Deutschland will offenbar Milliarden in den Zivilschutz investieren: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will Bevölkerungsschutz, Ausrüstung und Warnsysteme grundlegend ausbauen. Das Bundeskabinett soll das Paket noch diese Woche beschließen.
Rund zehn Milliarden Euro sollen bis 2029 in den deutschen Bevölkerungsschutz fließen, etwa in Ausrüstung, Personal und digitale Infrastruktur.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat dafür ein umfangreiches Paket erarbeitet, das das Bundeskabinett noch diese Woche beschließen soll, wie die BILD berichtet. Geplant sind unter anderem neue Spezialfahrzeuge, Feldbetten, medizinische Notfallstrukturen sowie eine erweiterte Zivilschutz-App, ergänzt durch eine neue Koordinationsstelle im Innenministerium, die militärische und zivile Verteidigung enger verzahnen soll.
Jahrzehntelanger Abbau
Nur rund 2.800 Personen sind bundesweit hauptamtlich im Bereich Zivilschutz tätig. Eine Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom Oktober 2025 ergab zudem, dass lediglich ein Viertel der deutschen Kliniken über Einsatzpläne für den Verteidigungsfall verfügt.
Sicherheitsexperten hatten diesen Zustand bereits früh kritisiert: "Was wir die vergangenen Jahrzehnte erlebt haben, ist, dass sukzessive die Maßnahmen im Rahmen des Zivilschutzes abgebaut wurden – keine Finanzierung, kein neues Personal", sagte Sicherheitsberater Ferdinand Gehringer im Februar im Gespräch mit Euronews. Könnte Dobrindts Paket eine politische Antwort auf diese lang bekannte Schutzlücke sein?
Was geplant ist
Das Paket basiert auf einem sogenannten 3-A-Modell: einem klar definierten Auftrag, verbesserter Ausstattung und einheitlicher Ausbildung für Einsatzkräfte. Dobrindt sagte der BILD: "Wir rüsten auf beim Bevölkerungsschutz und der zivilen Verteidigung. Mit klarer Kante gegen hybride Bedrohungen und konsequenter Unterstützung der ehrenamtlichen Kräfte. Wir vernetzen militärische und zivile Verteidigung für mehr Sicherheit und Resilienz." Zur stärkeren Koordination soll im Bundesinnenministerium die neue Stabsstelle "Kommando zivile Verteidigung" eingerichtet werden. Sie soll zentral planen, die Abläufe im Krisenfall steuern und als dauerhafte Schnittstelle zwischen militärischer und ziviler Verteidigung fungieren.
Milliarden für Ausstattung und Personal
Bis 2029 sollen rund zehn Milliarden Euro in den Bevölkerungsschutz investiert werden, weitere drei Milliarden sind für Personal und Technik beim Technischen Hilfswerk (THW) und Zivilschutz vorgesehen. Geplant sind unter anderem die Beschaffung von über 1.000 Spezialfahrzeugen sowie der Kauf von mindestens 110.000 Feldbetten. Die Ausschreibung läuft bereits, die Auslieferung ist für 2027 bis 2029 vorgesehen.
Hinzu kommt ein umfangreiches Bauprogramm zur Modernisierung von Gebäuden und Anlagen des THW sowie der Aufbau einer medizinischen Taskforce des Bundes an über 50 Standorten in Deutschland, die bei einem Massenanfall von Verletzten zum Einsatz kommen soll.
Auf Länderebene ist Bayern bereits einen Schritt weiter: Der Freistaat hat im April ein eigenes Landesamt für Bevölkerungsschutz eingerichtet, das im Ernstfall bis zu 450.000 Einsatzkräfte koordinieren soll.
Ausbildung und Schulen
Im Bereich Ausbildung sollen bundesweit einheitliche Standards für Einsatzkräfte eingeführt werden – unter anderem für den Umgang mit chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Gefahrenlagen (CBRN). Das betrifft sowohl hauptamtliche Kräfte als auch die laut BBK rund 1,7 Millionen ehrenamtlich Engagierten in Hilfsorganisationen und Feuerwehren – wobei Experten darauf hinweisen, dass Doppelmitgliedschaften in dieser Schätzung nicht berücksichtigt sind. Darüber hinaus plant Dobrindt laut BILD, Zivilschutzthemen künftig in den Schulunterricht zu integrieren, um bereits bei jungen Menschen ein Bewusstsein für Notfallsituationen und Selbstschutz zu schaffen.
Nina-App soll Weg zu Bunkern zeigen
Ergänzend soll die digitale Warnung der Bevölkerung deutlich ausgebaut werden. Laut BILD sollen bundesweit öffentliche Zufluchtsräume – darunter Bunker, gesicherte Keller, U-Bahnschächte, Tunnel und Tiefgaragen – systematisch erfasst und in die Warn-App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) integriert werden. Die App soll Nutzern im Gefahrenfall nicht nur Warnmeldungen ausgeben, sondern auch in Echtzeit den schnellsten Weg zum nächsten Schutzraum anzeigen. Damit würde NINA eine neue Funktion erhalten, die über die bisherige reine Alarmierung hinausgeht und den Bürgern im Ernstfall konkrete Orientierung bieten soll.
Pistorius trifft DACH-Partner in Berlin
Dass Sicherheitspolitik heute als gesamteuropäische Aufgabe verstanden wird, zeigte sich auch an einem Treffen in Berlin am selben Montag: Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) empfing seine Amtskollegen aus Österreich, der Schweiz und Luxemburg im Verteidigungsministerium. Themen des Gesprächs waren die aktuelle Sicherheitslage in Europa sowie die weitere Unterstützung der Ukraine.
Die sogenannte DACH-Runde (Deutschland, Österrreich, Schweiz) trifft sich regelmäßig auf Ministerebene, um sicherheitspolitische Fragen und gemeinsame Projekte zu beraten; diesmal wurde der Kreis um Luxemburg erweitert. Das Treffen steht im Kontext eines breiter angelegten Kurses der Bundesregierung: Sicherheit soll künftig sowohl national – durch den Ausbau des Zivilschutzes – als auch in enger Abstimmung mit europäischen Partnernationen organisiert werden.