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Hitzewellen in Deutschland: Wer schützt Alte, Kranke und Pflegebedürftige?

Hitzewellen "dürfen in Pflegeeinrichtungen nicht jedes Jahr aufs Neue improvisiert werden", so der BIVA-Verband.
Hitzewellen "dürfen in Pflegeeinrichtungen nicht jedes Jahr aufs Neue improvisiert werden", so der BIVA-Verband. Copyright  AP2009
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Von Franziska Müller
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Extreme Hitzewellen sind längst absehbar und besonders gefährlich für alte, kranke und pflegebedürftige Menschen. "Sie dürfen in Pflegeeinrichtungen nicht jedes Jahr aufs Neue improvisiert werden", warnen Experten und fordern Pflicht-Schutzpläne. Zahlen zeigen: es fehlen vor allem Klimaanlagen.

Etwa einen Monat ist es her, dass zwei Seniorenresidenzen in Nordrhein-Westfalen infolge einer Hitzewelle evakuiert werden mussten. Eines der Pflegeheime war die Alloheim Seniorenresidenz Dormagen. Im Gebäude wurden in der Nacht und am frühen Morgen des 27. Juni hohe Temperaturen von teilweise mehr als 35 Grad Celsius festgestellt. Ein Bewohner der Einrichtung verstarb.

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Obwohl ein Zusammenhang mit der Hitze nicht eindeutig geklärt ist, ergriffen die Einsatzkräfte sofort Maßnahmen. 16 Bewohner wurden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, 167 der Bewohner in andere, klimatisierte Gebäude verlegt. Die Stadt richtete sogar einen eigenen Krisenstab ein.

"Die anhaltende Hitze stellt insbesondere für ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen eine erhebliche Gefahr dar", sagte der Bürgermeister der Stadt Dormagen, Erik Lierenfeld. Er appelierte in einer Meldung, "auf sich selbst und auf Mitmenschen zu achten, ausreichend zu trinken und insbesondere alleinlebende Seniorinnen und Senioren im Blick zu behalten".

Wetterexperten warnen nun erneut vor andauernden heißen Temperaturen, auch die 40-Grad-Marke könnte in der laufenden Woche geknackt werden. Dementsprechend stellt sich die Frage: Wie können sich Pflegeeinrichtungen besser vorbereiten?

Kaum Durst, kaum Warnsignale: Wie der Körper im Alter (nicht) reagiert

Senioren gehören zu den vulnerablen Gruppen, wenn es um Hitze geht. "Insbesondere pflegebedürftige Menschen sind aufgrund von Erkrankungen, häufig eingeschränkter Beweglichkeit und ggf. kognitiven Einschränkungen an heißen Tagen gefährdet", stellt ein vom GKV-Spitzenverband beauftragter Bericht zu "Hitzeschutzmaßnahmen in der stationären und ambulanten Pflege" (HISTA) fest.

Die Körper älterer Menschen können laut GKV-Bericht Hitze schlechter regulieren. "Das Durstgefühl ist oft vermindert, der Körper reguliert Hitze schlechter, Warnsignale werden später bemerkt und die Belastungsgrenze ist schneller erreicht", eklärt Dr. David Kröll, Pressesprecher der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) auf Anfrage von Euronews. Oft könnten sich Betroffene selbst nicht schützen.

"Hitze ist für diese Menschen kein bloßes Komfortproblem", so Kröll über Menschen in Pflegeeinrichtungen.
"Hitze ist für diese Menschen kein bloßes Komfortproblem", so Kröll über Menschen in Pflegeeinrichtungen. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

"Wer bettlägerig ist, kann nicht eigenständig einen kühleren Raum aufsuchen. Wer Hilfe beim Trinken braucht, ist darauf angewiesen, dass jemand regelmäßig Getränke anbietet und das Trinken begleitet. Wer sich nicht selbst umziehen, duschen oder waschen kann, braucht Unterstützung, um den Körper zu entlasten."

Kröll macht deutlich: "Hitze ist für diese Menschen kein bloßes Komfortproblem." Sie könne sehr schnell zu einem ernsthaften Gesundheitsrisiko werden. Deshalb müsse Hitzeschutz als Teil der pflegerischen Versorgung verstanden werden, nicht als freiwillige Zusatzleistung, fordert der BIVA-Sprecher.

Das höhere Risiko für ältere Menschen spiegelt sich auch in einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) wider. Demnach machen Menschen im Alter von über 75 Jahren über 80 Prozent der bisherigen Hitzetoten aus. Bis Ende Juni 2026 schätzte das Institut rund 5.120 hitzebedingte Sterbefälle.

Dabei ist die Berechnung der Hitzetoten schwierig, denn oftmals ist Hitze ein verschärfender Faktor für Menschen aus Risikogruppen. Hitzetote werden auf Basis der Übersterblichkeit geschätzt. Die Zahl ergibt sich aus der Differenz zu den geschätzten Todesfällen bei geringeren Temperaturen.

