Fast jeder zweite in Deutschland hält den Atomausstieg rückblickend für falsch. In Umfragen lehnten 53 Prozent die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke ab, 40 Prozent befürworteten sie.
Mitte April 2023 beendete Deutschland die Nutzung der Kernenergie und nahm die letzten drei Kernkraftwerke endgültig vom Netz. Zuvor hatte die Bundesregierung angesichts der Energiekrise infolge des Krieges zwischen Russland und der Ukraine beschlossen, die Laufzeit der Anlagen noch um einige Monate zu verlängern.
In einer Umfrage der Meinungsforschungsinstitute YouGov und Sinus im Auftrag der Deutschen Presseagentur sprechen sich 53 Prozent gegen die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke aus, während 40 Prozent sie befürworten. Rund ein Drittel (32 Prozent) hält den Ausstieg sogar für vollkommen falsch.
Beschlossen wurde der schrittweise Ausstieg bereits 2011 von der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Atomkatastrophe von Fukushima in Japan. Kurz nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima hatten sich noch fast neun von zehn Deutschen für einen schnellen Atomausstieg ausgesprochen.
2023 hielten nach einer Umfrage des Instituts Infratest dimap im Auftrag der ARD 59 Prozent diesen Ausstieg rückblickend für falsch. Und zwei Jahre später befürwortete eine knappe Mehrheit von 55 Prozent eine Neubewertung, so spätere repräsentative YouGov-Erhebungen (2024/2025).
Auch wenn viele den Atomausstieg kritisch sehen: Nur 39 Prozent der Befragten glauben, dass Kernenergie künftig eine geeignete Stromquelle für Deutschland ist. Damit liegt sie deutlich hinter Solarenergie (62 Prozent), Windkraft (60 Prozent) und Wasserkraft (50 Prozent).
Biomasse bzw. Biogas werden von 35 Prozent der Befragten genannt. Deutlich dahinter folgen fossile Energieträger: Erdgas erreicht 21 Prozent, während Kohle und Öl jeweils nur auf 9 Prozent kommen.
Regierung: "Hürden zu hoch"
Im Bundestagswahlprogramm 2025 hatten CDU und CSU angekündigt, an einer "Option Kernenergie" festzuhalten und eine Wiederinbetriebnahme der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke zu prüfen, was bisher noch nicht geschehen ist.
Friedrich Merz (CDU) nennt den deutschen Atomausstieg zwar einen strategischen Fehler, hält eine Rückkehr zur Kernenergie jedoch für kaum umsetzbar. Die rückgebauten Kraftwerke ließen sich nicht kurzfristig wieder in Betrieb nehmen, weil die rechtlichen, technischen und wirtschaftlichen Hürden sehr hoch seien. Unionsfraktionschef Jens Spahn zeigte sich indes vergangene Woche offen für eine Diskussion über die Wiederinbetriebnahme deutscher AKWs.
Um die Nutzung von Atomenergie in Deutschland wieder aufzunehmen, müsste zunächst der Bundestag das Atomgesetz ändern. Derzeit ist dort festgehalten, dass die Genehmigungen für den Leistungsbetrieb erloschen sind. Diese Regelung müsste angepasst oder aufgehoben werden. Dafür würde eine einfache Mehrheit im Parlament genügen.
Fatih Birol, Chef der Internationale Energieagentur in Paris, zählt zu den profiliertesten Kritikern der deutschen Energiepolitik. Eine Wiederinbetriebnahme der zuletzt abgeschalteten Reaktoren wäre zwar "sehr herausfordernd".
Es sei jedoch eine "nüchterne Neubewertung" notwendig: Schon die Rückkehr eines einzigen Kernkraftwerks ans Netz wäre aus Birols Sicht ein spürbarer Gewinn für Deutschland. Als Beispiel für einen anderen Kurs nennt er Polen:
Während hierzulande Anlagen zurückgebaut werden, errichtet das staatliche Unternehmen Polskie Elektrownie Jądrowe sein erstes Kernkraftwerk, nur wenige hundert Meter von der Ostsee entfernt. Das erste Betonfundament soll Ende 2028 entstehen, die Inbetriebnahme des ersten von drei Reaktorblöcken ist für 2036 geplant.