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Über 160 Bierstile, Verkostung mit allen Sinnen: Alt- und Neuwelt des Biers

Internationaler Tag des Bieres fällt auf Freitag, 7. August
Internationaler Tag des Bieres: Feier am Freitag, dem siebten August Copyright  AP Photo
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Von Joana Mourão Carvalho
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Zum Internationalen Tag des Bieres zeigt sich das uralte Getränk als komplexe, vielfältige Welt mit über 160 Stilrichtungen und einer Sinnesfülle weit jenseits des bloßen Feierabendtrunks.

Mit mehr als 10 000 Jahren Geschichte ist Bier heute weit mehr als nur ein Getränk für lockere Anlässe. Seine kulturelle Vielfalt und die mehr als 160 bekannten Stilrichtungen sowie das Potenzial für gastronomische Kombinationen gewinnen langsam an Anerkennung, selbst in Märkten, die traditionell vom Wein geprägt sind, etwa in Portugal.

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Dieser Internationale Tag des Bieres, der immer am ersten Freitag im August stattfindet, lädt dazu ein, ein weites und ständig wachsendes Universum zu entdecken.

Der Aktionstag entstand 2007 in der Stadt Santa Cruz im US-Bundesstaat Kalifornien. Eine Gruppe von Freunden beschloss, einen Tag zu schaffen, an dem Menschen eines der meistgetrunkenen Getränke der Welt gemeinsam feiern. Die Initiative gewann rasch an Bedeutung und wird heute in mehr als 50 Ländern begangen.

Nach Einschätzung der Biersommelière Filipa Santos entsteht das Interesse an Bier oft, wenn Menschen seine Komplexität entdecken. Vom Rohstoff bis zu den verschiedenen Brauschulen bietet das Getränk eine Spannbreite, die vom klassischen Europa bis zu zeitgenössischen Interpretationen der sogenannten Neuen Welt reicht.

Filipa arbeitet seit rund zwanzig Jahren im Marketing und ist seit 2011 eng mit der Bierbranche verbunden. Sie war für mehrere nationale und internationale Marken tätig und absolvierte eine Ausbildung zur Biersommelière, weil sie, wie sie sagt, „das Produkt, mit dem ich arbeite, wirklich im Detail verstehen wollte“. Am meisten faszinierten sie auf diesem Weg „die Vielfalt und der Reichtum der Bierwelt“.

Bier entsteht traditionell aus vier natürlichen Zutaten: Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Die Art, wie Brauer diese Komponenten kombinieren und behandeln, schafft eine enorme Vielfalt an Stilen.

„Der Unterschied liegt darin, welche Rolle jede Zutat je nach Brauschule und Stil übernimmt.“
Filipa Santos
Biersommelière

Das Wasser kann zum Beispiel den Geschmack direkt beeinflussen, je nach Mineralgehalt.

„Rund 93 Prozent eines Biers bestehen aus Wasser. Wenn wir ein Pils wollen, ein Bier mit wenig Bitterkeit, vielseitig und sehr leicht trinkbar, verwenden wir weiches Wasser. Das Wasser drängt sich dann nicht in den Vordergrund, und das Malz kann für ein gutes Gleichgewicht sorgen. Wenn wir ein intensiveres, komplexeres Bier möchten, etwa eine Guinness, eine Stout, sollten wir hartes Wasser einsetzen. Wir brauchen dann die Mineralien, damit das Malz stärker hervortreten kann“, erläutert die Expertin gegenüber Euronews.

Weltweit werden täglich mehr als 10 Millionen Gläser Guinness-Bier getrunken
Weltweit werden täglich mehr als 10 Millionen Gläser Guinness-Bier getrunken AP Photo

Das Malz – meist Gerste, manchmal auch Weizen oder andere Getreide – bestimmt die Farbe und die Getreidenoten, die von frischem Brot bis zu Röstbrot reichen können.

Beim Hopfen stehen Bittere und aromatische Noten im Vordergrund, etwa von tropischen Früchten oder Zitrusfrüchten. „Sie reichen von kräuterigen und floralen bis zu fruchtigen Nuancen, inklusive tropischer und zitrischer Noten oder Rosenaromen.“

Die Hefe ist die unsichtbare Zutat, die Zucker in Alkohol und Kohlensäure verwandelt und den Geschmack entscheidend prägt. „Es gibt Biere, in denen die Hefe die Hauptrolle spielt, etwa viele belgische Biere. Dort finden wir Nelkennoten, würzige Aromen und auch Bananentöne“, erklärt sie.

Bierwelt mit mehr als 160 Stilen: weit mehr als nur Standard-Pils

Aus diesen vier Bestandteilen sind mehr als 160 anerkannte Bierstile entstanden.

