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Neue Klimamythen: Von der Leugnung zu Angriffen auf Klimapolitik

Ein Baum steht in einem kleinen See in einem Wald im Taunus nahe Frankfurt, aufgenommen am siebten Juli 2026.
Ein Baum steht in einem kleinen See in einem Wald im Taunus nahe Frankfurt am Main, Deutschland, am 7. Juli 2026. Copyright  AP Photo
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Von Estelle Nilsson-Julien & Tamsin Paternoster
Zuerst veröffentlicht am
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Fachleute warnen: Klimadesinformation richtet sich immer stärker gegen Umweltpolitik. Gleichzeitig nimmt KI‑Material zu angeblichen Naturkatastrophen rasant zu.

Seit Jahrzehnten entkräften Wissenschaftler Behauptungen, nach denen kalte Winter belegten, die globale Erwärmung sei nur ein Schwindel. Sie wenden sich auch gegen die Behauptung, das Klima verändere sich ohnehin von selbst und die Menschheit treffe deshalb keine Verantwortung. So mussten sie überhaupt erst belegen, dass es die Klimakrise gibt.

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Dennoch beobachten Experten, dass sich diese Desinformationsnarrative zunehmend wandeln. Heute zielen sie eher darauf ab, Umweltpolitik und Klimaschutz in Verruf zu bringen, statt die Erderwärmung grundsätzlich zu leugnen.

„Die Zeit der offenen Klimaleugnung ist so gut wie vorbei“, sagt Ned Mendez, Forschungsleiter der Digitalagentur 411, im Gespräch mit dem Verifikationsteam von Euronews, The Cube. „Die Desinformationsindustrie ist eine Stufe weitergerückt. Heute geht es weniger darum, ob die Erderwärmung real ist, sondern ob die Reaktion darauf umsetzbar, gerecht und ihren Preis wert ist.“

„Wenn wir an Desinformation denken, stellen wir uns meist vor, dass jemand die Existenz des Klimawandels oder seinen menschengemachten Ursprung bestreitet“, sagt auch Eva Morel, Generalsekretärin der französischen Beobachtungsstelle gegen Klimadesinformation Quota Climat. „Was wir heute sehen, ist jedoch, dass dies nicht mehr die häufigste Form ist, die dieses Phänomen annimmt.“

Das fügt sich in einen größeren politischen Kontext eines sogenannten „Greenlash“ ein. Das Kunstwort aus „green“ und „backlash“ beschreibt den wachsenden politischen Widerstand gegen Klimapolitik.

Trotzdem hängt Klimadesinformation stark vom aktuellen Nachrichtengeschehen ab, betont Morel. Sie entsteht rund um politische Debatten, neue klimapolitische Strategiepapiere, große internationale Treffen wie COP-Konferenzen oder EU-Gipfel sowie Ereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Waldbrände.

Diese Erzählungen beschränken sich nicht auf soziale Medien. Unter europäischen Staats- und Regierungschefs herrscht zwar Einigkeit, dass der Klimawandel real ist und bekämpft werden muss. Klimaleugnung bleibt aber Teil der politischen Landschaft.

Beispielsweise stellt in Deutschland die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) den wissenschaftlichen Konsens infrage, wonach der Klimawandel vom Menschen verursacht wird. Andere wiederum greifen Aussagen von US-Präsident Donald Trump auf, der den Klimawandel wiederholt als „Betrug“ bezeichnet hat und europäische Regierungen für ihre Klimapolitik attackiert. Solche Maßnahmen diffamierte er als „Green New Scam“.

Hitzewellen befeuern Desinformation

Dennoch tauchen weiter falsche Behauptungen über den Charakter des Klimawandels auf. Sie gehen meist Hand in Hand mit irreführenden Aussagen über Klimapolitik.

Im Juni führte die Rekordhitzewelle in Europa zu einem sprunghaften Anstieg von Falschinformationen. In den sozialen Medien verbreiteten sich Beiträge, die behaupteten, hohe Temperaturen seien keineswegs ungewöhnlich. Nutzer verwiesen auf frühere Hitzewellen, etwa in den 1970er-Jahren in London, und stellten sie als Beleg dar.

Klimaforscher betonen, dass diese Behauptungen irreführend sind. Sie berichten zudem von mehr Anfeindungen und Belästigungen, weil viele Menschen ihnen im Netz die Schuld an vermeintlich gescheiterter Klimapolitik geben.

