Europas Drogenmarkt verändert sich rasant: Jede Woche taucht etwa eine neue psychoaktive Substanz auf. Besonders synthetische Opioide alarmieren die EU-Behörden, weil schon kleinste Mengen tödlich sein können.
Auf Europas Drogenmarkt wird inzwischen etwa einmal pro Woche eine neue psychoaktive Substanz entdeckt. Nach Angaben von EU-Behörden bergen synthetische Opioide ein besonders hohes Risiko: Ein einziges Gramm kann mehrere tausend tödliche Dosen enthalten.
Die Warnung kommt von der Europäischen Drogenagentur EUDA, die am 9. Juni ihren Europäischen Drogenbericht 2026 vorgelegt hat. Demnach wurden allein im Jahr 2025 europaweit 50 neue Substanzen erstmals nachgewiesen, viele davon synthetische Opioide und Kathinone.
Über ihr Frühwarnsystem beobachtet die Behörde inzwischen mehr als 1.000 neue psychoaktive Stoffe, darunter über 100 synthetische Opioide. Vor zehn Jahren spielte diese Stoffgruppe kaum eine Rolle.
Zu den neuesten Bedrohungen gehören sogenannte Orphin-Opioide, eine halbsynthetische Stoffgruppe, die sich seit 2024 rasant ausbreitet. Neun neue Orphin-Verbindungen wurden bereits identifiziert. Sie stehen mit mehr als 30 Todesfällen in Europa in Verbindung. Zwei davon, Cychlorphine und Spirochlorphine, sind bereits in einem Dutzend Ländern oder mehr aufgetaucht und wurden im Schnellverfahren in die EU-weite Risikobewertung aufgenommen.
"Es ist schwer, das auf einen einzigen Faktor zu reduzieren, weil der Markt auf mehrere Entwicklungen reagiert", sagte EUDA-Direktorin Lorraine Nolan im Interview. Sie nannte organisierte Kriminalität, Migrationsdruck und geopolitische Verschiebungen als Kräfte, die das Angebot verändern. Europa habe sich zudem zu einem Produktionsstandort entwickelt. Jedes Jahr arbeiten Hunderte illegaler Labore, gestützt auf eine lange Tradition der Amphetaminherstellung und immer ausgefeiltere Technik.
"Die Lage ist schwierig, weil sich alles so rasant entwickelt und ständig neue Substanzen auftauchen", sagte Nolan. Jede neue Verbindung bringe Gesundheitsrisiken mit sich, die Fachleute noch nicht vollständig kennen.
Europa gerät dabei jedoch nicht ins Hintertreffen. Das Mandat der EUDA wurde im Juli 2024 gestärkt. Seither hat die Behörde neue Instrumente eingeführt, um die Lücke zwischen Entdeckung und Kontrolle zu verkleinern: ein europäisches Drogenwarnsystem für schnelle Hinweise an die Praxis, eine Einheit zur Bedrohungsanalyse, die das Verhalten neuer Stoffe abschätzt, sowie ein neues Netzwerk forensischer und toxikologischer Labore.
Bei synthetischen Opioiden unterzieht die Behörde derzeit mehrere Substanzen einer aktiven Risikobewertung, die voraussichtlich in eine EU-weite Kontrolle münden wird. Nolan beschreibt dies als eine Art schnelle Pipeline: von der raschen Entdeckung über die zügige Beschreibung der Gesundheitsgefahren bis hin zur Regulierung.
Die Zahlen des EUDA-Berichts deuten darauf hin, dass die EU im Vergleich zu einigen anderen Regionen relativ gut dasteht. Im Jahr 2024 verzeichnete sie schätzungsweise 7.600 drogenbedingte Todesfälle. Das ist ein Bruchteil der mehr als 100.000 Fälle, die die USA, ein Land mit kleinerer Bevölkerung, jedes Jahr melden.
Nolan führt den Unterschied auch auf den "ausgewogenen Ansatz" Europas zurück. Repression geht hier mit langfristigen Investitionen in Behandlung und Schadensminimierung einher. Mehr als 500.000 der rund 800.000 problematischen Opioidkonsumentinnen und -konsumenten in der EU, also über 60 Prozent, erhalten inzwischen eine Opioid-Agonisten-Therapie. Naloxon zur Mitnahme, ein Medikament, das Überdosierungen aufheben kann, steht in 19 Mitgliedstaaten zur Verfügung.
Trotzdem gibt es Lücken. Nadel- und Spritzenprogramme existieren zwar in der gesamten EU, doch mehrere Staaten erreichen die internationalen Abdeckungsziele nicht. Drogenkonsumräume, ein umstrittenes Instrument der Schadensminimierung, verbreiten sich nur langsam. Nolan sprach insgesamt von einer "sich sehr dynamisch verbessernden Lage". Grundlage seien nationale Systeme, die sie als engagiert, aber unterschiedlich gut ausgestattet beschreibt.
Diese Ungleichheit steht im Zentrum der neuen EU-Drogenstrategie 2026-2030, die der Rat im Juni beschlossen hat. Sie gehört zu den weitreichendsten Rahmenwerken, die Europa bislang vorgelegt hat. Die Strategie beruht auf fünf Säulen: öffentliche Gesundheit, Sicherheit, Schadensminimierung, Partnerschaften und Vorsorge.
Aus Sicht Nolans will die EU damit auch mit einem problematischen Erbe früherer Politik brechen, die Angebot und Nachfrage als getrennte Probleme behandelt habe. "Die Strategie betrachtet sehr sorgfältig das komplexe Zusammenspiel dieser beiden Faktoren", sagte sie.
Die Rolle der EUDA in diesem Rahmen ist fachlich, nicht durchsetzungsbefugt. Die Behörde liefert Daten, Schulungen und Monitoring. Sie hilft Regierungen dabei, eigene Antworten zu entwickeln, statt sie zu steuern. Im vergangenen Jahr schulte sie Tausende Beschäftigte an vorderster Front und organisierte mehr als 1.200 Webinare für nationale Behörden.
Auch die Zusammenarbeit mit Europol und Frontex vertieft sich laut Nolan. Schmuggelnetzwerke agieren immer ausgefeilter und sind zunehmend mit organisierter Gewalt verknüpft. Die EUDA hat derzeit den Vorsitz im Netzwerk der EU-Agenturen für Justiz und Inneres. Der Arbeitsplan für dieses Jahr konzentriert sich auf die Verbindungen zwischen Gesundheit, Sicherheit und neuen technologischen Bedrohungen.
Brüssel setzt darauf, dass schnellere Entdeckung, zügige Risikobewertung und anhaltende Ausgaben für Schadensminimierung verhindern, dass Europas Opioidproblem den Weg anderer Regionen nimmt – auch wenn sich die chemische Beschaffenheit der Gefahr ständig verändert.