Dennoch bleibt Portugal ein Markt, den ein Stil dominiert. „Wir sind ein Land des Pils: leicht, gut trinkbar und erfrischend“, beobachtet Filipa. Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Bierwelt.

Zu den bekanntesten Stilen gehören IPA (India Pale Ale) mit ausgeprägtem Hopfenaroma, dunkle Stouts mit Noten von Kaffee oder Schokolade sowie Weissbiere aus Weizen mit weicheren, fruchtigeren Eigenschaften.

Die Vielfalt spiegelt auch geografische Traditionen wider. Brauschulen teilen sich grob in den „Alten“ und den „Neuen“ Teil der Welt.

In der Alten Welt finden sich die klassischen Stile, „die wahren Archetypen des Biers“, so Filipa. In Deutschland, Österreich und Tschechien, wo die Brautradition vor allem Malz und Weizenbiere betont, entstehen oft trübere, weichere Biere mit leicht süßlichen Noten und typischen Aromen wie Banane.

Typisch für Deutschland sind Witbier mit strohgelber bis hellgoldener Farbe sowie Weissbier mit kräftigerem Gold- bis Bernsteinton. Beide wirken trüb, weil sie ungefiltert sind.

Das Pilsner, das heute viele Märkte dominiert, entstand ursprünglich in der Stadt Pilsen im heutigen Tschechien.

Eine weitere Gruppe bilden England, Schottland und Irland. Dort spielt das Malz ebenfalls eine zentrale Rolle, „auch weil es historisch Länder mit starker Whiskeyproduktion sind“, erläutert Filipa.

Auch die dort verwendeten Hopfensorten haben ein eigenes Profil. „Englische Hopfen sind sehr erdig, und ich glaube, das hängt stark mit ihrer Teekultur zusammen.“

Die Belgier und Franzosen gelten als besonders experimentierfreudig und originell und mischen gern. In ihren Brauereien kommen Techniken wie die Spontangärung zum Einsatz, bei der offene Gärtanks der Luft ausgesetzt sind und die Mikroorganismen darin den Prozess steuern. So entstehen unberechenbarere, komplexe Biere, oft mit ausgeprägter Säure oder mit vergorener Frucht, etwa bei Kriek, einem Kirschbier.

In Belgien gibt es mehr als 1 500 verschiedene Biersorten, jede mit eigenen Aromen, Geschmacksprofilen und Herstellungsweisen
In Belgien gibt es mehr als 1 500 verschiedene Biersorten, jede mit eigenen Aromen, Geschmacksprofilen und Herstellungsweisen GEERT VANDEN WIJNGAERT/AP

Im Kontrast dazu steht die sogenannte Neue Welt mit Ländern wie den Vereinigten Staaten, Brasilien oder Japan. Dort interpretieren Brauer klassische Stile neu. Ein besonders klares Beispiel ist das India Pale Ale (IPA). Es stammt ursprünglich aus Großbritannien, wurde aber von nordamerikanischen Brauereien grundlegend verändert, die Hopfen mit intensiveren, tropischen Aromen einsetzten.

Auch das Terroir spielt eine Rolle. Wie beim Wein spiegelt Hopfen den Ort wider, an dem er wächst. In den Vereinigten Staaten sind Regionen wie das Yakima Valley zu Zentren des Hopfenanbaus geworden. Sie liefern fruchtigere, üppigere Aromen, passend zu den Vorlieben neuer Konsumentinnen und Konsumenten.

Bierverkostung mit fünf Sinnen

Bier zu verstehen bedeutet nicht nur, Stile oder Herkunft zu kennen, sondern auch, wie man es verkostet. „Ich finde, ein Verkostungsglas sollte nie randvoll sein. Ideal ist ein universelles Degustationsglas, das einem Weißweinglas ähnelt“, sagt die Biersommelière.

Die Wahl des Glases kann wichtig sein, wenn das Aroma eingefangen werden soll. Die Öffnung muss groß genug sein, damit sich die Nase gut ins Glas hineinbewegen lässt.

Bei einer Verkostung kommen alle Sinne zum Einsatz. Zuerst zählt der Blick: Farbe, Klarheit oder Trübung und die Schaumkrone. Der Tastsinn verrät, ob das Bier die richtige Temperatur hat.

