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Die EZB macht ernst: Zinssprung im Kampf gegen die Inflation

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Von Stefan Grobe
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Die Europäische Zentralbank am Franfkfurter Main-Ufer mit der City im Hintergrund
Die Europäische Zentralbank am Franfkfurter Main-Ufer mit der City im Hintergrund   -   Copyright  Michael Probst/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen in einem Rekordschritt um einen Dreiviertelpunkt angehoben.

Eine Entscheidung, um die inflationären Folgen der russischen Invasion in der Ukraine und der Energiekrise einzudämmen.

Der Schritt bringt den Leitzins für die 19 Euro-Länder auf 0,75 Prozent.

Er folgt auf die erste Zinserhöhung der EZB seit 2011 im Juli, als die Zinsen nach Jahren im negativen Bereich auf null angehoben wurden.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: „Dieser wichtige Schritt beschleunigt den Übergang von dem vorherrschenden, äußerst großzügigen Niveau der Leitzinsen zu einem Niveau, das die rechtzeitige Rückkehr der Inflation zu unserem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent sicherstellt. Basierend auf unserer aktuellen Einschätzung erwarten wir, dass wir die Zinssätze in den nächsten Sitzungen weiter anheben werden, um die Nachfrage zu dämpfen und uns vor dem Risiko einer anhaltenden Aufwärtsbewegung der Inflationserwartungen zu schützen."

Das Dilemma: Der Zinsschritt droht das Risiko einer Rezession zu erhöhen.

Die Rekord-Inflation fordert bereits ihren Tribut: Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass die Geschäftsaktivität im August im zweiten Monat in Folge zurückgegangen ist.

In einer Zeit, in der sich die Europäische Union bemüht, ihre Bürger vor explodierenden Strompreisen zu schützen, könnte die Wirtschaft der Eurozone in eine Rezession abgleiten.

Dazu ein Interview mit einem Mann, der bei der Entscheidung der EZB mit am Tisch saß, Mario Centeno, Mitglied des EZB-Rats und Gouverneur der Bank von Portugal.

Euronews: Die Inflation in der Eurozone hat mit 9,1 Prozent im August einen neuen historischen Höchststand erreicht und dürfte bald zweistellig werden. Wann werden die Verbraucherpreise wieder sinken?

Centeno: Nun, Inflationsentwicklungen in Europa und sogar weltweit sind das Ergebnis einer Reihe von Schocks. Wenn diese Schocks abklingen, können wir auch mit einem Rückgang der Inflation rechnen. Dabei handelt es sich um mehrere Energieschocks vor und nach dem Krieg sowie um Lieferengpässe infolge der Pandemie. Wir erwarten, dass diese Schocks in ihrer Wirkung in den nächsten Quartalen nachlassen. Und das sind gute Nachrichten für die Inflation. Natürlich sind wir als Notenbanker immer besorgt über Zweiteffekte. Zum Beispiel die Auswirkungen, die Lohnrevisionen und -verhandlungen durch einen Zyklus von Lohndruck auf die Inflation haben können. Ich würde also sagen, dass wir später in diesem Jahr, sicherlich in der ersten Hälfte des nächsten Jahres, einen Preisrückgang sehen werden.

Euronews: Dieses Zusammentreffen von hoher Inflation und niedrigem Wachstum lässt Notenbankern nur schmerzhafte Entscheidungen. Weitere Anreize werden den Inflationsdruck nur verstärken, und höhere Zinssätze werden das Rezessionsrisiko nur erhöhen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Centeno: Nun, mein Rezept dafür wäre eine Koordinierung der fiskalischen und monetären Bemühungen, eine gemeinsame Anstrengung aller möglichen wirtschaftspolitischen Akteure. Dafür haben wir in Europa nicht unbedingt eine Tradition. Wir alle wissen aber, dass die Fiskalpolitik vorübergehend zielgerichtet sein muss, damit wir keinen weiteren Druck auf die Nachfrage und die Preise ausüben. Aber die Geldpolitik muss garantieren, dass der Normalisierungsprozess in geordneter Weise fortgesetzt wird, damit wir schließlich aus diesem sich ändernden Zyklus, in dem wir uns heute befinden, ohne Rezession herauskommen.

Euronews: Kann eine Rezession noch vermieden werden?

Centeno: Eine Rezession ist nicht unbedingt in Sicht. Wir haben die Pandemiekrise sehr erfolgreich bewältigt. Wir waren wirklich erfolgreich bei der Überwindung dieser sehr großen Krisen, die wir im Jahr 2020 hatten. Wir müssen also jetzt energisch handeln, um die Inflation zu bewältigen und gleichzeitig die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt zusammenzuhalten. Europa wurde bei der Reaktion auf die Pandemie fiskalisch gemessen. Und tatsächlich haben wir hier einen enormen Zusammenhalt und gemeinsames Handeln gezeigt. Ich denke also, dass wir es in dieser Phase besser machen können, wenn wir gemeinsam handeln.