Auf EU-Ebene gibt es erste Ansätze, den Mittelstand bei Bürokratie- und Berichtspflichten zu entlasten. Jedoch setzt Deutschland diese Vereinfachungen bisher nur teilweise um. Euronews sprach mit Günter Althaus, Präsident des Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM) und CEO Reformhaus eG.
Zwischen Lieferkettengesetz, Bonpflicht und neuen Dokumentationsvorgaben wächst bei vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen der Eindruck, dass der bürokratische Aufwand in Deutschland und der Europäischen Union zunehmend außer Verhältnis zum Nutzen steht. Betriebe sehen sich mit einer Flut an Vorschriften konfrontiert, die Zeit, Geld und Personal binden – Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Gleichzeitig steigen wirtschaftlicher Druck, Energie- und Arbeitskosten sowie die Zahl der Unternehmensinsolvenzen.
Der Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM), ehemals DER MITTELSTANDSVERBUND, vertritt Verbundgruppen aus dem Lebensmittelhandel und angrenzenden Bereichen. Beispiele sind der EDEKA-Verbund, REWE-Kaufleute, BÄKO im Bäckerhandwerk, die MHK Group für den Küchen-, Möbel- und Sanitärfachhandel sowie die expert SE im Bereich Unterhaltungselektronik und IT.
Wie stark belasten neue Regulierungen den Mittelstand? Und welche Vorgaben gelten als sinnvoll – oder überzogen?
Euronews sprach mit Günter Althaus, Präsident des Bundesverbands Kooperierender Mittelstand (BKM).
Euronews: Es gibt eine Menge Vorgaben für Händler, sowohl auf EU- als auch auf Bundesebene, sei es das neue Gewährleistungs- und Garantielabel, Spezifikationen zum Einhalten der DSGVO etc. - und es scheinen nicht weniger, sondern mehr zu werden.
Warum diese Sucht nach Bürokratie?
Günter Althaus: Der Begriff ist natürlich zugespitzt, aber er beschreibt ein reales Problem. Wir sehen seit Jahren eine kontinuierlich wachsende Regulierungsdichte auf EU- und Bundesebene, die sich im Alltag des kooperierenden Mittelstands kumulativ auswirkt. Ein zentrales Problem ist, dass Regulierung häufig nach dem Prinzip "one size fits all" erfolgt. Kleine und mittlere Unternehmen müssen dieselben Nachweis-, Dokumentations- und Berichtspflichten erfüllen wie Konzerne. Besonders für inhabergeführte Betriebe bedeutet das: Zeit und Ressourcen fließen zunehmend in Verwaltung statt in Innovation, Kunden oder Beschäftigung.
"Mut, Regeln wieder zu streichen"
Was fehlt, ist eine konsequente Priorisierung, eine bessere Abstimmung zwischen EU und nationaler Umsetzung – und der Mut, Regeln auch wieder zu streichen, wenn sie ihren Zweck verfehlen.
Euronews: 2025 wurden innerhalb eines Jahres 17.604 Unternehmeninsolvenzen verzeichnet– im Schnitt 48 Personen- und Kapitalgesellschaften pro Tag in Deutschland. Das ist der höchste Stand seit zwei Jahrzehnten. Welche Faktoren sind dafür verantwortlich?
Die von Ihnen genannten Zahlen entstammen den offiziellen Statistiken. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen enden aber sehr häufig nicht in der Insolvenz, sondern in einer stillen Liquidation. Einer der Hauptgründe ist u.a. fehlende Nachfolgeregelungen bzw. fehlende Nachfolgebereitschaft.
Zudem erleben wir derzeit ein Zusammentreffen struktureller Belastungen: Fachkräftemangel, zurückhaltender Konsum, hohe Energie- und Arbeitskosten, eine im internationalen Vergleich hohe Steuerlast, geopolitische Unsicherheiten – und gleichzeitig eine weiterhin überbordende Bürokratie. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ihre Polster aufgebraucht.
Wichtig ist: Das ist kein Zeichen mangelnder Leistungsfähigkeit des Mittelstands, sondern Ausdruck eines wirtschaftspolitisch und regulatorisch überfordernden Umfelds. Wenn wir diese Entwicklung stoppen wollen, brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, echte steuerliche Entlastungen und einen spürbaren Bürokratieabbau. Nur dann schaffen wir es auch wieder, junge Menschen für Selbständigkeit und Innovationsbereitschaft zu begeistern.
Euronews: Welche Regulierungen sind Ihnen als Verband als unsinnig und überflüssig bekannt, sowohl auf EU- als auch Bundesebene?
Günter Althaus: Wichtig ist uns eine differenzierte Sicht: Regulierung muss verhältnismäßig, klar und umsetzbar sein. Kritisch wird es dort, wo Regeln nur Bürokratie erzeugen und keinen echten Nutzen haben – zum Beispiel die Verpflichtung mittelständischer Unternehmen zur Einführung von Energiemanagementsystemen. Diese binden Kapital und Ressourcen, ohne automatisch Energie oder CO₂ einzusparen.
Ein Beispiel sind auch umfangreiche Dokumentations- und Berichtspflichten, etwa bei der Nachhaltigkeit oder im Arbeitsschutz. Die Anforderungen an Nachweise und Formate sind oft so komplex, dass sie insbesondere kleine Betriebe überfordern – ohne dass der Schutz in der Praxis signifikant steigt.
