Der Waschbär spaltet aktuell Wissenschaft und Naturschutz. Während einige Fachleute eine konsequente Bejagung fordern, plädieren andere für mehr Lebensraumschutz statt Abschüsse.
Es ist eine Debatte, die die Gemüter erhitzt: Wie soll Deutschland mit Waschbären umgehen? Die Tiere wirken auf viele Menschen harmlos und niedlich. Naturschützer und Forschende warnen jedoch, dass sie heimische Arten gefährden könnten.
Entsprechend verhärtet sind die Fronten. Wissenschaftler werfen sich gegenseitig mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt vor. Im Zentrum der Debatte steht eine heikle Frage: Soll der Waschbär konsequent getötet werden – oder nicht?
Ein Blick auf den Streit.
Waschbären in Deutschland
Der Waschbär stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde in den 1920er- und 1930er-Jahren als Pelztier nach Deutschland gebracht. Heute leben hier schätzungsweise mehr als zwei Millionen Tiere. Damit zählt der bis zu einem Meter lange und knapp zehn Kilogramm schwere Waschbär zu den häufigsten wildlebenden Raubsäugern des Landes.
Eine Studie des Verbundprojekts ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) aus dem Jahr 2025 zeigt, dass sich die Verbreitung regional unterschiedlich entwickelt. Besonders große Bestände gibt es in Nordhessen und Nordostbrandenburg, wo sich die Population inzwischen stabilisiert hat.
In anderen Regionen, etwa im Südwesten Deutschlands, breitet sich der Waschbär dagegen weiter aus. Die Schwerpunkte gehen auf historische Aussetzungen zurück: 1934 wurden am Edersee Waschbären zu Jagdzwecken freigelassen, 1945 entkamen 25 Tiere aus einer Pelztierfarm in Brandenburg.
Gefahr für heimische Arten?
Der Frankfurter Biologe Dorian Dörge, der unter anderem auch an der Studie zur Ausbreitung der Tiere beteiligt war, warnt, Waschbären bedrohten heimische Arten wie Vögel, Amphibien, Reptilien und Fledermäuse. Die geschickten Kletterer plünderten Nester, räumten Nistkästen aus und fraßen unter anderem Erdkröten, Feuersalamander und Gelbbauchunken. "Die plündern ganze Kolonien rigoros", so Dörge.
Andere Wissenschaftler sehen das differenzierter. Die Eberswalder Biologin Michler betont, Waschbären seien Nahrungsopportunisten und fräßen vor allem das, was gerade leicht verfügbar sei. Im Jahresdurchschnitt bestehe etwa die Hälfte ihrer Nahrung aus wirbellosen Tieren wie Regenwürmern und Schnecken, rund 30 Prozent aus Pflanzen und nur etwa 20 Prozent aus Wirbeltieren.
Auch der Nabu hält wenig von einer pauschalen Bejagung. Zwar könne der Waschbär lokal Probleme verursachen, etwa für Kiebitze oder Amphibien. Wichtiger als flächendeckende Jagd sei jedoch der Schutz intakter Lebensräume.
Töten oder sterilisieren?
Dörge fordert dagegen eine deutlich stärkere Bejagung. "Wir können nicht länger abwarten", sagt er. Je größer die Population werde, desto größer sei auch die Gefahr für bedrohte Arten. Deshalb müssten Waschbären ganzjährig bejagt werden.
Einen anderen Weg verfolgt ein Pilotprojekt in Kassel. Dort sollen Waschbären gefangen, sterilisiert und anschließend wieder freigelassen werden. Genau dieser letzte Schritt ist derzeit jedoch noch rechtlich umstritten, weil der Waschbär in der EU als invasive Art gilt. Das Projekt wurde deshalb zunächst gestoppt. Bund, Länder und EU prüfen nun, ob das Vorgehen zulässig ist.