Vom Wal "Timmy" zur Bratwurst auf dem Grill: eine Erörterung mit dem Biologen und Theologen Dr. Rainer Hagencord. "Macht euch die Erde untertan" steht im Alten Testament – für manche eine Rechtfertigung zur Ausbeutung, für andere ein Auftrag zur Verantwortung gegenüber der Schöpfung.
"Ich glaube, dass von Anfang an den meisten Menschen, die sich mit dem Thema Artensterben und Klimakatastrophe beschäftigen, schon bewusst war, dass es auch den Meerestieren insgesamt überhaupt nicht gut geht", sagt Dr. Rainer Hagencord.
Hagencord vereint in seinem Institut für Theologische Zoologie in Münster zwei einzigartige Disziplinen: die Zoologie und die (katholische) Theologie. Der Bischof selbst hat ihn für diese Aufgabe freigestellt - eine Tätigkeit, die, wie er betont, ein großes Privileg ist. Allerdings ist er teils äußerst umstritten – insbesondere in Kreisen der "Fleischproduktions-Lobby": Mastbetriebe haben wiederholt gefordert, dass Hagencords Amt gestrichen wird.
Nichtsdestotrotz kämpft er weiter für seine Überzeugung, dass Tiere von ihrem Wert her nicht "unter dem Menschen" stehen, sondern als Mitgeschöpfe zu akzeptieren sind.
"Die Menschen haben gemerkt, dass da ein Gefühl wach wird, wenn sie dieses leidende oder sterbende Tier sehen", sagt Hagencord in Bezug auf Wal "Timmy" alias "Hope". Der Wal rief offenbar eine ähnliche Art von Emotionen hervor, die wir gegenüber Haustieren empfinden: Eine Nahbarkeit ist entstanden, eine Anteilnahme am Schicksal eines Wesens.
Aber Hagencord sieht auch eine Diskrepanz.
"Auf der einen Seite erleben wir Menschen (oder gehören vielleicht auch selbst dazu), die ganz viel Sympathie und Liebe auch für ihre Haustiere aufwenden, aber gnadenlos sind gegenüber all denen, die in den Tierfabriken und Schlachthöfen ihr Leben lassen müssen."
Theologe über Billigfleisch: "Das ist geisteskrank"
"Wir wissen inzwischen alle, dass auch Schweine, Puten, Hühner, Rinder und Kälber über Emotionen und Sozialkompetenz verfügen", erklärt Hagencord. "Aber eine ganze Gesellschaft hat das offenbar aufgrund eines vermeintlichen Menschenrechts auf Billigfleisch ausgeblendet und ist weiterhin total apathisch gegenüber den Tieren, die da weltweit milliardenfach nur auf die Welt kommen, um in die Schlachthöfe geschickt zu werden. Das ist geisteskrank."
Hagencord zitiert den israelischen Anthropologen Yuval Noah Harari, nach dem die industrielle Tierhaltung eines der größten Verbrechen der Menschheit ist, und führt diesen Gedanken weiter aus: "Als Theologe kann ich sagen, dass wir es hier mit einem System der strukturellen Sünde zu tun haben."
Strukturelle Sünde, erklärt Hagencord, ist ein Begriff aus der Befreiungstheologie Lateinamerikas. In den 80ern hatten Theologen das System in Lateinamerika, wo die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, als ein solches beschrieben.
"Und so sehen wir es ja im Grunde auch jetzt in der industriellen Tierhaltung. In diesem System verlieren alle. Es verliert nicht nur die Würde der Tiere, es verliert auch die Artenvielfalt, es verliert das Grundwasser, es verliert die Gesundheit des Menschen, es verliert u.a. der globale Süden, weil das Soja, das da in die industrielle Tierhaltung fließt, meistens in Lateinamerika gewonnen wird und dafür die Regenwälder abgeholzt werden."
Die großen Profiteure: Fleisch- und Pharmaindustrie
Das System ist so aufgestellt, dass die Fleisch- und die Pharmaindustrie als Profiteure hervorgehen: beide Wirtschaftszweige erwirtschaften Jahr für Jahr immense Gewinne. Nur mithilfe von Antibiotika und anderen Arzneien, die den Tieren vorbeugend verabreicht werden, ist industrielle Tierhaltung überhaupt möglich.