Hitzeschutzpläne existieren,...

Hitzewellen treten immer häufiger, länger und intensiver auf. Wetterexperte Karsten Schwanke warnte beim Hitzeaktionstag am 11. Juni vor einer weiteren starken Zunahme von Hitzetagen. "Die Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen wird zunehmen. Höchsttemperaturen von mehr als 40 Grad (im Schatten) werden wir immer häufiger erleben – selbst 45 Grad sind nicht mehr auszuschließen", erklärte Schwanke.

Aus diesem Grund hat der HISTA-Bericht des GKV-Spitzenverbandes die Situation in den Pflegeeinrichtungen untersucht. Beauftragt wurde damit das Institut für Gerontologische Forschung in Berlin. Die Studie ergibt, dass 97,9 Prozent der Einrichtungen zur ambulanten und stationären Pflege bereits Hitzeschutzmaßnahmen umgesetzt haben.

Die Frage bleibt jedoch, welche. Denn oftmals sind es nicht die teuren technischen Maßnahmen, wie die HISTA-Umfrage ergibt. Über 80 Prozent haben beispielsweise die Bekleidung der Bewohnenden sowie die Bettwäsche angepasst. Deutlich seltener wurde eine Überprüfung der Medikation angeregt (56 %) oder Räumlichkeiten der Bewohnenden getauscht (26 %). Oftmals wurden kostenlose Getränke bereitsgestellt.

Auch Hitzeschutzmaßnahmen im baulich-technischen Bereich wie nächtliches Lüften, die Verschattung der Innenräume und der Einsatz von Ventilatoren wurden häufig angegeben (über 80 %). Deutlich seltener wurden Klimaanlagen eingesetzt (41 %).

Letztendlich hänge die "Umsetzung stark von baulichen Gegebenheiten, Standortfaktoren, finanziellen Möglichkeiten und der Haltung des Leitungspersonals" ab, so der Bericht. Die Finanzierung baulicher Anpassungen sei eine Herausforderung.

Bleiben Klimaanlagen, die Verschattung und baulicher Hitzeschutz also eine Entscheidung der einzelnen Stellen?

Pflegebedürftigkeit verschärft Risiken, weil Betroffene sich oft nicht selbst schützen können. (Symbolbild)
Pflegebedürftigkeit verschärft Risiken, weil Betroffene sich oft nicht selbst schützen können. (Symbolbild) ROTHERMEL/AP

"Nach unserer Einschätzung ist das Bild sehr unterschiedlich", erklärt Dr. David Kröll, Pressesprecher der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) auf Anfrage von Euronews.

Es gebe Pflegeeinrichtungen, die das Thema Hitzeschutz inzwischen ernster nehmen als noch vor einigen Jahren. Dort seien Hitzeschutzpläne, Trink- und Beobachtungspläne, kühlere Aufenthaltsbereiche oder zumindest klarere Abläufe für besonders heiße Tage vorhanden.

"Die wesentlichen Defizite bestehen aber fort", mahnt Kröll. "Hitzeschutz hängt noch immer zu stark vom Problembewusstsein einzelner Träger, von der baulichen Situation der Einrichtung und von den vorhandenen personellen Ressourcen ab. Das ist zu wenig, weil Hitzewellen längst kein Ausnahmeereignis mehr sind." Hitzeschutz dürfe nicht davon abhängen, ob eine Einrichtung freiwillig mehr tut als unbedingt vorgeschrieben.

... doch nur 14,5 Prozent verfügen über Kühlanlage

Darüber hinaus bemängelt der Verband fehlende klare Richtwerte. Arbeitgebern wird beispielsweise bei mehr als 26 Grad geraten, Maßnahmen zur Abkühlung zu ergreifen. Bei mehr als 30 Grad sind sie zu wirksamen Schutzmaßnahmen verpflichtet. Gelten in Arbeitsräumen bestimmte Grenzwerte für Temperatur und Luftfeuchtigkeit, so gibt es keine entsprechenden Richtlinie für bewohnte Zimmer von Pflegeeinrichtungen. "Dabei können pflegebedürftige Menschen häufig nicht einfach selbst lüften, umziehen, mehr trinken oder einen kühleren Ort aufsuchen", erklärt Kröll Euronews.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hatte Ende Juni bekanntgegeben, dass der Anteil von neuen Gebäuden des Sozialwesens mit einer Klimaanlage oder einer anderen Anlage zur Kühlung bei 14,5 Prozent liegt. Darunter fallen neben Pflegeeinrichtungen auch Kitas. Bei Bürogebäuden sind hingegen 37,8 Prozent mit einer Kühlanlage ausgestattet, also mehr als doppelt so viel Bauwerke.

Zum Hitzeaktionstag Mitte Juni 2026 warnten 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft gemeinsam in einer Mitteilung: "Deutschland ist auf Extremhitze als Krisenlage bislang nicht ausreichend vorbereitet."

