Gen Z: Was steckt hinter der neuen viralen Beleidigung – und was verrät sie über ihre Ängste und Fixierungen?
„Rizz“, „Delulu“, „Locked In“, „Glow Up“, „FRFR“, „Aura Farming“ …
Bei der neuesten Gen‑Z‑Sprache den Überblick zu behalten, ist gar nicht so leicht. Dass jede Generation ihren eigenen Jargon und eigene Ausdrücke entwickelt, ist nichts Neues. Der Unterschied bei Gen Z und Gen Alpha ist das Tempo. Ihr Slang kann in wenigen Tagen von einem Nischenausdruck zum weltweiten Viral‑Hit werden. Wer mit den neuesten Begriffen nicht vertraut ist, riskiert den „Unc“-Status – eine Gen‑Z‑Abkürzung für „uncle“, mit der Menschen verspottet werden, die als uncool und nicht mehr auf der Höhe der Zeit gelten.
(Nebenbei: „FRFR“ steht für „For Real, For Real“.)
Der aktuell angesagte Begriff, der auf TikTok und anderen sozialen Plattformen kursiert, lautet „polyester“.
Gemeint ist nicht direkt der synthetische Kunststoff – oder doch? „Polyester“ ist zur neuen Bezeichnung für alles geworden, was generisch, unauthentisch oder übertrieben bemüht wirkt.
Ein angeblich spontaner Moment, der in Wahrheit sorgfältig inszeniert ist? Polyester.
Eine öffentliche Entschuldigung, die unehrlich klingt? Polyester.
Ein nervtötender Influencer, der Begeisterung und Aufrichtigkeit vorspielt, während er Billig‑Merch oder ein Produkt anpreist, zu dem ihn ein Sponsoringvertrag verpflichtet? Polyester. Genauer: „Polyester Prince“.
Sie verstehen das Prinzip. Für alle leidgeprüften Millennials: Der Begriff erinnert an „basic“. Die Gen‑Z‑Version ist jedoch komplexer, als sie zunächst wirkt.
Bevor „polyester“ zur gängigen Kurzform wurde, um Fakeness zu benennen und Seitenhiebe zu verteilen, bezeichnete das Wort einen Stil von Fan‑Edits auf TikTok. Darin werden Ausschnitte von Figuren wie Spider‑Man mit grellen, hektischen Bildern überlagert.
Dann ging ein TikTok viral, in dem ein 18‑Jähriger seine Vorstellung vom Traumleben als Erwachsener schildert.
„Ich will um sechs Uhr morgens in meinem Penthouse in New York City aufwachen, Bibelstudium mit den Jungs, bevor ich irgendetwas anderes mache, eine Bio‑Yerba‑Mate aufmachen und eine Morgenrunde im Central Park drehen ... Blue‑Light‑Brille auf, Deep Work, House‑Music, locked in. Ich werde nicht einmal die Hälfte der Arbeit selbst erledigen, weil mein Claude‑Agent im Hintergrund automatisch läuft, während ich zu Mittag esse ...“
Das Netz taufte diesen von Algorithmen designten Clip, der verzweifelt nach Vorbildstatus strebt, prompt „polyester“ oder „Polyester lifestyle“.
Auffällig ist auch, dass es sich um ein Stoffwort handelt. Das ist kein Zufall.
Der Begriff knüpft an die Kritik an der meistproduzierten Kunstfaser der Welt an.
Jüngere Generationen wollen sich von Modemarken distanzieren, die Kleidung verkaufen, die online gut aussieht, im echten Leben aber schlecht sitzt und kaum hält. Sie wenden sich auch ab, weil Polyester der Umwelt enorm schadet: Die Faser ist nicht biologisch abbaubar und setzt Mikroplastik frei.
Zahlreiche Creator rufen online dazu auf, den Kleiderschrank von Massenware und synthetischen Stoffen zu befreien. Das zeigt: Es geht nicht nur um einen Protest gegen Ultra‑Fast‑Fashion‑Modelle – daher die beliebte Abwertung „It gives Shein“. Dahinter steckt auch der Wunsch, bewusster mit der Umwelt umzugehen.
In einem größeren Zusammenhang steht der Erfolg von „polyester“ für ein neues Bewusstsein bei den Online‑Generationen. Sie durchschauen immer öfter, wie Influencer, Unternehmen und Politiker sie mit pauschalen Formeln und schwachen Versprechen täuschen wollen.
Wirken solche Deutungen übertrieben? Kaum. „Polyester“ ist nicht aus dem Nichts entstanden. Der Begriff reiht sich ein in andere virale Ausdrücke wie „Larping“, „Slop“, „Performative Male“, „Industry Plant“ und eben „FRFR“. Allen gemeinsam ist der Fokus auf Authentizität und der klare Blick für alles, was unecht wirkt.
Ältere Generationen mögen bei jedem neuen Wort, das morgen schon verschwunden sein kann, genervt die Augen verdrehen. „Polyester“ spiegelt jedoch einmal mehr die gesunde und wachsende Skepsis von Gen Z gegenüber allem, was künstlich erscheint. Ihr Hunger nach Echtheit wächst – gerade in einer Zeit, in der KI so massiv eingesetzt wird, dass es immer schwerer fällt, das Reale vom Künstlichen zu unterscheiden. Das zeigt eine hoffnungsvolle Null‑Toleranz gegenüber der Verlogenheit, die in sozialen Medien gedeiht.
Damit gelten Sie offiziell als un‑Unc.