Auch die Hörwahrnehmung spielt mit. „Wir können dem Bier sogar zuhören: Ist die Kohlensäure sehr lebhaft, hören wir die kleinen Bläschen deutlich.“

Glas, Temperatur und Art des Einschenkens sind wichtig, um die Qualität des Biers zu sichern
Glas, Temperatur und Art des Einschenkens sind wichtig, um die Qualität des Biers zu sichern AP Photo

Dann folgt das Aroma. Verkosterinnen und Verkoster achten darauf, welche Duftnoten dominieren. Je nach Stil lassen sich Zitrus-, Tropen-, Röst-, Gewürz- oder sogar säuerliche Noten erkennen.

Erst danach kommt der Geschmack. Hier bestätigt sich, ob das, was die Nase angekündigt hat, am Gaumen tatsächlich ankommt, denn oft klaffen Geruch und Geschmack auseinander. In dieser Phase beurteilt eine Biersommelière das Zusammenspiel von Malzsüße und Hopfenbittere, Leichtigkeit oder Fülle, Frische oder Intensität. „Wir trinken in kleinen Schlucken und achten darauf, welcher Geschmack bleibt und was auf unserer Zunge passiert.“

Am Ende unterscheidet sich die Bierverkostung vom Wein, weil keine Spucknäpfe verwendet werden. „Wir wollen den retronasalen Eindruck bewerten, also welches Aroma am Ende durch die Nase wieder aufsteigt.“ Brauer schwenken das Glas zudem leicht. So lösen sie weitere Aromen und bringen den Schaum zurück.

Nach Angaben von Filipa Santos „kann eine sorgfältige Bierverkostung leicht 20 Minuten oder länger dauern“.

Neue Gewohnheiten, neue Konsumentinnen und Konsumenten

Das Zusammenspiel von Tradition und Innovation treibt die Entwicklung des globalen Marktes voran und vergrößert die Vielfalt der Bierwelt. Dazu tragen sowohl Craft-Biere als auch besser informierte, anspruchsvollere Konsumentinnen und Konsumenten bei.

Trotz seiner Rolle als soziales Getränk erobert Bier zunehmend neue Kontexte, auch am Esstisch.

„Bier ist ein bisschen der soziale Kitt, es lockert die Stimmung. Es gehört häufig zum frühen Abend, zu Momenten der Begegnung, mit oder ohne Essen. Es kann einfach ein Treffen mit Freundinnen und Freunden sein. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass Bier nach und nach in neuen Konsumanlässen an Bedeutung gewinnt“, sagt die Expertin und verweist auf eine wachsende Offenheit für Food-Pairings.

Viele bringen Bier noch immer nur mit informellen Momenten der Geselligkeit in Verbindung, etwa einem Treffen unter Freundinnen und Freunden
Viele bringen Bier noch immer nur mit informellen Momenten der Geselligkeit in Verbindung, etwa einem Treffen unter Freundinnen und Freunden AP Photo

Diese Vielseitigkeit schlägt sich in unerwarteten Kombinationen nieder. „Die Bandbreite möglicher Harmonien ist riesig“, erklärt sie. Beispiele reichen von leichten Bieren zu Meeresfrüchten bis zu gewagteren Vorschlägen wie dunkles Bier zum Pastel de Nata.

Ein weiterer entscheidender Faktor sind veränderte Gewohnheiten. „Konsumentinnen und Konsumenten achten stärker auf einen gesunden Lebensstil und darauf, was sie trinken“, so Filipa Santos. Sie verweist auf das Wachstum des alkoholfreien Segments und auf eine neue Generation, die „weniger Alkohol trinkt“ und bewusster auswählt.

„All das zwingt den Markt, sich anzupassen und andere Antworten zu geben. Wir beobachten das auch in anderen Kategorien. Hochprozentige Getränke wie klare Spirituosen gibt es inzwischen ebenfalls mit 0,0 Prozent Alkohol. Auch Weine werden als 0,0-Prozent-Variante angeboten.“
Filipa Santos
Biersommelière

Die Branche steht außerdem vor der Aufgabe, Service und Erlebnis aufzuwerten. „Wir können hervorragende Biere haben. Wenn sie aber nicht im richtigen Glas, nicht bei der richtigen Temperatur und nicht korrekt eingeschenkt werden, kommen sie nicht zur Geltung. Der Service ist daher entscheidend“, betont sie. Der sogenannte „Perfect Serve“ sei zentral für die Bierqualität.

Trotz aller Entwicklungen halten sich Vorurteile. „Das Stigma existiert, ist aber unbegründet“, sagt sie mit Blick auf die Vorstellung, Bier sei weniger raffiniert als Wein. Für sie ist das vor allem eine Frage des Wissens: „Bier besitzt einen enormen Reichtum, in seiner Geschichte ebenso wie in seiner Vielfalt, die bislang nur wenig wahrgenommen wird.“

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