Am 21. Juli heulen in ganz Polen die Sirenen. Es handelt sich um die bundesweiten Übungsalarme „ALARM-26“, die das Warnsystem testen sollen.
Bereits am Vortag hatten Menschen in Polen Warnmeldungen des Regierungszentrums für Sicherheit (RCB) auf ihre Handys bekommen, in denen der Ablauf beschrieben wurde. Zwischen 7:00 und 19:00 Uhr ertönen am Dienstag zwei Signalarten: ein modulierter Sirenenton von drei Minuten Dauer, der den Beginn des Alarms ankündigt, sowie ein durchgehender, gleichmäßiger Ton, der das Ende des Alarms meldet.
Die Aktion dient unter anderem dazu, Kommunikationswege und Informationsfluss zu prüfen, die Funktionsfähigkeit der Alarmsirenen zu testen und zu bewerten, wie schnell und wie wirkungsvoll Warnungen vor einem möglichen Luftangriff die Bevölkerung erreichen.
Sirenenalarm: Erste Schritte
Die Übung „ALARM-26“ organisiert das polnische Ministerium für Inneres und Verwaltung gemeinsam mit dem Regierungszentrum für Sicherheit und dem Verteidigungsministerium. Das Szenario geht von einer Bedrohung aus der Luft aus.
Fachleute betonen: Panikreaktionen sind das Schlimmste. Das polnische Ministerium für Inneres und Verwaltung hat auf der Plattform X ein Anleitungsvideo veröffentlicht, das erklärt, wie man sich bei einer solchen Gefahr verhalten soll.
Die Einsatzkräfte empfehlen vor allem, Ruhe zu bewahren, nach Schutz gemäß der sogenannten Zwei-Wände-Regel zu suchen, Abstand zu Fenstern zu halten und die wichtigsten Dinge bereitzulegen, vor allem Ausweisdokumente.
Alarmsirenen: Was bedeutet die Zwei-Wände-Regel?
Gut zu wissen, nicht nur für Menschen in Polen: Was ist konkret zu tun, wenn eine Alarmsirene ertönt? Das Ministerium für Inneres und Verwaltung erklärt im Video: Befinden wir uns in einem Gebäude, sollten wir möglichst in einen Raum in der Mitte des Hauses wechseln, der von der Außenfassade durch zwei massive Wände getrennt ist. Diese sogenannte Zwei-Wände-Regel soll das Risiko verringern, durch Glassplitter oder herabfallende Fassadenteile verletzt zu werden.
Außerdem gilt: Abstand zu Fenstern und anderen Glasflächen halten, Türen schließen, Rollläden oder Jalousien herunterlassen, falls vorhanden, und die Gaszufuhr abdrehen. Das Ministerium rät, Dokumente, Medikamente und weitere wichtige Gegenstände bereitzulegen. In einer Bedrohungslage ist es entscheidend, offizielle Meldungen zu verfolgen und so lange an einem sicheren Ort zu bleiben, bis der Alarm aufgehoben ist.
Fachleute weisen auch auf die Bedeutung des Informationsaustauschs hin. Wer weiß, dass Menschen in der Nähe keinen Zugang zu Medien oder Warnmeldungen haben, sollte sie über die Gefahr informieren und die wichtigsten Verhaltensregeln weitergeben.
Wo findet man Schutz, wenn man sich im Freien aufhält?
Sind wir draußen und ertönt eine Sirene, sollten wir so schnell wie möglich einen sicheren Zufluchtsort suchen. Geeignet sind etwa Kellerräume, Tiefgaragen, Unterführungen, U-Bahn-Stationen, stabile Treppenhäuser oder natürliche Senken im Gelände. Das Ministerium rät, offene Flächen zu meiden, ebenso verglaste Wartehäuschen sowie Bereiche unter Werbetafeln und Masten. Zugleich betonen Fachleute, dass in vielen Situationen die eigene Wohnung der beste Ort ist, um eine Gefahr abzuwarten.
Wie viele Schutzräume gibt es in Polen?
Seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine wächst das Interesse am Zustand der Schutzinfrastruktur in Polen. Derzeit sind im Land 1.903 Schutzräume erfasst, in denen jeweils durchschnittlich rund 300 Menschen Platz finden. Die meisten liegen in der Woiwodschaft Schlesien.
Neben diesen Schutzräumen gibt es sogenannte „Ukrycia“, Schutzbauten mit geringerer Widerstandsfähigkeit. In Polen sind derzeit 8.719 solcher Anlagen registriert. Außerdem existieren 224.113 Plätze für vorläufiges Obdach (MDS) – vor allem Kellerräume, Garagen und Tiefgaragen –, die theoretisch bis zu 49,24 Mio. Menschen Schutz bieten könnten.
Berücksichtigt man jedoch nur dauerhafte Schutzbauwerke, fällt die Bilanz deutlich ernüchternder aus. Nach Angaben der Plattform Safety Project bieten Schutzräume und „Ukrycia“ zusammen rund 1,43 Mio. Plätze – gemessen an der Bevölkerungszahl Polens ist das zu wenig.
Die landesweite Erfassung der Schutzräume begann im Oktober 2022 und lief bis Februar 2023. Erfasst wurden Räume von staatlichen und kommunalen Einrichtungen, von Wohnungsgenossenschaften und -gemeinschaften sowie von Unternehmen der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Polen-Deutschland Vergleich
Im April 2023 hat die Staatliche Feuerwehr zudem die App „Schrony” (Quelle auf Polnisch) für Android- und iOS-Geräte gestartet. Eine interaktive Karte ermöglicht es Nutzerinnen und Nutzern, rasch den nächstgelegenen Zufluchtsort zu finden und seine Kategorie einzusehen.
Im Vergleich: Nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt es in Deutschland aktuell rund 580 öffentliche Schutzräume, die zudem größtenteils nicht einsatzbereit sind. Sie bieten insgesamt nur Platz für etwa 480.000 Menschen – bei einer Bevölkerung von mehr als 80 Millionen also nur für einen sehr kleinen Teil.