Das Thermometer einer Apotheke zeigt eine Temperatur von 38 Grad Celsius (100 Grad Fahrenheit), während in Rom am Mittwoch, dem 24. Juni 2026, neue Hitzerekorde gemessen werden.
Das Thermometer einer Apotheke zeigt eine Temperatur von 38 Grad Celsius (100 Grad Fahrenheit), während in Rom am Mittwoch, dem 24. Juni 2026, neue Hitzerekorde gemessen werden. AP Photo

„Viele Menschen behaupten, Klimaforschende seien am Ende selbst schuld“, sagt Morel. „Sie seien zu alarmistisch, hätten zu wenig erklärt, auf die falschen Lösungen gesetzt und falsche Entscheidungen getroffen. So verlagert sich die Schuld auf die Expertinnen und Experten.“

Falschnarrative rund um die jüngste europäische Hitzewelle stehen nicht allein. Als im Oktober 2024 innerhalb eines Tages so viel Regen auf den Osten Spaniens niederging wie sonst in einem ganzen Jahr, verbreitete sich ebenfalls Desinformation zu einer der tödlichsten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes, bei der mehr als 230 Menschen starben.

Zu den falschen Behauptungen gehörten Vorwürfe, Staudämme seien absichtlich geöffnet oder entfernt worden, um die Überschwemmungen zu verstärken. Andere machten die Biodiversitätsstrategie der EU und Programme zur Renaturierung von Flüssen für die Katastrophe verantwortlich.

Politiker der rechtsnationalen Partei Vox, die die Realität des Klimawandels infrage stellt, gehörten zu den treibenden Kräften hinter diesen Erzählungen.

Ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Institutionen stützt solche Narrative, erklärt Mendez. „Wer Behörden grundsätzlich misstraut, glaubt auch nützlichen Hinweisen nicht mehr. Wenn etwa gewarnt wird, dass der Wasserstand um 16 Uhr hoch sein wird, denken manche: Sie erfinden das nur, um uns etwas aufzuzwingen.“

Grundmuster der Desinformation

Bei Klimadesinformation tauchen bestimmte Erzählmuster immer wieder auf. Eines davon stellt die grüne Transformation als „Strafaktion“ dar, aufgezwungen von einer fernen Elite in Brüssel.

Mit der grünen Transformation ist der weltweite Umstieg von stark verschmutzenden Industrien und fossilen Energien auf nachhaltige, klimafreundliche Wirtschaftsweisen gemeint.

Die Kritik daran flammt regelmäßig auf, sobald neue Umweltgesetze anstehen. Sie tarnt sich dann oft als vermeintlich legitime Debatte über Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratie, sagt Mendez.

„Damit verknüpft sind Vorwürfe gegen angebliche Heuchler, die mit dem Privatjet fliegen und gleichzeitig über dein Auto oder über Windräder predigen“, so Mendez. „Das ist inhaltlich kaum belegt, greift aber andere Kulturkampfthemen auf.“

Ein weiteres Online-Narrativ richtet sich gezielt gegen erneuerbare Energien wie Wind- und Solarstrom. Sie werden als „fremder Eingriff“ dargestellt, der die „Klimasouveränität“ zerstöre. So war es auch während des Stromausfalls auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025, als in Festlandportugal und im spanischen Kernland weite Teile des Netzes zusammenbrachen.

Der Vorfall löste eine Welle der Kritik an erneuerbaren Energien aus. Viele Spekulationen behaupteten, Spaniens Abhängigkeit von Sonne und Wind habe das Netz destabilisiert und den Blackout ausgelöst.

Kritiker stellten diese Deutung rasch infrage. Ein Abschlussbericht von ENTSO-E, dem europäischen Verbund der Übertragungsnetzbetreiber, kam zu dem Schluss, dass mehrere Faktoren zusammenwirkten, darunter Probleme bei der Spannungsregelung und Netzschwingungen. Erneuerbare Energien waren demnach nicht die eigentliche Ursache des Blackouts.

„Wir haben gesehen, wie schnell die Schuld den erneuerbaren Energien zugeschoben wurde, etwa in lokalen Facebook-Gruppen“, berichtet Mendez. „Innerhalb eines Tages landeten solche Botschaften in WhatsApp-Communities, und frei erfundene technische Erklärungen wurden über selbst ernannte Pseudo-Experten verbreitet.“

Experten sehen noch tiefere Ursachen für die Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ist die Sorge um Energiesicherheit stark gewachsen.

