Die Proteste nach der Entlassung des reformorientierten Verteidigungsministers Fedorow zwingen Wolodymyr Selenskyj, seine Strategie zu überprüfen. Zivilgesellschaft und Armee in der Ukraine drängen den Präsidenten zum Handeln, sein Büro mahnt zur Geduld.
Aus der spontanen Wut über die Entlassung von Mychajlo Fedorow ist eine breite Empörung über Wolodymyr Selenskyjs Umgang mit dem Militär geworden. Demonstrierende verlangen radikale Veränderungen in der militärischen Führung der Ukraine**.**
Selenskyj versucht nun, einen erbitterten Machtkampf einzudämmen: zwischen dem reformorientierten, technikaffinen früheren Verteidigungsminister, der im Militär und in der Zivilgesellschaft breite Unterstützung genießt, und dem Armeechef im Zentrum der ukrainischen Kriegsführung.
Regierungsumbildung sorgt für Unruhe
Am Sonntag, dem 12. Juli 2026, hat Wolodymyr Selenskyj eine umfassende Kabinettsumbildung angekündigt. Landesweite Wahlen sind wegen des Kriegsrechts während des russischen Angriffskriegs ausgesetzt. Für politische Erneuerung bleibt ihm damit nur ein Neustart der Regierung.
Wochenlang kursierten Gerüchte über einen möglichen Rücktritt des Regierungschefs, doch Quellen berichteten Euronews zunächst, dass die Umbildung Ende August oder im frühen Herbst stattfinden würde. Fünf Tage vor dem ersten Jahrestag der Regierung von Julija Swyrydenko wurde die Ministerpräsidentin dann entlassen.
Die Entlassung Swyrydenkos und die zügige Ernennung von Serhij Korezkyj (auch: Koretskyj) zum neuen Regierungschef der Ukraine lösten kaum öffentliche Debatten aus. Die Empörung konzentrierte sich auf den Verteidigungsminister.
Am Donnerstag stimmten die Abgeordneten einem fast komplett neu zusammengesetzten Kriegskabinett und Korezkyjs Nominierung als Regierungschef zu. Viele halten den Schritt für konsequent, angesichts seiner Erfahrung als Vorstandschef des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz und seiner Krisenmandate bei den Ölkonzernen Ukrnafta und Ukrtatnafta.
Im Parlament kündigte Korezkyj an, sich vor allem auf Verteidigung, wirtschaftliche Stabilität und die EU-Integration zu konzentrieren.
Vor dem Gebäude machten Tausende Demonstrierende deutlich, dass der eigentliche Konflikt um die Kontrolle über die Streitkräfte – und deren Führung – gerade erst beginnt.
Krise im Verteidigungsministerium
Die Veränderungen an der Regierungsspitze folgen einem bekannten Muster: Selenskyj setzt auf technokratische Manager, um die Kriegswirtschaft zu stabilisieren. Im Verteidigungsministerium aber hat die Umbildung einen weit explosiveren Konflikt eröffnet.
Proteste in Kyjiw und anderen Städten gehen weiter, ein Ende ist nicht absehbar. Die Menschen verlangen einen tiefgreifenden Umbau der militärischen Führung und prangern die Entlassung des jungen Verteidigungsministers an.
Mychajlo Fedorow gilt als Gesicht einer neuen Generation technologieaffiner Reformpolitiker. Nach seiner Entlassung gab er am Donnerstag eine aufsehenerregende Pressekonferenz an und warf Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj vor, Reformen im Militär zu blockieren, Konflikte zu schüren und "das Land zu spalten“.
Er sagte vor Journalistinnen und Journalisten, Selenskyj habe sich entschieden, Syrskyj im Amt zu lassen und ihn zu entlassen.
Am Freitag lobte Präsidialberater Dmytro Lytwyn Fedorows Auftritt.
"Das war eine wirklich starke Pressekonferenz, und wenn Regierungsvertreter öfter so offen und klar kommunizieren würden, wäre das für uns alle hier deutlich einfacher“, sagte er im WhatsApp-Chat mit Medienvertretern.
Warum Fedorow gehen musste, erklärte Lytwyn jedoch nicht. Er sprach nur vage von "zahlreichen sensiblen Fragen".
"Wenn alle Änderungen umgesetzt sind, werden wir das ausführlicher erläutern“, so der Berater des Präsidenten weiter.
