In 17 NRW-Städten wurde über die Austragung der Olympischen Spiele 2036, 2040, 2044 abgestimmt. Rund 66 Prozent der Menschen haben sich für die Ausrichtung der Olympischen Sommer- und Paralympischen Spiele im Rhein-Ruhr-Gebiet ausgesprochen.
Laut Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) wurden "noch nie in der olympischen und paralympischen Geschichte so viele Menschen einbezogen." Rund 1,4 Millionen hätten abgestimmt. Für Wüst ist das mehr als ein Stimmungsbild: "Die demokratische Zustimmung ist für uns die Grundlage einer erfolgreichen Bewerbung."
Hauptaustragungsort für die Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 soll neben einem gemeinsamen Konzept mit 17 Städten aus der Region vor allem Köln sein.
Wie bei vielen großen Sportveranstaltungen geht es auch bei den Olympischen Spielen um mehr als den Sport – sowohl im Vorfeld als auch während des Events. Bei der sogenannten "KölnRheinRuhr"-Bewerbung wurde bereits im Vorfeld versprochen, dass die Austragung nachhaltig, inklusiv und sozial verträglich sein soll.
Auf Anfrage von Euronews erklärt ein Sprecher des Landespresse- und Informationsamts der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, dass "soziale Belange und insbesondere der Schutz vulnerabler Gruppen im weiteren Planungsprozess berücksichtigt werden". So sollen "konkrete Maßnahmen in späteren Phasen in Abstimmung mit den zuständigen Fachstellen und sozialen Trägern gezielt in den Kommunen entwickelt werden" mit dem Ziel, "bestehende Hilfesysteme zu stärken und negative Auswirkungen zu vermeiden".
Dafür würden auch Erfahrungen von früheren Austragungsorten ausgewertet werden, so der Sprecher. Dazu gehören auch die Olympischen Spiele in London, der Hauptstadt Großbritanniens, im Jahr 2012.
London 2012: Wie waren die Erfahrungen?
Vor den Spielen in London vor 14 Jahren herrschte Unsicherheit. Rachel Cullen, Community-Managerin bei der britischen Hilfsorganisation, Simon Community, die sich für wohnungslose Menschen einsetzt, erinnert sich, dass sie sich vor den Spielen Sorgen gemacht haben, es aber "dann doch nicht so schlimm war, wie wir gedacht hatten". Das lag vor allem an der Anpassungsfähigkeit der Organisationen, so Cullen, die das Beispiel der Suppenküchen nennt, die während der Spiele teilweise in Innenräume verlegt wurden.
Dennoch sind die Erfahrungen aufgrund der Verlagerungen ambivalent: "Die Menschen werden aus der Umgebung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten vertrieben, die Übernachtungsplätze werden an etwas abgelegenere Orte verlegt."
Im Vorfeld wurden die Spiele in London als Chance verkauft. Eine Studie der britischen Oxford Brookes Universität zeigt jedoch ein deutlich komplexeres Bild, das sich mit Cullens Erinnerungen deckt: Obdachlosigkeit verschwand während der Spiele nicht, sie wurde lediglich verlagert.
Die Sichtbarkeit von Menschen, die auf der Straße lebten, wurde lediglich bewusst reduziert, die Ursachen hingegen wurden nicht bekämpft. Um die Sichtbarkeit wohnungsloser Menschen zu minimieren wurden unterschiedliche Strategien eingesetzt, darunter beispielsweise polizeiliche Kontrollen, ein Anstieg ordnungspolitischer Eingriffe, ebenso wie der Druck auf Menschen, ihre Schlafplätze zu verlassen. Auch wurden manche Unterstützungsangebote kurzfristig angepasst oder ausgeweitet, allerdings meist mit Blick auf die Dauer der Spiele, nicht darüber hinaus.
Zwar gab es Investitionen und Programme, die helfen sollten, diese standen jedoch oft im Schatten eines übergeordneten Ziels: ein sauberes, sicheres Stadtbild für internationale Gäste. Langfristige Verbesserungen für obdachlose Menschen lassen sich laut der Studie kaum nachweisen, da viele Maßnahmen temporär waren.
