Während Polen und Litauen sich darauf vorbereiten, am Freitag - nur einen Tag vor Russlands umstrittener Parade zum Tag des Sieges - Verteidigungsdarlehen in Höhe von fast 50 Milliarden Euro abzuschließen, erklärte der EU-Verteidigungskommissar, der Zeitpunkt sei symbolisch.
Der EU-Kommissar für Verteidigung, Andrius Kubilius, und der EU-Kommissar für Haushalt, Piotr Serafin, reisen am Freitag nach Warschau und Vilnius, um dort Vereinbarungen über EU-Verteidigungsdarlehen mit beiden Ländern abzuschließen.
Die Kredite sind Teil des EU-Programms SAFE (Security Action for Europe), mit dem die Europäische Kommission die Verteidigungsfähigkeiten Europas angesichts äußerer Bedrohungen - insbesondere durch Russland - stärken will. Polen soll mit 43 Milliarden Euro den größten Anteil erhalten, Litauen weitere 6 Milliarden Euro.
Vor seiner Reise erklärte Kubilius im Gespräch mit Euronews, die rapide steigende russische Militärproduktion müsse in der gesamten EU Alarm auslösen.
"Russland produziert mehr als wir - und zwar deutlich mehr. Das bereitet uns Sorgen", sagte er.
Zugleich betonte Kubilius, die europäische Rüstungsindustrie müsse ihre Produktion schneller ausweiten: "Was wir jetzt brauchen, ist, dass unsere Industrien mehr und schneller produzieren."
Zwar erhöhe die Rüstungsindustrie bereits ihre Kapazitäten, sagte Kubilius weiter. Viele Regierungen seien jedoch besorgt, dass die Hersteller ihre Produktion nicht schnell genug hochfahren könnten, um den dringenden Bedarf zu decken.
Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte hatte zuvor gewarnt, Russland produziere innerhalb von drei Monaten so viel Munition wie die 32 NATO-Mitgliedstaaten zusammen in einem Jahr.
Mehrere EU-Vertreter - darunter auch Kubilius - hatten zudem erklärt, Russland könnte innerhalb der kommenden fünf Jahre in der Lage sein, europäische Staaten anzugreifen.
Im Gespräch mit Euronews bekräftigte Kubilius diese Einschätzung: "In Europa sehen wir sehr deutlich, dass die Möglichkeit einer russischen Aggression gegen EU- oder NATO-Mitgliedstaaten real ist."
Rund 15 Prozent der Polen und Litauen zugesagten Mittel aus dem SAFE-Programm sollen bis Ende Mai ausgezahlt werden. Die übrigen Tranchen werden anschließend im Abstand von sechs Monaten freigegeben - vorausgesetzt, die beiden Mitgliedstaaten erfüllen die Vorgaben der Europäischen Kommission. Sämtliche Mittel müssen bis 2030 verwendet werden.
Andrius Kubilius erklärte, die Unterzeichnung der Vereinbarungen sei auch symbolisch bedeutsam, da sie einen Tag vor den russischen Feierlichkeiten zum Tag des Sieges stattfinde.
"Damit zeigen wir, dass wir bereit sind, uns abzuschrecken und zu verteidigen", sagte Kubilius.
Besonders symbolträchtig sei der Ort der Unterzeichnung: "Es ist wichtig, dass wir das in Polen tun. Polen trägt die größte Verantwortung und erhält den größten Anteil dieser Darlehen."
Im vergangenen Jahr drangen laut polnischen Angaben 20 Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Daraufhin startete die NATO einen Einsatz mit spanischen, niederländischen und italienischen Kampfjets. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sprach von einer "direkten Bedrohung" durch russische Drohnen. Einige davon seien abgeschossen worden.
Polen plant, rund 46 Milliarden Euro in vier große Verteidigungsprogramme zu investieren - darunter der Ausbau der Drohnenabwehr sowie die Verstärkung der rund 400 Kilometer langen Grenze zu Belarus. Nach Angaben der Regierung sollen mindestens 80 Prozent der Mittel im Inland ausgegeben werden, wovon etwa 12.000 Unternehmen profitieren könnten.
"Ein stark bewaffnetes Polen, das so unabhängig wie möglich ist und zugleich eng mit seinen Verbündeten zusammenarbeitet - das hat absolute Priorität", sagte Tusk.
"Es gibt derzeit kein wichtigeres Thema. Jeder Monat, jede Woche und jede Stunde wirken sich auf unsere Sicherheit, die Sicherheit der Region und der ganzen Welt aus."
Litauen will die zugesagten sechs Milliarden Euro vor allem für den Ausbau seiner Landstreitkräfte nutzen - etwa für neue Kampffähigkeiten, Logistiksysteme und zusätzliche Feuerkraft.
Der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas erklärte, die Mittel würden dazu beitragen, den Ausbau der Streitkräfte zu beschleunigen, Munitionsbestände aufzubauen, Waffensysteme zu modernisieren und die Baltische Verteidigungslinie zu stärken.
"Die Entscheidung der Europäischen Kommission, Litauen mehr als 6,3 Milliarden Euro bereitzustellen, ist ein entscheidender Impuls für unsere Verteidigungsfähigkeit", sagte Kaunas. "Das ist nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch ein klares Zeichen des Vertrauens in Litauen und unsere Strategie zur Stärkung von Abschreckung und Verteidigung."
Auch Litauens Präsident Gitanas Nausėda erklärte, ein Teil der Mittel solle für den Kauf und die Produktion von Verteidigungsausrüstung für die Ukraine verwendet werden.
Insgesamt haben sich 18 EU-Mitgliedstaaten um Mittel aus dem 150-Milliarden-Euro-schweren SAFE-Fonds beworben - darunter auch Ungarn.
Der ungarische Antrag wurde vom neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar zunächst wegen Korruptionsbedenken auf Eis gelegt. Kubilius zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass der Antrag letztlich genehmigt werde. Solche Überprüfungen seien bei Regierungswechseln üblich.
"Es ist normal, dass eine neue Regierung eine so große finanzielle Verpflichtung zunächst überprüft", sagte er.