Nun sei es ja nicht so, dass diese Umstände nicht bekannt sind, betont Hagencord: "Das ist inzwischen kalter Kaffee. Aber es passiert nichts in der Gesellschaft. Die Apathie gegenüber den Tieren nimmt sogar noch mehr und mehr zu."
Hagencord freut sich nicht auf die Grillsaison, die jetzt ansteht: "Die Grills kosten teilweise 2.000 Euro, aber das Putenschnitzel darf auf keinen Fall mehr als 39 Cent kosten."
"Zwar haben wir das Tierschutzgesetz, das etwa zehn Jahre alt ist. Und da ist auf den ersten Seiten auch die Rede davon, dass Tiere unsere Mitgeschöpfe sind und dass wir sie in dieser Weise würdigen sollten. Aber drei Seiten später sind all die Vorgänge in der industriellen Tierhaltung, also das Kürzen der Schwänze, das Kastrieren ohne Betäubung usw., legitim. Rechtfertigt wird dies, und jetzt kommt ein wichtiger Begriff, mit dem "vernünftigen Grund". Damit haben wir aber einen Vernunftbegriff, den man zutiefst anfragen muss."
"Muss man all das tun, was dazu beiträgt, dass die Tiere reduziert werden zu Rohlingen der Fleisch-, Eier- und Milchindustrie oder übernehme ich Verantwortung und folge anderen Pfaden der Tierhaltung?“ fragt Hagencord.
Wal "Timmy": Mitgefühl der Menschen völlig angemessen
Zurück zur emotionalisierten Debatte rund um Wal "Timmy" alias "Hope". Hagencord findet, dass hier "etwas Zeichenhaftes" geschehen ist:
"Ein Mitgefühl mit diesem Tier und der Wunsch, dass es ihm doch gut gehe, ist doch eine völlig angemessene Art und Weise, mit diesem Tier umzugehen", betont der Theologe.
Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Wal krank war und im Sterben lag. Hätte man ihn einfach in Ruhe sterben lassen sollen? Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack hat übrigens in diesem Zusammenhang betont, dass jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine weltweit ähnlich qualvoll sterben, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen. Die meisten von ihnen sterben allein und ohne dass überhaupt jemand davon erfährt.
"Wir haben es ja hier mit einem fühlenden Wesen zu tun", sagt Hagencord. "Auch beim Menschen wird abgewogen: Machen wir lebenserhaltende Maßnahmen oder lassen wir die Patientin in Würde sterben? Warum sollen wir denn nicht die gleichen Mechanismen auf diesen Wal übertragen? Also diese Unsicherheit, diese Sorge, was können wir noch tun, was können wir nicht mehr tun? Ich finde das durchaus angemessen."
"Etwas stirbt im Menschen ab"
Hagencord kommt noch einmal auf die industriellen Massenschlachtungen zurück und betont, dass Tiere in vielen indigenen Kulturen grundsätzlich eher als beseelte Mitgeschöpfe wahrgenommen werden. Auch dort werde geschlachtet, aber mit mehr Achtung vor dem Tier.
Der rücksichtslose Umgang mit Nutztieren geht übrigens auch am Menschen nicht spurlos vorüber. Hagencord erzählt von einer Bäuerin, die einen Schweinemastbetrieb führt und ihm sagte: "Wenn ich mit dem Denken, dass meine Schweine eine Würde haben, in den Stall gehe, kann ich meine Arbeit nicht mehr machen. Aber ich muss sie ja machen." Das, so der Theologe, sei ein psychologisches Dilemma. "Wer täglich in industriellen Anlagen der Tiermast unterwegs ist, der muss auf Dauer in gewisser Weise verrohen. Etwas stirbt in dem Menschen ab."
Der Philosoph Albert Schweitzer schrieb einst, der Mensch könne niemals völlig schuldlos leben, weil jedes Leben wiederum anderes Leben beeinträchtigt. Wir existieren also unvermeidlich auf Kosten anderer Lebewesen und tragen dafür Verantwortung. Wie diese Verantwortung gehandhabt wird, bleibt die entscheidende Frage.
Hagencord kämpft seit über 30 Jahren für die Anerkennung aller Tiere als schützenswerte Mitgeschöpfe. Eine Veränderung zum Positiven hat er bis dato nicht erlebt. Zuversicht legt er in die Menschen der jungen Generation, die, so hofft er, der herrschenden Realität mit einem neuen Blickwinkel und frischer Aktion begegnen.