Auch Cullen von der Simon Community bestätigt auf Nachfrage von Euronews, dass der große Eingriff ausblieb, da sie eine gezielte Vertreibung aus der Stadt nicht beobachtet habe. "Meines Wissens gab es keine dauerhaften Veränderungen – weder positive noch negative –, die sich auf unsere Gäste [Personen und Familien, die obdachlos sind, von Obdachlosigkeit bedroht sind oder in verdeckter Obdachlosigkeit leben] ausgewirkt hätten. Ich weiß jedoch, dass einige Gäste als Freiwillige tätig waren und ihr hervorragendes Wissen über die Stadt nutzten, um anderen zu helfen. Die mir bekannten Personen, die dies taten, waren sehr stolz auf ihren Beitrag", erzählt Cullen.
Wie die Olympischen Spiele Ost-London bis heute prägen
Neben der temporären Verdrängung von obdachlosen Menschen hatten die Olympischen Spiele jedoch auch eine weitere Auswirkung auf den Stadtteil, in dem sie ausgetragen wurden, der noch heute spürbar ist.
Im Londoner V&A East Museum wurde vor kurzem eine Ausstellung eröffnet, die einen weiteren Meilenstein in der Umgestaltung von Ost-London, insbesondere rund um den Queen Elizabeth Olympic Park in Stratford zeigt.
Einst galten die Stadtteile als heruntergekommene, umweltverschmutzte Industriefläche mit mangelhafter Infrastruktur, wurden jedoch im Zuge der Olympischen Spiele 2012 mit Milliardeninvestitionen in Wohnraum, Kultur und Freizeitangebote grundlegend erneuert.
Heute gilt das Gebiet als wachsender Kultur- und Lebensraum, geprägt von Universitäten, Veranstaltungsorten und neuen Wohnvierteln. Viele Anwohner bewerten diese Entwicklung laut einem Artikel der britischen BBC positiv, sie sprechen von mehr Lebensqualität und besseren Angeboten vor Ort. Gleichzeitig bleiben Brüche sichtbar. Einige angekündigte Projekte wurden nie realisiert, soziale Spannungen – etwa durch Umsiedlungen – bestehen fort, ebenso wie Sorgen um Sicherheit.
Auch die steigenden Lebenshaltungskosten gehören zu diesem Wandel: Schon rund um die Spiele lagen die Mieten in Ost-London im Schnitt bei etwa 1.250 Pfund im Monat, inzwischen sind sie deutlich gestiegen. In Bezirken wie Newham haben sich Immobilienpreise seit 2012 um mehr als 80 Prozent erhöht, vergleichbare Wohnungen kosten heute oft zwischen 1.800 und 2.500 Pfund oder mehr.
"KölnRheinRuhr": Versuch eines anderen Modells
Die Entwicklung in Stratford steht nicht für sich, sondern spiegelt Erfahrungen, die viele frühere Austragungsorte gemacht haben. Genau hier will die Bewerbung KölnRheinRuhr ansetzen – zumindest auf dem Papier.
Die Landesregierung verspricht, "100 Prozent der benötigten Sportstätten" seien bereits vorhanden oder würden nur temporär ertüchtigt, zusätzlicher Neubau solle "weitgehend vermieden" werden.
Auch beim Wohnen wird ein langfristiger Effekt in Aussicht gestellt: Das Olympische Dorf werde nach den Spielen "zum Wohnquartier umgewidmet" und solle der Wohnungsnot "aktiv entgegenwirken", so der Sprecher zu Euronews. Insgesamt setze man auf "Nachhaltigkeit und Nachnutzung", damit Investitionen "langfristig den Menschen im Land zugutekommen".
Gleichzeitig bleibt vieles bewusst vage. Auswirkungen würden "im weiteren Planungsprozess stetig beobachtet", konkrete Maßnahmen – gerade für vulnerable Gruppen – sollen erst später entwickelt werden. Zwar heißt es, die Spiele sollten "inklusiv und sozial verantwortungsvoll gestaltet werden", und Ziel sei es, "bestehende Hilfesysteme zu stärken und negative Auswirkungen zu vermeiden". Doch wie genau das aussehen soll, ist offen.
Laut dem Sprecher sollen die Spiele nicht nur ein Sportereignis sein, sondern "ein Impuls für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Teilhabe und nachhaltige Entwicklung". Erfahrungen aus Städten wie London seien ausgewertet worden, das Konzept vereine eine "ökonomisch, ökologisch und sozial ausgewogene Einheit".
Neben der Rhein-Ruhr-Region bewerben sich auch Berlin, Hamburg und München um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele.