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Tracker, Tod und Tierquälerei: Experten rechnen mit "Timmy"-Rettung ab

Das Land Mecklenburg-Vorpommern will rechtliche Schritte gegen die private Initiative prüfen.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern will rechtliche Schritte gegen die private Initiative prüfen. Copyright  AP
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Die Rettung von "Timmy" war umstritten und das Nachspiel gibt den Kritikern vorerst recht. Experten werfen der privaten Initiative Tierquälerei vor, Behörden warten auf versprochene Daten. Und Timmy bleibt verschwunden.

Anfang März strandete ein Buckelwal in der Wismarer Bucht – und wurde schnell zu einem international beachteten Sorgenfall. Wochenlang verfolgten Millionen Menschen den Zustand des Wals, den die Medien auf den Namen Timmy tauften: ob er atmet, ob er frisst, ob er leidet. Eine Privatinitiative sammelte über 1,5 Millionen Euro, um ihn zu retten – und transportierte ihn Anfang Mai per Lastkahn ins Skagerrak, die Meerenge zwischen Norwegen, Schweden und Dänemark, gegen den ausdrücklichen Rat der meisten beteiligten Meeresbiologen.

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Seitdem herrscht Stille.

Der GPS-Tracker, den die Initiative angeblich am Wal angebracht hat, liefert keine Daten. Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern wartet vergeblich auf die vereinbarten Informationen. Experten gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Timmy tot ist. Was bleibt, ist ein bitteres Nachspiel aus Vorwürfen und der Frage, ob das Tier am Ende nicht gerettet, sondern gequält wurde.

Kein Lebenszeichen aus dem Meer

Das Landesumweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern wartet weiter vergeblich auf Informationen zum Verbleib des Wals. Umweltminister Till Backhaus wirft der privaten Rettungsinitiative Wortbruch vor: Vereinbart waren eine Videoüberwachung, die Weitergabe der Tracker-Daten und ein tierärztliches Gutachten nach der Freilassung. Das Ministerium prüft nach Informationen des Spiegel nun rechtliche Schritte gegen die Initiative.

Der Tracker - eine Lüge?

Die private Initiative behauptete, der angebrachte GPS-Sender liefere keine Ortungsdaten, sondern Vitalwerte des Wals. Fachleute widersprechen dieser Darstellung scharf. Das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) stellte klar, ein GPS- oder Satellitentracker liefere üblicherweise keine Vitaldaten im medizinischen Sinne. Dafür sei spezielle Sensorik notwendig. Peter Madsen, Meeresbiologe an der dänischen Universität Aarhus und seit zwei Jahrzehnten Buckelwalforscher, wird auf Anfrage von Euronews noch deutlicher: "Es gibt keinen handelsüblichen GPS-Sender, der Vitaldaten des Wals liefern kann – wer das behauptet, sagt nicht die Wahrheit."

Auch der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace, der den Fall von Beginn an begleitet hat, hält das Vorgehen der Initiative für symptomatisch: "Wenn der Tracker nicht funktioniert, dann ist das nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Leute aus dieser Rettungsinitiative besser nochmal jemanden gefragt hätten, der sich damit auskennt", sagt Maack im Gespräch mit Euronews. Für ihn kommt das Schweigen des Trackers nicht überraschend – er rechnet damit, dass der Sender zusammen mit dem Wal auf dem Meeresgrund liegt.

Der vor Wismar aus einer flachen Bucht geborgene Buckelwal wurde in einem gefluteten Frachtschiff in Richtung Nordsee transportiert.
Der vor Wismar aus einer flachen Bucht geborgene Buckelwal wurde in einem gefluteten Frachtschiff in Richtung Nordsee transportiert. (c) Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

"Tierquälerei" – ein Vorwurf mit Gewicht

Madsen hält die gesamte Aktion für einen schwerwiegenden Fehler: "Es war ein krankes, abgemagertes und sterbendes Tier, das man in Ruhe hätte sterben lassen sollen. Es war nicht zu retten, und der zweitägige Transport in einem lauten Lastkahn muss extrem stressig für das Tier gewesen sein." Berichte, wonach Timmy bei hohem Wellengang gegen die Stahlwände des Kahns prallte und sich kaum noch bewegte, hält Madsen für vollständig plausibel: Physische Schäden durch einen solchen Transport könnten Prellungen, Knochenbrüche und innere Blutungen umfassen.