Präsidialamt schweigt
Seit die ersten Gerüchte über die Umbildung kursieren, laufen die Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Präsidialamt heiß. Dutzende Fragen ukrainischer und internationaler Medien blieben jedoch unbeantwortet, während die personellen Änderungen durchgedrückt wurden.
Selbst die Nachricht von Fedorows Entlassung kam nicht von Präsident Selenskyj, der sie beschlossen hatte, sondern vom betroffenen Minister.
Am Donnerstagabend gab der ukrainische Präsident bekannt, dass der Chef des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU), Jewhenij Chmara, als kommissarischer Verteidigungsminister einspringt.
Im WhatsApp-Chat mit Journalistinnen und Journalisten versuchte Lytwyn am Freitag, Chmaras Ernennung und den chaotischen Ablauf zu erklären.
"Im Moment bestimmen Angriffe mit mittlerer und großer Reichweite das Geschehen“, sagte er. "Und genau darin ist Chmara wirklich außerordentlich gut."
Auf Nachfragen, warum Fedorow sein Amt verloren hat, obwohl er zu den Architekten der erfolgreichen ukrainischen Angriffsstrategie zählt, reagierte Lytwyn nicht.
Wie geht es weiter?
Die kurzfristige Ernennung eines kommissarischen Verteidigungsministers aus den Sicherheitsdiensten verstärkt den Eindruck, dass Wolodymyr Selenskyj sich und sein Umfeld eher vor Kritik abschirmt, statt sich den wachsenden Frustrationen über Strategie, Mobilisierung und die Lage an der Front zu stellen.
Mit dem Versuch, die Kontrolle über den Verteidigungsapparat zu festigen, hat sich der Präsident selbst in eine politische Krise manövriert.
Mit einem derart heftigen Widerstand gegen Fedorows Entlassung dürfte Selenskyj kaum gerechnet haben. Jetzt sind seine Handlungsspielräume deutlich kleiner.
Eine Rückkehr Fedorows ins Amt würde als persönliches Eingeständnis von Fehlern gelten und könnte den Konflikt mit Armeechef Syrskyj weiter verschärfen. Hält Selenskyj dagegen am neuen kommissarischen Minister fest, während die Proteste anwachsen, droht sich das Bild eines Präsidenten zu verfestigen, der in Kriegszeiten die öffentliche Stimmung nicht wahrnimmt.
Die Forderungen der Demonstrierenden gehen inzwischen weit über das Schicksal eines beliebten Ministers hinaus. Sie verlangen einen "kompletten Neustart" an der Spitze des Militärs.
Lehren aus den Protesten des vergangenen Sommers
Für viele erinnern die Szenen vor dem Präsidialamt in dieser Woche an die Proteste des vergangenen Sommers.
Im Juli 2025 versuchte Selenskyj, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung (SAPO) stärker unter Kontrolle zu bringen. Das löste die größten Straßenproteste seit dem Beginn von Russlands Angriffskrieg aus. Aktivistinnen, Korruptionswächter und ganz normale Bürgerinnen und Bürger stellten sich gegen ein Gesetz, das aus ihrer Sicht die Unabhängigkeit der Behörden gefährdet hätte.
Damals sprach die EU eine ungewöhnlich scharfe Warnung aus und nannte die Pläne "einen schweren Rückschritt" für die Beitrittsperspektiven der Ukraine. NABU und SAPO schlugen öffentlich Alarm.
Unter dem wachsenden Druck der Zivilgesellschaft und der europäischen Partner vollzog Selenskyj schließlich eine Kehrtwende. Er legte neue Gesetze vor, die "umfassende Garantien für die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden" wiederherstellen sollten. Das Parlament verabschiedete sie und gab den Institutionen ihre Autonomie zurück.
Mit den Erfahrungen aus dem Maidan und Jahrzehnten politischer Proteste im Rücken weiß die ukrainische Zivilgesellschaft: Anhaltender, gut organisierter Druck – zumal mit internationaler Unterstützung – kann den Präsidenten zwingen, selbst höchst umstrittene Entscheidungen zu überdenken.
Im Moment gibt es für die Demonstrierenden kaum einen Anreiz, ihre Proteste zu beenden, bevor ihre Forderungen zur militärischen und politischen Führung der Ukraine beantwortet sind.