Rund 10.000 Menschen haben nach Angaben der Organisatoren vor Sa Ràpita auf Mallorca mit einer drei Kilometer langen Menschenkette gegen ein Gesetz protestiert, das den Schutz am Strand von Es Trenc ändern soll.
Schon früh am Morgen gecharterte Busse vollbesetzt aus Palma losgefahren. Viele kamen im eigenen Auto, mit dem Motorrad oder per Zug, aus allen Orten der Ferieninsel Mallorca. Der Parkplatz des Club Náutico von Sa Ràpita, als Treffpunkt für zehn Uhr festgelegt, war schon vorher voll.
Von dort aus verteilten sich die Teilnehmenden am Strand und bildeten nach verschiedenen Schätzungen eine zwischen zwei und drei Kilometern lange Menschenkette, vom Club Náutico bis Ses Covetes. An manchen Abschnitten verhinderte die Tiefe des Wassers, dass sich die Menschenkette unter dem Motto "Es Trenc no es toca" ("Der Stand von Es Trenc wird nicht angerührt") weiter ausdehnen konnte.
Unter den Protestierenden waren auch Antoni Llabrés, der Präsident der Obra Cultural Balear, und Madó Farta, inzwischen eine bekannte Persönlichkeit bei Protesten gegen den Massentourismus auf Mallorca. Insgesamt verlief der Tag ruhig; die demonstrierenden Menschen teilten sich den Strand mit Touristinnen, Touristen und einheimischen Badegästen, die von dem Aufruf nichts mitbekommen hatten.
Kurz nach elf Uhr, noch mit den Füßen im Wasser, las der Schriftsteller Sebastià Alzamora das Manifest der Protestbewegung vor. Darin prangerte er an, dass das Omnibus-Gesetz aus seiner Sicht eine deregulierende Offensive darstellt, die 80 % des Territoriums Mallorcas gefährdet. Der Text enthält deutliche Worte, denn er wirft den Behörden vor, den Boden für "ein Magaluf im Süden der Insel“ zu bereiten, mit Parkplätzen, Strandbars und aller Art touristischer Dienstleistungen, wo es heute noch nichts davon gibt.
Buhrufe gegen konservative Lokalpolitikerin
Der spannungsgeladenste Moment des Tages kam, als die Verlesung fast zu Ende war. Die Bürgermeisterin von Campos, Francisca Porquer von der konservativen PP, erschien neben der Gruppe. Es kam zu lautstarken gegenseitigen Vorwürfen, die Politikerin stimmte in den Slogan "Es Trenc no es toca“ mit ein, den ihr die Teilnehmenden zuriefen. Die Menge reagierte mit Buhrufen.
Das Omnibus-Gesetz: Was sich konkret ändert
Auslöser des Protests ist ein Gesetzespaket, das mehr als 50 regionale Gesetze verändert. Darin enthalten ist eine Bestimmung, die den Schutzstatus des Naturparks Es Trenc–Salobrar de Campos abschwächt, der 2017 gegen die Stimmen der PP ausgewiesen worden war.
Kern des Konflikts ist, was Umweltverbände "Entrechtlichung“ nennen: Künftig kann die Regionalregierung "Consell de Govern de Mallorca" und nicht mehr das Parlament per Dekret die Regeln für den Park ändern, einschließlich des Nutzungs- und Managementplans, das seit Februar überarbeitet wird. Dieser Plan legt im Detail fest, was im Schutzgebiet erlaubt ist und was nicht.
Hinzu kommen weitere Änderungen: die Ausweitung der Flächen, auf denen Strandbars aufgebaut werden dürfen, kürzere Fristen für die öffentliche Beteiligung bei Änderungen der Pläne der Naturparks und eine Öffnung für berufliche und Freizeitfischerei in bislang beschränkten Zonen.
Die lokal Verantwortlichen halten die Interpretation der Umweltschützer für falsch. Die Präsidentin der Regionalbehörde betont immer wieder, die einzige tatsächliche Änderung betreffe das Verwaltungsverfahren für Anpassungen im Park, und Es Trenc "ist, war und wird weiterhin geschützt sein“.
Regierungssprecher Antoni Costa geht noch weiter und bezeichnet die Vorwürfe der Entschutzung als Lügen. Man habe lediglich die Funktionsweise dieses Naturparks an die übrigen Schutzgebiete des Archipels angeglichen, argumentiert er.
Die Protest-Organisationen sehen das anders. Für sie liegt das Problem nicht in dem, was morgen passieren könnte, sondern in dem Instrument, das sich der Govern für die Zukunft gesichert hat. Einige deuten die Änderungen als Teil einer langfristigen Strategie, die sich über die nächsten Jahre entfalten soll und nicht nur Es Trenc betrifft: Auch die Serra de Tramuntana, s’Albufera, Mondragó oder Sa Dragonera könnten von demselben Mechanismus betroffen sein.
Es Trenc: Mallorca mobilisiert sich erneut
Was an diesem Sonntag geschah, ist kein Einzelfall. 1983 füllten mehr als 10.000 Menschen das Zentrum von Palma, um das Städtebauprojekt einer schwedischen Firma zu stoppen, die auf den Dünen des Strands bauen wollte. 2012 fand die erste Menschenkette gegen ein geplantes Hotel mit Golfplatz in Sa Ràpita statt.
Schon seit drei Jahrzehnten gibt es jeweils eine Bürgerbewegung, die Tausende Menschen verschiedener Generationen um dasselbe Symbol versammelt. Es Trenc, mit seinen Dünen, Salzfeldern und fast zwei Kilometern unberührtem Sandstrand. Dieser Ort steht im Fokus des balearischen Umweltkampfs – noch vor anderen Gebieten mit vergleichbarem ökologischen Wert.
Der Protest an diesem Sonntag fällt zudem in ein besonders angespanntes Jahr. Die Demonstrationen unter dem Motto "Menys turisme, més vida" ("Weniger Tourismus, mehr Leben"), einer der Gruppen hinter der Menschenkette, haben sich in den vergangenen Sommern wiederholt. Sie prangern steigende Mieten, den Verlust an Lebensqualität und den Druck an, den Millionen von Besuchern in jeder Saison auf eine Insel mit etwas mehr als 1,1 Millionen Einwohnern ausüben.