Unter dem Druck von Zivilgesellschaft und landesweiten Protesten hat Präsident Selenskyj am Dienstag General Syrskyj abgelöst und Mychajlo Drapatyj zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Vier-Sterne-General Oleksandr Syrskyj als Oberbefehlshaber entlassen und Generalmajor Mychajlo Drapatyj zu dessen Nachfolger ernannt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen seit mehr als vier Jahren an.
Die Entscheidung gab Selenskyj nach tagelangen Massenprotesten im ganzen Land bekannt. Die Proteste hatte die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow ausgelöst, der von einem zunehmend heftigen Konflikt mit General Syrskyj gesprochen hatte.
Präsident Selenskyj sagte, nach zahlreichen Beratungen mit der militärischen Führung in den vergangenen Tagen sei entschieden worden, wie die Struktur des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine neu organisiert werden solle.
Selenskyj würdigte außerdem General Syrskyj für seinen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine.
„Es ist eine Tatsache, dass Oleksandr Syrskyj den Erfolg der Ukraine bei der Verteidigung von Kyjiw, beim Charkiw-Gegenangriff und bei der Operation in Kursk sichergestellt hat“, sagte Selenskyj.
„Die Verteidigung der Ukraine geht weiter, und jeder Soldat verdient Respekt“, so der Staatschef und nahm damit Bezug auf die weitverbreitete Kritik an Syrskyjs Kommando-Stil und seinem geringen Rückhalt im Militär.
„Wir alle verfolgen dasselbe Ziel: den Feind zu besiegen und an der Front Bedingungen zu schaffen, um genügend Druck auf Russland auszuüben, damit es Frieden schließt.“
Neuer Generalstabschef will Reformen
General Drapatyj hatte zuvor Fedorows sechsmonatige Amtszeit im Verteidigungsministerium gelobt. Er habe einen ernsthaften Versuch gesehen, alte Armeeregeln aufzubrechen und Probleme anzugehen, die das System lange ignoriert habe.
Im Einklang mit Fedorows Forderung nach schnelleren Entscheidungen und einem neuen Ansatz plädiert auch Drapatyj für eine grundlegende Reform der Armee.
„Die Armee braucht Veränderungen, aber ohne Gerechtigkeit werden sie für diejenigen keinen Sinn ergeben, die diesen Krieg Tag für Tag auf ihren Schultern tragen“, schrieb der General vergangenen Donnerstag in einem Facebook-Beitrag. Er stellte sich damit einen Tag nach Fedorows Entlassung demonstrativ hinter den Minister.
„Ein Kommandeur hat kein Recht, über Probleme zu schweigen, besonders wenn ihr Preis in verpassten Chancen, Zeit und Menschenleben gemessen wird“, sagte Drapatyj.
„Schweigen schützt die Armee nicht, es sorgt nur dafür, dass sich Fehler anhäufen, bis sie viel schwerer zu korrigieren sind.“
Wer ist der neue ukrainische Oberbefehlshaber?
Generalmajor Mychajlo Drapatyj gilt bei zivilgesellschaftlichen Aktivisten und vielen Soldaten als Wunschkandidat.
Er stand an der Spitze der neu geschaffenen Führung Joint Forces, die den Frontabschnitt in und um die nordöstliche Region Charkiw verantwortet.
Seit er im Herbst vergangenen Jahres das Kommando über das Gebiet übernommen hat, haben ukrainische Einheiten, darunter die Brigade Chartiia, große Flächen rund um Kupjansk zurückerobert, die zuvor von russischen Truppen bedroht waren.
Zuvor hatte Drapatyj die operative-strategische Gruppe Dnipro (OSUV) geführt, ein größeres Ostkommando, das Syrskyj im Oktober 2025 auflöste.
Als sich der erste russische Vorstoß in der Ostukraine 2014 zuspitzte, wurde Drapatyj als Major und Bataillonskommandeur der 72. mechanisierten Brigade in die Kämpfe um Mariupol geschickt. Die Stadt stand damals vorübergehend unter Kontrolle der russischen Armee.
Ein gepanzertes Fahrzeug seines Verbandes erlangte später Berühmtheit, weil es eine von russischen Truppen errichtete Barrikade auf einer der Hauptstraßen Mariupols durchbrach.
Und was wird aus Fedorow?
Die Entscheidung in der vergangenen Woche, Verteidigungsminister Fedorow zu entlassen, hat Selenskyjs jüngste Umbildung im Kriegskabinett in eine selbst verschuldete politische Krise verwandelt.
Die Absetzung des reformorientierten, technikaffinen Ministers, der in der Zivilgesellschaft und im Militär breite Unterstützung genießt, löste sofort eine Welle der Empörung aus. Kritiker warfen Selenskyj vor, sich auf die Seite Syrskyjs und der verfestigten Militärhierarchie zu schlagen, statt auf eine Persönlichkeit zu setzen, die für Transparenz, sauberere Beschaffung und bessere Bedingungen für die Soldaten steht.
Der Militärveteran und Protestorganisator Dmytro Kosjatynskyj legte Selenskyj am Montag einen Forderungskatalog vor.
Darunter waren die Entlassung Syrskyjs als Oberbefehlshaber und die Wiedereinsetzung Fedorows als Verteidigungsminister.
„Wenn bis Freitag, den 24. Juli, Syrskyj nicht entlassen und Fedorows Kandidatur für das Amt des Verteidigungsministers nicht vorgelegt wird, beginnen wir einen allgemeinen, unbefristeten Protest“, warnte er.
Nach der Ankündigung der Entlassung Syrskyjs äußerte sich Selenskyj nicht dazu, ob Fedorow ins Verteidigungsministerium zurückkehren könnte.