigen Popkultur die Rede. Di Marco hält diese Erklärung jedoch für zu kurz gegriffen. Komplexität verschwinde nicht aus diesen Genres, sondern verlagere sich.
„Hinzu kommen breitere kulturelle und praktische Faktoren. Im 20. und 21. Jahrhundert haben sich musikalische Sprachen und Publika stark ausdifferenziert. Manche Komponistinnen und Komponisten setzen heute eher auf Klarheit, Wiederholung oder Zugänglichkeit als auf dicht ausgearbeitete Strukturen“, erläutert er.
„Deshalb würde ich sagen: Klassische Musik wird nicht unbedingt weniger komplex, sondern anders komplex. Sie rückt weg von harmonischer und melodischer Feinverästelung und hin zu anderen Dimensionen, die sich schwerer messen lassen.“
Di Marcos Studie gehört zu einem größeren Forschungsprojekt, das untersucht, wie sich das menschliche Leben seit der Einführung des Internets und der sozialen Medien verändert hat. Frühere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich auch unsere Kommunikation im Netz vereinfacht.
Dennoch sieht Di Marco keinen Anlass zur Sorge. Die Entwicklung könne sogar positive Seiten haben, weil sich die Welt im digitalen Zeitalter ständig neu ordnet.
„In einer viel stärker vernetzten Welt ist das Auftreten einfacherer musikalischer Strukturen nicht zwangsläufig problematisch – vor allem, wenn es um Zugänglichkeit und Reichweite geht“, sagt er.
„Unser Beitrag soll Musik daher nicht kritisieren oder eine angebliche Verflachung beklagen. Wir wollen vielmehr mögliche Entwicklungen in bestimmten Aspekten der Musik messbar machen.“