Maack erhebt in diesem Zusammenhang einen konkreten Vorwurf: Den Aufnahmen eines Nachrichtensenders zufolge sei dem Wal ein Seil um die Schwanzflosse gelegt worden, um ihn aus der Barge zu ziehen. "Das ist Tierquälerei, das ist ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz", sagt Maack. "Es gibt nur eine einzige goldene Regel bei Rettungsversuchen von Walen: Man zieht diese Tiere niemals an der Schwanzflosse, weil diese nicht über Skelettstrukturen, sondern nur über Muskeln und Bindegewebe mit dem Körper verbunden ist."

Experten wurden ignoriert

Bereits am 3. April, Wochen vor dem Transport, hatten Fachleute von Greenpeace, dem Institut für Wildtierforschung, dem Deutschen Meeresmuseum Stralsund und Sea Shepherd ihr internationales Netzwerk konsultiert – darunter Strandungsexperten der Internationalen Walfangkommission (IWC) und das British Divers Marine Life Rescue Team. Das Fazit war eindeutig: Dem Wal sei nicht mehr zu helfen. "Alle haben uns gesagt, es gibt keine Möglichkeit, diesem Tier tatsächlich noch zu helfen", sagt Maack. Die einzig vertretbare Option sei eine sogenannte palliative Betreuung gewesen – das Tier beim Sterben zu begleiten. Dass das Umweltministerium anschließend die private Initiative dennoch geduldet habe, sei eine Entscheidung gewesen, die außerhalb seines Einflussbereiches lag: "Warum das geduldet wurde, muss Ihnen Herr Backhaus selber erklären."

Madsen hat eine ähnliche Sichtweise: "Es ist nach jedem internationalen Standard sehr merkwürdig, wenn ein Minister wissenschaftlichen Rat ignoriert und einer schlecht durchdachten Erzählung der Öffentlichkeit folgt – nur weil reiche Leute bereit sind, dafür zu bezahlen."

Wale wurden über Jahrhunderte gejagt und sind bis heute bedroht.
Wale wurden über Jahrhunderte gejagt und sind bis heute bedroht. AP Photo

1,5 Millionen Euro: was man damit besser tun würde

Maack hat konkrete Antworten auf die Frage, was mit dem Geld stattdessen hätte passieren können. Fischer, die mit Stellnetzen arbeiten, könnten mit akustischen Signalgebern ausgestattet werden, die Schweinswale warnen. Die Mittel hätten in alternative Fischereimethoden fließen können, um Beifang zu reduzieren. Oder in Seegras-Ansiedlungsprojekte, die CO₂ binden. "Allein in der Zeit, in der der Buckelwal in der deutschen Ostsee war – ab dem 3. März bis Ende April – sind Zehntausende Wale in den Netzen der Fischerei weltweit gestorben", sagt Maack. "Vor den Augen derjenigen, die das Einzelschicksal von diesem einen Wal bedauert haben."

Was bleibt, ist eine letzte Hoffnung

Sollte Timmy tatsächlich gestorben sein, könnte sein Körper einen Prozess auslösen, den die Meeresforschung als Walsturz bezeichnet – ein langsames Absinken des Kadavers auf den Meeresboden, wo er zur Grundlage eines eigenen Ökosystems wird. Zunächst ernähren sich Aasfresser wie Haie, Schleimaale und Krebse vom Weichgewebe. Später dienen Knochen und Sediment spezialisierten Organismen als Lebensraum. Was für Timmy das Ende wäre, könnte für andere Meeresbewohner zum Jackpot werden.

Eine letzte, kleine Hoffnung bleibt: Es gibt eine internationale Fotodatenbank für Buckelwalflossen. Timmys Flosse wurde dokumentiert. "Wenn wir in den europäischen Wintermonaten diese Flosse in einem Katalog wiedersehen sollten, dann ist das ein Beleg dafür, dass der Wal es geschafft hat", sagt Maack. Bis dahin gilt das, was der dänische Meeresbiologe Madsen nüchtern zusammenfasst: "Es ist mit Abstand das wahrscheinlichste Ergebnis, dass das Tier tot ist – angesichts fehlender Sichtungen und fehlender Trackingdaten."

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