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Zivilschutz-Experte: Deutschland ist zu wenig auf den Ernstfall vorbereitet

Freiwillige bauen Feldbetten auf, Berlin, 3. Januar 2025
Freiwillige bauen Feldbetten auf, Berlin, 3. Januar 2025 Copyright  Christoph Gollnow/dpa via AP
Copyright Christoph Gollnow/dpa via AP
Von Laura Fleischmann
Zuerst veröffentlicht am
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Stromausfall, Cyberangriff, Sabotage – Deutschlands kritische Infrastruktur ist verletzlicher, als viele denken. Experten warnen vor hybriden Angriffen, die Städte lahmlegen und Krankenhäuser an ihre Grenzen bringen könnten.

Einmal Feuer gelegt und schon fällt der Strom für 45.000 Berliner Haushalte aus. Erst vor wenigen Wochen legte ein linksextremistischer Anschlag Berlins Südwesten lahm - ein Vorgeschmack auf hybride Angriffe, die noch kommen könnten und auf die Deutschland kaum vorbereitet sei, so Experten.

"Was wir die vergangenen Jahrzehnte eigentlich erlebt haben, ist, dass sukzessive die Maßnahmen im Rahmen des Zivilschutzes eigentlich eher abgebaut wurden, keine Finanzierung, kein neues Personal. Die Ausstattung wurde eher zurückgebaut, anstatt aufgerüstet", erklärt Ferdinand Gehringer. Seit Jahren berät er Politik und Unternehmen in Sicherheits- und Verteidigungsfragen.

Lange galt ein friedliches Zusammenleben in Deutschland und Europa als selbstverständlich. Doch die guten Jahre scheinen vorbei: Ende vergangenen Jahres störten immer wieder Drohnen Flughäfen, darunter in München und am Berliner BER.

Die Sorge: Russland könnte mit einem hybriden Angriff gezielt kritische Infrastruktur angreifen, etwa Bahnanlagen oder Kraftwerke, und so einen Ausnahmezustand hervorrufen. Auch Angriffe auf Informationstechnik und Telekommunikation hätten verheerende Konsequenzen. Für viele Menschen wären ihre Hauptinformationskanäle, Handy und Internet, nicht mehr nutzbar.

"Viele Mobilfunkmasten sind nicht notstromgesichert, das Netz bricht oft nach 30 bis 45 Minuten zusammen", sagt Gehringer. "Einer meiner Schwerpunkte wäre im Rahmen des Zivilschutzes auch sicherzustellen, dass wir eine Internetversorgung gewährleisten können."

150 Lebensmittel-Lager für den Notfall

Warnungen vor Angriffen auf kritische Infrastruktur kommen ebenso vom Bundesinnenministerium: "Grundsätzlich geht die Bundesregierung von einer abstrakten Gefährdung der Kritischen Infrastrukturen aus, einschließlich der Energieversorgung."

Das jahrzehntelange implizite Versprechen "Wir schützen euch um jeden Preis" lasse sich heute nicht mehr halten, erklärt Gehringer. Stattdessen müsse der Staat die Bevölkerung auffordern, individuell vorzusorgen, beispielsweise mit Lebensmittelvorräten. Mit gemeinsamen Übungen könnten Unternehmen und Privatpersonen für den Notfall trainieren. Die damalige SPD-Innenministerin Nancy Faeser plädierte so etwa für Zivilschutzübungen für Schüler, wie Euronews berichtete.

Verbreitet sind derartige zivilen Übungen bereits in Schweden. Dort führt der Staat jährlich eine Bereitschaftswoche durch, während der Informationsveranstaltungen und Krisenübungen stattfinden. Betreiber kritischer Infrastruktur sowie Bevölkerung können gemeinsam für den Ernstfall üben.

Auch in Deutschland sei denkbar, dass Unternehmen neben Übungen zum Brandschutz zusätzlich für Stromausfälle und Terroranschläge trainieren, erklärt Gehringer.

Rund 2.800 Personen kümmern sich in Deutschland primär um den Zivilschutz, darunter 600 im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und 2.200 im Technischen Hilfswerk. Über Jahrzehnte wurden Strukturen abgebaut, bemängelt Gehringer. "Man hat sich schlicht zu wenig mit Extremlagen beschäftigt", sagt der Experte.

Um im Ernstfall die Versorgung zu sichern, lagert der Staat an mehr als 150 Standorten deutschlandweit Lebensmittel. Regelmäßig werden sie ausgetauscht, schließlich ist ihre Haltbarkeit begrenzt. Wo genau die Lager sich befinden, ist geheim. In ihnen lagern Grundnahrungsmittel wie Reis und Weizen, aber auch Hülsenfrüchte, darunter Erbsen. Auch Kondensmilch findet sich dort.

Krankenhäuser fordern 2,7 Milliarden Euro

Doch in Städten, die meist von Großbäckereien außerhalb der Stadt beliefert werden, sei etwa Weizen wenig hilfreich, so Gehringer. Stattdessen appelliert er für Dosenprodukte.

Die Vorratshaltung allein reicht jedoch nicht aus: Selbst wenn Lebensmittel und Grundversorgung gesichert wären, stoßen kritische Einrichtungen wie Krankenhäuser bei Extremsituationen schnell an ihre Grenzen. Ein Ausfall von Strom, IT-Systemen oder logistischen Abläufen kann binnen kürzester Zeit dramatische Folgen haben.

Krankenhaus Charité in Berlin, 3. September 2020
Krankenhaus Charité in Berlin, 3. September 2020 Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved

Eine im Oktober 2025 erschienene Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft zeigt, wie schlecht deutsche Krankenhäuser auf den Ernstfall vorbereitet sind. Nur ein Viertel verfügt über Einsatzpläne für den Verteidigungsfall. Innerhalb weniger Tage, so die Studie, wären Kliniken an ihrer Belastungsgrenze.

Für die Vorbereitung auf Cyberangriffe und Sabotage fordern die Autoren der Studie, 2,7 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Verteidigung zu investieren.

"Da haben wir einen Riesenrückstand", sagt Gehringer. Deutsche Ärzte hätten zu wenig Erfahrung mit Kriegsverletzungen und Verwundungen.

Ende Januar verabschiedete der Bundestag das "KRITIS-Dachgesetz", das kritische Infrastruktur stärker schützen soll. Betreiber entsprechender sicherheitsrelevanter Anlagen und Einrichtungen müssen künftig etwa den Zugang dazu beschränken oder eine Notstromversorgung garantieren. Der Bundesrat muss dem Gesetz noch zustimmen.

Vergangenen September kündigte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) zudem einen "Pakt für den Bevölkerungsschutz" an. Zehn Milliarden Euro will er bis 2029 investieren.

"Geplant sind unter anderem die Anschaffung von Fahrzeugen für Brandschutz, Krankentransport, Kommandozentralen und schweres Gerät zur Unterstützung des Katastrophenschutzes", so das BMI auf Anfrage von Euronews. Auch die krisenfeste Kommunikation über Digitalfunk soll gestärkt werden.

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