Ein weiteres Beispiel sind verbraucherrechtliche Informations- und Kennzeichnungspflichten, etwa neue Gewährleistungs- und Garantielabel oder permanente Widerrufsbuttons im Online-Handel. Sie erfordern teure technische Anpassungen und rechtliche Prüfungen, obwohl viele Informationen für Verbraucher kaum zusätzlichen Mehrwert bieten. Positiv ist hier immerhin, dass das Problem des "ewigen Widerrufsrechts" gelöst wurde – ein Beleg dafür, dass Nachjustierung möglich ist. Unser Appell lautet: Mehr Praxischecks vor Einführung, weniger nationale Sonderwege und klare Übergangsfristen.
Zur Information: Das sogenannte "ewige Widerrufsrecht" bezeichnete die Möglichkeit für Verbraucher, Verträge auch noch Jahre nach Abschluss zu widerrufen, wenn Unternehmen fehlerhafte Widerrufsbelehrungen verwendet hatten. Besonders betroffen waren Finanz- und Versicherungsverträge. Für Unternehmen führte das zu erheblicher Rechtsunsicherheit.
Brüssel hat geliefert, Deutschland nicht umgesetzt
Günter Althaus: Aktuell gibt es auf EU-Ebene positive Entwicklungen, die den Mittelstand spürbar entlasten. Mit dem Omnibus-I-Kompromiss im Dezember 2025 wurden die Berichtspflichten im Bereich Nachhaltigkeitsberichterstattung und Lieferkettensorgfalt erheblich reduziert, was wir sehr begrüßen. Brüssel hat in diesem Fall geliefert.
Umso bedauerlicher ist es, dass diese positiven und vor allem sinnvollen Signale aktuell verklingen. Weder der Entwurf zur Anpassung des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes noch das Umsetzungsgesetz zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nehmen Bezug auf die im Dezember gefundenen Erleichterungen für die Unternehmen. Deutschland beschreitet hier kurzfristig einen Sonderweg und widerspricht klar dem Plan eines einheitlichen und damit wettbewerbsfähigen Binnenmarktes.
Euronews: Handwerksunternehmen müssen einen Leiterbeauftragten einsetzen, der protokolliert, dass Leitern sicher sind. Betriebe sind verpflichtet, zu belegen, dass die vorgeschriebenen Kühltemperaturen eingehalten werden. Millionen Papierbons landen jährlich im Müll – und belasten nicht nur die Umwelt. Die Abschaffung von letzterem steht auch im Koalitionsvertrag, aber geschehen ist bisher nichts. Mahlen die Mühlen zu langsam?
Günter Althaus: Ja, die Mühlen mahlen zu langsam. Belastungen werden schnell eingeführt, Entlastungen dagegen oft vertagt. Das untergräbt Vertrauen und Planbarkeit – beides zentrale Voraussetzungen für unternehmerische Entscheidungen.
Die obigen Beispiele zeigen sehr plastisch, wo Regulierung an ihre Grenzen stößt. Niemand stellt infrage, dass Arbeitsschutz oder Lebensmittelsicherheit wichtig sind. Die Frage ist aber: Braucht es dafür immer zusätzliche formale Rollen, Protokolle und Nachweise – unabhängig von Betriebsgröße und Risiko?
Besonders deutlich wird das bei der Bonpflicht. Sie sollte Steuerbetrug verhindern, führt in der Praxis aber zu Millionen unnötiger Papierbons, zusätzlichem Aufwand und Umweltbelastung – vor allem für kleine Betriebe. Dass ihre Abschaffung zwar politisch beschlossen, aber bis heute nicht umgesetzt ist, sorgt zunehmend für Frust im kooperierenden Mittelstand.
Euronews: Nicht nur der Mittelstand, auch Kleinunternehmer stehen unter erheblichen Belastungen durch Bürokratie, Fachkräftemangel und Marktdruck.
Günter Althaus: Als CEO und zugleich Vorstandsvorsitzender der Reformhaus eG kenne ich die Situation inhabergeführter Fachgeschäfte sehr genau. In unserer Genossenschaft sind viele auch kleine Reformhäuser organisiert, die täglich im Wettbewerb stehen mit größeren mittelständischen Anbietern ebenso wie mit Filialketten oder Online- Plattformen.
Gleichzeitig zeigt gerade das Beispiel Reformhaus: Kooperation ist kein Nachteil, sondern eine Chance. Durch gemeinschaftlichen Einkauf, gemeinsame Markenführung, Beratung und Know-how-Transfer können kleinere ebenso wie mittlere Betriebe ihre Eigenständigkeit bewahren und zugleich wirtschaftlich stark sein.
Entscheidend ist, dass die politischen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass unternehmerische Vielfalt erhalten bleibt – und dass Kooperation nicht behindert, sondern gestärkt wird. Denn sie ist ein wesentlicher Stabilitätsfaktor unseres Wirtschaftsmodells.
Wer seine unternehmerische Resilienz stärken will, setzt deshalb auf Kooperation: Verbundgruppen sind ein unterschätztes Sicherheitsnetz – sie erhöhen die Krisenfestigkeit, mindern Abhängigkeiten und ermöglichen Leistungen, die ein einzelnes Unternehmen schwieriger allein stemmen könnte.