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Weltweit erster 3D-gedruckter Supermarkt entsteht im Schwarzwald

In Neubulach entsteht der weltweit erste Supermarkt im 3D-Betondruck.
In Neubulach entsteht der weltweit erste Supermarkt im 3D-Betondruck. Copyright  INSTATIQ GmbH © Aleksej Keksel
Copyright INSTATIQ GmbH © Aleksej Keksel
Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Ein Supermarkt aus dem 3D-Drucker soll im November in Neubulach eröffnen. Das Bauprojekt zeigt, wie schnell sich große Gebäude inzwischen drucken lassen. Doch kann die Technologie bereits mit klassischen Bauweisen mithalten?

Deutschland zählt zu den Ländern mit der höchsten Supermarktdichte Europas: Bundesweit gibt es im Schnitt gut fünf Supermärkte pro 100.000 Einwohner. Ob ein Lebensmittelladen in der Nähe liegt, beeinflusst direkt, wie attraktiv der Wohnstandort ist.

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Deshalb macht auch die Vielzahl an Drogeriemärkten den klassischen Supermärkten zunehmend Konkurrenz. Dm und Rossmann erzielten laut Daten von NielsenIQ im vergangenen Jahr mit 6,6 Prozent das stärkste Umsatzwachstum aller stationären Lebensmittelhändler. Für Supermärkte und Discounter erhöht das den Anreiz, mit zusätzlichen, schnell realisierbaren Filialen ihre Nähe zum Kunden zu verteidigen.

Wer schnell und in der Fläche neue Filialen bauen will, braucht dafür allerdings auch entsprechend schnelle Bauverfahren. Genau hier setzt ein Pilotprojekt im Nordschwarzwald an, das zeigen soll, wie sich der Supermarkt-Bau in Zukunft beschleunigen lässt.

Seit Juni 2026 wächst in Neubulach ein Netto-Markt, wie es ihn bislang noch nirgendwo auf der Welt gibt. Die Wände werden nicht gemauert, sondern computergesteuert gedruckt. Schicht für Schicht. Nach der Fertigstellung soll dort nach Angaben der Projektbeteiligten das größte bislang realisierte 3D-gedruckte Gebäude der Welt stehen.

Als 3D-Druckbeton wird ein speziell entwickelter Transportbeton von einem Heidelberger Unternehmen eingesetzt.
Als 3D-Druckbeton wird ein speziell entwickelter Transportbeton von einem Heidelberger Unternehmen eingesetzt. INSTATIQ GmbH © Aleksej Keksel

Wandrohbau in vier Wochen

Statt Wände zu mauern, tragen mobile Roboter die Tragstruktur direkt auf der Baustelle auf. Auf einer Grundfläche von rund 1.700 Quadratmetern entstehen so mehr als 1.300 Quadratmeter gedruckte Wandfläche. Einige Wände sollen bis zu sieben Meter hoch werden.

Gedruckt wird mit der mobilen Technologie INSTATIQ P1, ausgeführt vom Unternehmen NELCON. In einzelnen Bauphasen liefen laut Projektpartnern erstmals zwei dieser Drucker gleichzeitig. Insgesamt werden rund 292 Kubikmeter Spezialbeton der Firma Heidelberg Materials verarbeitet, ergänzt durch klassische Bauteile wie Stützen und Ringbalken.

Die Wände sind nahezu vollständig im 3D-Druck entstanden.
Die Wände sind nahezu vollständig im 3D-Druck entstanden. INSTATIQ GmbH © Aleksej Kekse

Nach dem Abriss der alten Filiale begannen die Arbeiten am Neubau in diesem Frühjahr. der reine Wandrohbau im 3D-Druckverfahren war nach rund vier Wochen abgeschlossen, auch das Dach ist bereits drauf. Als Nächstes folgen die Fassade und der Innenausbau, wie INSTATIQ auf Euronews-Anfrage mitteilte. Die Eröffnung des Supermarkts ist nach aktuellem Stand für November geplant.

"Mit dem ersten 3D-gedruckten Supermarkt zeigen wir, dass unsere Technologie im realen Gewerbebau angekommen ist", erklärt Markus Schilling von INSTATIQ in einer aktuellen Pressemitteilung. Der Technische Geschäftführer von NELCON, Chris Brandstätt, verweist auf die praktische Seite: "Für uns ist das Projekt ein wichtiger Schritt, um 3D-Betondruck in größere Bauvorhaben zu überführen. Besonders die Verzahnung mit klassischen Rohbauprozessen stand dabei im Fokus."

Wie INSTATIQ auf Anfrage bestätigte, laufen bereits Gespräche über weitere Bauprojekte im Filial- und Gewerbebau.

Klassische Netto-Filiale in Niedersachsen: Aufnahme aus dem Jahr 2007.
Klassische Netto-Filiale in Niedersachsen: Aufnahme aus dem Jahr 2007. AP Photo

Nachhaltigkeit bei Zementherstellung

Neben seiner Größe soll das Gebäude auch bei der Klimabilanz neue Maßstäbe setzen. Erstmals wird der sogenannte evoZero-Zement von Heidelberg Materials mit mobilem 3D-Betondruck kombiniert. Seine reduzierte CO2-Bilanz beruht auf einer Abscheidungstechnologie im norwegischen Zementwerk Brevik, wo das aufgefangene Kohlendioxid dauerhaft unter dem Meeresboden gespeichert werden soll.

Zement ist das Bindemittel im Beton und damit essenziell in der Industrie. Doch seine Herstellung zählt zu den klimaschädlichsten Prozessen im Bauwesen. Der Grund: Beim Brennen von Kalkstein zu Klinker entsteht chemisch bedingt Kohlenstoffdioxid (CO2), hinzu kommt der hohe Energieverbrauch der Brennöfen. Laut Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI) stieß allein die deutsche Zementindustrie 2022 rund 18,8 Millionen Tonnen CO2 aus, etwa zehn Prozent der industriellen Gesamtemissionen.