„Solche Narrative begegnen uns besonders häufig in Mittel- und Osteuropa, wo Kohle oder Atomkraft Teil der nationalen Identität sind“, sagt Mendez. „Und in ländlichen Regionen, in denen konkrete Projekte vor Ort geplant sind.“

Er ergänzt, dies füge sich in ein größeres Bild wirtschaftlicher Unsicherheit in Europa. Gegner von Klimaschutzmaßnahmen behaupten, das Ziel von Netto-null werde Arbeitsplätze vernichten, Rechnungen in die Höhe treiben und traditionelle Industrien ruinieren.

„Dafür braucht es keine große Ideologie“, sagt Mendez. „Es reicht schon eine hohe Heizkostenrechnung.“

„Lügen sind unterhaltsam“

Trotz neuer Kanäle ist ein großer Teil der Botschaften seit Jahrzehnten erstaunlich ähnlich geblieben.

„Die größte Quelle für Klimadesinformation sind die Werbekampagnen der großen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne“, sagt Philip Newell, Co-Vorsitzender für Kommunikation der Allianz Climate Action Against Disinformation. „Sie investieren enorme Summen, sponsern Sport- und Kulturveranstaltungen und schalten TV-, Radio-, Zeitungs- und Online-Werbung. So erreichen sie auf die eine oder andere Weise fast alle Menschen – nach vielen Maßstäben ist das die wichtigste Quelle.“

Auch die Kommerzialisierung sozialer Medien, die die Aufmerksamkeitsökonomie antreibt, schafft Anreize für Klimadesinformation.

„Man hat erkannt, dass Lügen Spaß machen und Aufmerksamkeit bringen“, sagt Newell. „Verschwörungserzählungen, die ABC-Grundformel der Klimadesinformation, verbreiten sich deshalb immer wieder wie ein virales Meme.“

Diese „Des-Influencer“ seien auf die Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen, um Geld zu verdienen, erläutert er. Sie hätten daher ein Interesse daran, täglich zu posten und sich in jede größere Debatte einzuklinken, egal um welches Thema es geht.

Rolle von KI in der Klimadesinformation

Heute ist Künstliche Intelligenz eine ständige Quelle von Falschinformationen, besonders bei digital erzeugten Bildern. Forschende beobachten, dass durch diese Werkzeuge mehr Menschen als früher Klimamythen verbreiten.

„Früher brauchte man dafür staatliche Akteure mit riesigen Budgets“, sagt Mendez. „Heute können Menschen so etwas mit dem eigenen Smartphone erledigen.“

Günstige Werkzeuge, unterstützt von generativer KI, erlauben Nutzern, scheinbar überzeugende Klima-Inhalte zu produzieren und sie in kurzer Zeit über lokale Facebook-Gruppen, TikTok und andere Plattformen zu verbreiten.

„Die Medienberichterstattung und das gesamte Informationsumfeld rund um die Hitzewelle im Mai und Juni 2026 haben gezeigt, dass ein neues Narrativ entsteht“, sagt Morel.

Es knüpft an bekannte Erzählungen an. Dazu gehört etwa, die Wirksamkeit bestimmter Klimaschutzlösungen zu bestreiten oder Klimaanlagen als Wunderwaffe gegen die Erderwärmung zu bewerben. Zugleich kommt eine neue Erzählung hinzu, die Klimatologen und Umweltaktivisten selbst zu Schuldigen erklärt.

Eine wütende Anwohnerin, die sich über einen geplanten Windpark ärgert, kann heute zum Beispiel mit generativer KI ein täuschend echtes Video produzieren, in dem Windräder angeblich brennen oder einstürzen, und es anschließend in einer lokalen Facebook-Gruppe verbreiten.

So etwas war 2025 zu beobachten, als Klimawandelleugner ein angeblich wissenschaftliches Papier verbreiteten, das den menschengemachten Klimawandel widerlegen sollte. Später stellte sich heraus, dass der Text vom Chatbot Grok des Unternehmens xAI erzeugt worden war. Faktenchecker fanden zahlreiche sachliche Fehler und Fehlinterpretationen der Klimaforschung.

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