E-Autos fahren sauberer, doch ihre Reifen belasten die Umwelt. Neue Materialien könnten die Schadstoffe deutlich verringern.
Elektroautos gelten weithin als die sauberere Wahl auf der Straße. Doch für Gunnlaugur Erlendsson, Gründer und CEO des Technologieunternehmens ENSO, steckt eine erhebliche, oft übersehene Umweltbelastung im Offensichtlichen: die Reifen.
„Reifen sind eines dieser unglaublich komplexen Produkte, die wir gar nicht so oft wahrnehmen, obwohl sie überall sind“, sagt Erlendsson gegenüber Euronews Earth. „Die gesamte Weltwirtschaft rollt auf Reifen.“
Diese Allgegenwart hat ihren Preis. Die Gewinnung der Rohstoffe, die energieintensive Produktion und der Abrieb bei jedem Anfahren, Bremsen oder Abbiegen summieren sich zu einem großen Problem.
„Reifen sind eine wesentliche Quelle von Luftverschmutzung und zugleich ein Mikroplastik. Sie gehören damit zu den größten Verursachern von Luftverschmutzung in Städten. Und sie sind eine der größten Quellen für Mikroplastikverschmutzung in unseren Ozeanen“, so Erlendsson.
Die Entsorgung verschärft das Problem zusätzlich. „Wir verbrennen jedes Jahr fast 2 Milliarden Reifen, weil nur sehr wenige wieder zu neuen Reifen recycelt werden“, erklärt er.
ENSO entstand, um diese Auswirkungen zu verringern und zugleich den Umstieg auf Elektrofahrzeuge zu unterstützen. „Unsere Mission ist es, Elektrofahrzeuge besser zu machen und dabei die Probleme zu lösen, die Reifen verursachen“, sagt Erlendsson.
Warum E-Autos Reifen schneller abnutzen
Elektrofahrzeuge sind im Betrieb zwar sauberer, stellen Reifen nach Einschätzung von Erlendsson aber vor größere Belastungen. „Elektrofahrzeuge sind ziemlich einzigartig, weil sie sehr schwer sind. Sie haben ein sehr hohes Drehmoment. Deshalb nutzen sie Reifen schneller ab als herkömmliche Autos“, sagt er.
Das Fahrverhalten verstärkt den Effekt. „Sie machen viel Spaß beim Fahren. Viele Menschen fahren damit aggressiver – und das lässt Reifen noch schneller verschleißen“, erläutert Erlendsson. Hinzu kommt, dass E-Autos oft in Städten unterwegs sind, wo häufiges Anhalten, Anfahren und Abbiegen zusätzliche Reifenemissionen erzeugt.
Hinzu kommt ein weniger offensichtlicher Faktor: Effizienz. Erlendsson erklärt, dass Elektrofahrzeuge rund 90 Prozent der Energie in Bewegung umwandeln, Benziner aber nur etwa 30 Prozent.
„Dieser Effizienzvorteil von Elektrofahrzeugen ist positiv, macht sie aber extrem empfindlich für die Reifen“, sagt er. „Wenn man einem E-Auto keinen guten Reifen aufzieht, verliert man viel Reichweite und muss deutlich mehr Strom laden.“
Um gegenzusteuern, hat ENSO die eingesetzten Rohstoffe, Mischungen und den Aufbau seiner Reifen verändert und zugleich Daten von Fahrzeugflotten ausgewertet. „Wenn wir mit Flotten arbeiten, erhalten wir Daten. Diese Daten, diese Einblicke und das Know-how fließen wieder direkt in unsere Produkte ein“, sagt Erlendsson.
Die Reifen von ENSO sind so ausgelegt, dass sie das hohe Drehmoment und das Gewicht der Batterien von E-Autos besser verkraften. Laut Unternehmen reduzieren die fortschrittlichen Polymermischungen und die optimierte Lauffläche den Reifenpartikel-Ausstoß im Vergleich zu herkömmlichen Reifen um bis zu 35 Prozent. Gleichzeitig verbessern sie die Energieeffizienz und die Fahrzeugreichweite um bis zu 10 Prozent.
Wachstum mit Großflottenpartnern
ENSO setzt beim Ausbau des Geschäfts vor allem auf Partnerschaften mit großen Taxi- und Lieferflotten statt auf einzelne Privatkundinnen und -kunden. Das Unternehmen arbeitet bereits mit Uber zusammen und liefert Reifen für Elektrofahrerinnen und -fahrer im gesamten Vereinigten Königreich, mit Plänen für eine Expansion darüber hinaus.
„Am Ende geht es darum, stark genutzten Fahrzeugen, die viele Kilometer fahren, bessere Produkte an die Hand zu geben“, sagt Erlendsson. Gerade bei Fahrzeugen mit hoher Jahresfahrleistung seien die Einsparungen bei Energie, Kosten und Verschmutzung am größten.
Die Anerkennung durch den Earthshot Prize, bei dem ENSO 2023 im Finale stand, hat dazu beigetragen, ein Thema ins Rampenlicht zu rücken, das die Branche nach Ansicht von Erlendsson lange gemieden hat.
„Reifenverschmutzung war lange ein Branchenthema, das die etablierten Hersteller kaum angefasst haben. Sie wollten darüber schlicht nicht sprechen“, sagt er. Den Einsatz von Prinz William bezeichnet er als „wirklich bedeutend“, weil er gezeigt habe, „wie wir Technologie nutzen können, um die Luft, die wir atmen, zu verbessern und den Anteil von Mikroplastik in unseren Ozeanen zu verringern“.
Für die Zukunft plant ENSO, seine Flottenpartnerschaften weiter auszubauen und das Spektrum an Reifengrößen zu erweitern, um neue Elektromodelle auf dem Markt abzudecken. Als nächsten großen Wachstumsmarkt hat das Unternehmen die Vereinigten Staaten im Blick.
„Wir wollen, dass der Rest der Branche uns folgt“, sagt Erlendsson. „Wir wollen einfach der Auslöser sein, der den Wandel in Gang setzt.“