Das extrem langsam laufende Orgelstück erklingt in Halberstadt seit fast 25 Jahren, heute kommt im John-Cage-Orgelprojekt ein neuer Ton hinzu.
Manche Künstler halten sich bei Konzerten ungern an die üblichen zwei Stunden. Stars wie Bruce Springsteen oder The Cure sind für ihre langen, die Blase strapazierenden Setlisten bekannt.
Doch mit einer Orgel in Deutschland kann niemand mithalten. Dort läuft ein einziges Stück im wohl langsamsten Konzert der Welt – und es wird uns alle überdauern.
Passend dazu trägt die Komposition den Titel „ORGAN²/ASLSP (As SLow aS Possible)“. Sie begann am fünften September 2001 in der mittelalterlichen St.-Burchardi-Kirche in der ostdeutschen Stadt Halberstadt und endet erst im Jahr 2640.
Das Werk stammt vom experimentierfreudigen US-Avantgardekomponisten John Cage. Es erklingt so langsam, dass jede Akkordänderung im John Cage Organ Project Halberstadt (Quelle auf Englisch) Nachrichtwert hat und Tausende Besucher anzieht. Heute gehört zu diesen seltenen Tagen: Eine neue Note kommt hinzu.
Der Wechsel – von sieben auf acht Töne, sobald eine A4-Pfeife eingesetzt wird – ist die 17. Änderung und markiert den Abschluss von rund vier Prozent des auf 639 Jahre angelegten Projekts.
Die letzte Akkordänderung fand vor zwei Jahren statt, am fünften Februar 2024.
Wie funktioniert das? Vereinfacht gesagt drückt ein elektrisch betriebener Blasebalg ständig Luft in die Orgel, sodass ein durchgehender Klang entsteht. Kein Musiker könnte die Tasten so lange gedrückt halten. Deshalb werden die Akkorde manuell umgestellt, und kleine Sandsäckchen fixieren die Tasten, damit der Ton nicht abreißt.
Ursprünglich schrieb Cage das Stück 1985 für Klavier. Vor seinem Tod 1992 arrangierte er es noch für Orgel. Er legte nie fest, wie lange die Komposition dauern sollte, sondern hinterließ nur eine kryptische Anweisung: „ASLSP“, also ‚as slowly and softly as possible‘ – „so langsam und leise wie möglich“.
Die Projektverantwortlichen nahmen diese Vorgabe sehr ernst – und wörtlich. Das Ergebnis ist eine passende Hommage an einen Komponisten, der keine Angst hatte, unser Verständnis davon zu sprengen, was Musik sein kann.
Terminkalender bereithalten: Der nächste Akkordwechsel ist für den fünften Oktober 2027 geplant. Dann ertönt wieder der Ton E4, der bereits am fünften September 2020 hinzugefügt wurde.
Wer noch nach einer Geschenkidee mit mehreren Generationen Perspektive sucht: Vererbbare „Finaltickets“ für den Termin am vierten September 2640 sind bereits im Verkauf. Sie kosten 2.640 Euro. Dafür kann ein zukünftiges Familienmitglied damit prahlen, am letzten Tag – und bei der letzten Note – der längsten Komposition der Musikgeschichte dabei gewesen zu sein.