Speicherung nicht ohne Risiko

Auch die Speicherung von abgeschiedenem CO2 unter dem Meeresboden ist nicht ganz unumstritten. Sollte es zu einem Leck kommen, könnte austretendes CO2 den pH-Wert des Meerwassers senken und empfindliche Organismen wie Muscheln, Plankton oder Krebstiere beeinträchtigen, die auf Kalkstrukturen angewiesen sind. Trotz dieser Bedenken gilt das norwegische Longship-Projekt in Brevik geologisch als sorgfältig überwacht, wobei Umweltverbände wie Greenpeace die Sicherheit solcher Lagerstätten weiterhin kritisch hinterfragen.

Denn langfristig soll bei 3D-gedruckten Gebäuden die Klimabilanz der einzelnen Materialien durchgängig berücksichtigt werden. Matthias Fischer von Heidelberg Materials etwa beschreibt den Anspruch des Projekts so: "Bei diesem Projekt gestalten wir die Zukunft des Bauens aktiv mit, weil hier zwei zukunftsweisende Ansätze unter realen Bedingungen zusammenkommen und funktionieren: innovative Materialien und neue Bauverfahren".

Vier Wochen statt Monate: In Neubulach entsteht der Rohbau im Rekordtempo.
Vier Wochen statt Monate: In Neubulach entsteht der Rohbau im Rekordtempo. INSTATIQ GmbH © Aleksej Keksel

3D-Druck im Bauwesen: Ein wachsender Milliardenmarkt

Das Projekt in Neubulach steht sinnbildlich für einen Markt, der zwar noch klein ist, aber schnell wächst. Laut den Marktforschungsunternehmen Straits Research und Mordor Intelligence lag das weltweite Marktvolumen für 3D-Druck im Bauwesen 2025 bei rund 2,4 Milliarden US-Dollar. Beide Institute erwarten bis Anfang der 2030er-Jahre ein Wachstum auf einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag, mit jährlichen Wachstumsraten von rund 36 bis 41 Prozent. Als Haupttreiber gelten vor allem die Einsparung von Bauabfall und Material, während die hohen Anschaffungskosten für die Drucker weiterhin die größte Investitionshürde bleiben.

Wo steht der 3D-Betondruck?

Von einem flächendeckenden Einsatz ist die Technologie deshalb auch noch weit entfernt. In Deutschland befinden sich 3D-gedruckte Gebäude nach Einschätzung der Hochschule München derzeit in der "Übergangsphase von Pilotprojekten zur Marktreife". Professor Jörg Jungwirth erklärt: "Der 3D-Druck bietet große Potenziale für das Bauwesen, steht aber vor erheblichen Herausforderungen, die einer flächendeckenden Anwendung im Weg stehen." Als zentrale Hindernisse nennt er die bislang unzureichende CO2-Bilanz vieler Druckmaterialien und fehlende Berechnungsgrundlagen für die Tragfähigkeit gedruckter Bauteile. Deshalb benötigt bislang jedes Projekt eine aufwendige Einzelgenehmigung.

Mit 54 Metern Länge ist das Wavehouse das größte 3D-gedruckte Gebäude Europas,
Mit 54 Metern Länge ist das Wavehouse das größte 3D-gedruckte Gebäude Europas, PERI 3D Construction

Neue Maßstäbe: Das Wavehouse in Heidelberg

Bereits 2023 sorgte das sogenannte Wavehouse in Heidelberg für Aufsehen. Das 54 Meter lange Gebäude mit seiner wellenförmigen Fassade entstand innerhalb von rund 170 Stunden reiner Druckzeit und gilt bis heute als Europas größtes 3D-gedrucktes Bauwerk.

Heidelberg Materials lieferte dafür 333 Tonnen eines speziellen Druckbetons, der nach Unternehmensangaben vollständig recycelbar ist und eine um 55 Prozent geringere CO2-Bilanz aufweist als reiner Portlandzement. Anders als der Supermarkt in Neubulach dient das Wavehouse jedoch nicht dem Einkauf: Seit Januar 2024 nutzt der IT-Dienstleister Heidelberg iT das Gebäude als Rechenzentrum.

Das Wavehouse in Heidelberg: Die wellenförmige Fassade zeigt, welche architektonischen Formen der 3D-Betondruck ermöglicht.
Das Wavehouse in Heidelberg: Die wellenförmige Fassade zeigt, welche architektonischen Formen der 3D-Betondruck ermöglicht. © Heidelberg Materials AG / Christian Buck

Kann der 3D-Druck die Baubranche verändern?

Ob sich solche Einzelprojekte auf den Wohnungs- und Gewerbebau im großen Stil übertragen lassen, wird sich jedoch erst noch zeigen. Entscheidend sind einheitliche Normen, schnellere Genehmigungsverfahren, verlässliche Kosten und die Frage, ob sich das Verfahren dauerhaft wirtschaftlich einsetzen lässt.

Zugleich muss sich der 3D-Betondruck an den wachsenden Anforderungen des Klimawandels messen lassen: Gefragt sind künftig nicht nur schnellere Bauverfahren, sondern auch ressourcenschonende Materialien, eine bessere CO2-Bilanz und Gebäude, die an Hitze und andere klimatische Belastungen angepasst sind. Den Schritt vom technischen Versuch auf die reale Baustelle hat die Technologie geschafft. Nun muss sie beweisen, dass sie auch für den Bau im großen Maßstab funktioniert.

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