Zwei Wochen später das Beispiel aus der Praxis: die Verlegung dutzender Patienten mithilfe eines spontanen Krisenstabs, weil die Pflegeeinrichtung ihre Räume nicht herunterkühlen konnte. Lediglich mit mobilen Kühlgeräten wurde die Cafeteria als klimatisierter Notaufenthaltsraum eingerichtet. Die 150 Organisationen fordern daher, Hitzeschutz verbindlich als Bestandteil des Katastrophenschutzes zu verankern.

"Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen müssen auch unter Extrembedingungen leistungsfähig bleiben", forderte der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt anlässlich des Aktionstages.

Pflegepersonal doppelt belastet

Denn bei Hitze reiche die normale Versorgung nicht aus, wie die Interessenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen Euronews erklärt. Es brauche "Unterstützungsleistungen, mehr Aufmerksamkeit für Kreislaufprobleme und mehr Abstimmung mit Ärztinnen, Ärzten, Angehörigen und Leitung. Auch Unruhe, Erschöpfung oder Verwirrtheit können bei Bewohnerinnen und Bewohnern zunehmen".

Das alles falle Kröll zufolge zusätzlich in einen Pflegealltag, der ohnehin durch Personalmangel geprägt sei und stelle für Pflegekräfte eine zusätzliche Belastung dar.

Die Pflegekräfte "arbeiten selbst in aufgeheizten Gebäuden, oft körperlich schwer, unter Zeitdruck und teilweise in Bereichen, die baulich schlecht gegen Hitze geschützt sind" und müssten zusätzlich den erhöhten Versorgungsbedarf abdecken. Im medizinischen Umfeld wird von einer doppelten Belastung gesprochen.

"Auch die Mitarbeitenden leiden unter den enormen Temperaturen", machte auch der Geschäftsführer des Verbands katholischer Altenhilfe in Deutschland, Andreas Wedeking, deutlich. "Sie können nicht einfach ins Homeoffice wechseln."

Die Finanzierungsfrage

Lösungen brauche es außerdem für die Finanzierung von benötigten Verbesserungen und den Einbau von Kühlungsgeräten. "Regelungen zur baulichen Beschaffenheit und zur Ausstattung von Pflegeeinrichtungen als Teil der heimrechtlichen Vorgaben sind Aufgabe der Länder", gab die Bundesregierung im September 2025 auf eine kleine Anfrage der Linken bekannt. Zahlen über Hitzeschutzsysteme in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen liegen deshalb nicht vor.

Viele Einrichtungen müssten nachrüsten, erklärten jedoch Gesundheitsexperten. "Wenn Hitzeschutz politisch ernst gemeint ist, braucht es Förderprogramme für bauliche Klimaanpassung in Pflegeeinrichtungen", erklärt Kröll Euronews. "Dazu gehören Temperaturmonitoring, Risikoeinschätzung besonders gefährdeter Bewohnerinnen und Bewohner, Trink- und Beobachtungspläne, Schulungen des Personals, klare Warnstufen und verbindliche Eskalationswege."

"Wenn Pflegeinrichtungen wirksam gegen Hitze agieren und ein positives Zeichen der Ökobilanz setzen sollen, dann muss eine entgeltunabhängige Finanzierung sichergestellt werden. Die Bundesländer sollten die Kosten für die notwendigen Klimamaßnahmen in Pflegeheimen übernehmen", fordert der VKAD-Geschäftsführer Andreas Wedeking in einer Mitteilung von Sonntag. VKAD und BIVA sind sich einig, dass die nötigen Kosten nicht auf die Pflegebedürftigen abgewälzt werden dürften.

Pflegeheime schlagen Alarm, sie könnten den Kostenaufwand nicht alleine stemmen. Die Teilklimatisierung eines modernen Pflegeheims würde bis zu 300.000 Euro kosten, erklärte der Geschäftsführer eines Pflegeheims aus Baden-Württemberg gegenüber dem Fachmedium Care vor9.

Dabei machen Klimaanlagen einen Unterschied hinsichtlich der Sterblichkeitsrate in Pflegeheimen, wie eine Studie im Fachmagazin JAMA Internal Medicine zeigt. Dort wurden 615 Pflegeheime in Kanada über ein Jahrzehnt hinweg untersucht. Die Wahrscheinlichkeit, an heißen Tagen zu sterben, war in Pflegeheimen ohne Klimaanlage um acht Prozent höher als in Heimen mit Klimaanlage. Eine Übertragung der Studie auf Deutschland ist allerdings nur bedingt möglich, denn sowohl die Bauweise der Einrichtungen sowie die klimatischen Bedingungen sind in beiden Ländern verschieden.

"Wer pflegebedürftige Menschen versorgt, muss auf extreme Hitze vorbereitet sein – baulich, organisatorisch, personell und finanziell", fasst Kröll zusammen. Dazu gehören für den Verband verpflichtende, nicht freiwillige Hitzeschutzpläne, sie dürften nicht jedes Jahr aufs Neue improvisiert werden.

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