Tausende Menschen haben sich an diesem Sonntag in Fleurance versammelt und der elfjährigen Schülerin Lyhanna gedacht. Deren Leiche war kurz zuvor entdeckt worden. Hauptverdächtiger ist ein Vater aus dem Umfeld.
Schon zu Beginn des Nachmittags versammelten sich in den Straßen von Fleurance im Département Gers nordwestlich von Toulouse viele Menschen: Angehörige, Einwohnerinnen und Einwohner, Kommunalpolitiker. Weiße Kleidung, Blumen in den Händen, T-Shirts und ein Banner mit der Aufschrift "Plus jamais ça" – "Nie wieder" – prägten diesen Moment des gemeinsamen Gedenkens. Nach Angaben der Präfektur nahmen rund 6.000 Menschen teil.
Um 15 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, die Stimmung war von großer Betroffenheit geprägt.
Die Eltern und der Bruder von Lyhanna liefen an der Spitze des Zuges. Bei diesem schmerzhaften Termin wollten sie der Stadt öffentlich dafür danken, dass sie die Kundgebung organisiert hatte. Sie baten außerdem darum, gemeinsam mit den Lokalpolitikerinnen und -politikern zu gehen, die sie in den langen Tagen der Suche nach ihrer Tochter unterstützt hatten.
"Heute ist meine Tochter Lyhanna dort oben sicher gerührt, wenn sie sieht, wie viele Menschen für sie zusammengekommen sind", schrieb ihre Mutter in einem Text, den die Tante der Schülerin vorlas. "Mir fehlen die Worte. Niemand ist, denke ich, darauf vorbereitet, ein so plötzliches Verschwinden zu erleben. Unsere kleine Welt ist völlig zusammengebrochen."
In ihren Schlussworten richtete sie sich noch einmal an ihre Tochter: "Lyhanna, es tut uns leid. Es tut uns so leid für das, was du erleiden musstest. Wir lieben dich so sehr."
Über die landesweite Anteilnahme hinaus sollte der Schweigemarsch die Solidarität der Menschen im Département Gers zeigen. Das Strafverfahren liegt nun in den Händen der Ermittlerinnen und Ermittler.
Verdächtiger schweigt weiter: Versäumnisse angeprangert
Jérôme B., der Hauptverdächtige, bestreitet weiterhin jede Beteiligung am Tod von Lyhanna. Bei seinen Vernehmungen nach der Festnahme wies er alle Vorwürfe zurück.
Vor der Ermittlungsrichterin der Staatsanwaltschaft in Agen machte der Verdächtige dann von seinem Schweigerecht Gebrauch und beantwortete keine Frage der Richterin. Das Mädchen war am 29. Mai verschwunden, nachdem eine Kamera sie gefilmt hatte, wie sie in sein Auto stieg. Nach tagelanger intensiver Sucher fanden Einsatzkräfte am 4. Juni ihre Leiche in einem Getreidesilo unweit von Fleurance.
Der Fall wirft viele Fragen zum Umgang mit früheren Hinweisen auf den Verdächtigen auf. Mehrere Angehörige des Opfers und Bewohnerinnen und Bewohner von Fleurance kritisierten mögliche Versäumnisse bei der Bearbeitung von Anzeigen und Warnungen gegen den Mann, die in den vergangenen Jahren eingegangen waren. Landesweit ist die Empörung über das Versagen der Behörden groß.
Beim Schweigemarsch forderten die Teilnehmer mehr Mittel zum Schutz von Minderjährigen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Justiz, Polizei und Sozialdiensten, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholt.
Die Kritik blieb nicht auf die lokale Ebene beschränkt, sondern erreichte die Staatsspitze. Angesichts der durch den Fall offengelegten Versäumnisse entschuldigte sich der französische Justizminister Gérald Darmanin am Freitagabend in den Fernsehnachrichten von TF1 "im Namen der Justiz" bei Lyhannas Familie.
Auch Staatspräsident Emmanuel Macron sprach von Versäumnissen. "Es ist klar, dass es zu einem Versagen gekommen ist (...) und das ist inakzeptabel", erklärte er.