Polnische Ermittler haben zwei Verdächtige im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Online-Gemeinschaft "Akademie der Vergewaltigung" festgenommen. Das internationale Netzwerk soll sexuelle Gewalt verherrlicht und zu Straftaten angestiftet haben.
Die Polizei im polnischen Kępno führt umfangreiche Ermittlungen zu Sexualstraftaten, die in einer Internetgemeinschaft als "Akademie der Vergewaltigung" bezeichnet werden.
Nach Medienberichten gab eine Nachricht des Büros für internationale Zusammenarbeit der polnischen Polizeihauptkommandantur am achten Juli den Anstoß. Die Dienststelle hatte Unterlagen von deutschen Strafverfolgungsbehörden erhalten.
Nach der Analyse der Informationen nahmen die Beamten einen 45-jährigen Einwohner des Kreises Kępno fest. Am fünfzehnten Juli folgte eine weitere Festnahme: Die Polizei stellte einen 22-jährigen Mann aus dem Kreis Słupca.
"Ich kann bestätigen, dass in diesem Verfahren Tatvorwürfe erhoben wurden", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Lublin, Marcin Kozak, zu Medien.
"Akademie der Vergewaltigung": internationales Netzwerk aktiv
Der Fall reicht deutlich über das polnische Verfahren hinaus. Die Online-Gemeinschaft mit dem Namen "Akademie der Vergewaltigung" stand bereits im Fokus internationaler journalistischer Recherchen und von Ermittlungen in mehreren Staaten.
Nach bisherigem Ermittlungsstand handelt es sich um ein Netzwerk geschlossener Gruppen in Internet-Messengern. Dort kursierten Inhalte, die sexuelle Gewalt gegen Frauen verherrlichten. Mitglieder tauschten brutale Materialien und Methoden aus, um Frauen zu betäuben. Sie sollen auch Wege diskutiert haben, um einer Strafverfolgung zu entgehen, und sich gegenseitig zu immer radikaleren Taten angestachelt haben.
Im März veröffentlichte der Sender CNN eine Recherche zu dieser internationalen Online-Gemeinschaft. Unter den Beteiligten tauchte auch ein Pole auf, Piotr Z.
Die aktuellen Festnahmen setzen ein Ermittlungsverfahren fort, das nach der Festnahme von Piotr Z. begonnen hat. Die Auswertung der damals sichergestellten Computer, Mobiltelefone und Online-Kommunikation führte die Ermittler zu weiteren Personen, die zu derselben Community gehören könnten.
"Sobald uns das Material von CNN vorlag, haben die Polizeibeamten umgehend die Geschädigte ausfindig machen können. Sie wurde anschließend vom Gericht vernommen. Auf diese Weise ließ sich der Täter sehr schnell identifizieren. Jede Anzeige dieser Art behandeln wir mit größtem Ernst", betonte gegenüber Medien der Sprecher der Bezirksstaatsanwaltschaft in Lublin, Marcin Kozak.
Vorwürfe gegen Verdächtige und Entscheidungen des Gerichts
Die Staatsanwaltschaft hebt von Beginn an hervor, dass es nicht um ein einzelnes Ereignis geht, sondern um Aktivitäten einer größeren Gruppe von Personen, die im Internet agieren. Die Analyse digitaler Spuren, Kommunikationsverläufe und gesicherter Daten führte zu weiteren Teilnehmern der Diskussionsgruppen, die sich dort aktiv beteiligt haben könnten.
Nach der Vorführung der Festgenommenen bei der Staatsanwaltschaft erhielten sie Vorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Beteiligung an der Online-Gemeinschaft. Nach Ansicht der Ermittler verbreitete diese nicht nur Inhalte, die sexuelle Gewalt verherrlichen, sondern rief auch zur Begehung von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auf. In einigen Fällen richten sich die Vorwürfe zudem auf den Besitz und die Verbreitung strafbarer Materialien.
Gegen die beiden Verdächtigen ordnete das Gericht Untersuchungshaft an. Nach Angaben der Ermittler soll diese freiheitsentziehende Maßnahme verhindern, dass Beweise manipuliert werden, und einen geordneten Verlauf des Verfahrens sichern.
Ermittler prüfen Ausmaß der Gruppenaktivitäten
In der aktuellen Phase des Verfahrens konzentrieren sich die Ermittler darauf, welche Rolle die einzelnen Verdächtigen gespielt haben. Sie prüfen nicht nur deren Teilnahme an den geschlossenen Online-Gruppen, sondern auch, welche Inhalte sie veröffentlichten, welche Kontakte sie zu anderen Nutzern hatten und ob Verbindungen zu ausländischen Mitgliedern desselben Netzwerks bestehen.
Als zentrale Beweismittel gelten weiterhin die gesicherten Mobiltelefone, Computer und Datenträger. IT-Forensiker analysieren Tausende Nachrichten, Dateien und Protokolle der Online-Kommunikation. Es gilt als möglich, dass diese Auswertung zu weiteren Verdächtigen führt.
Die Staatsanwaltschaft legt nicht alle Details des Verfahrens offen und betont, dass der Erfolg der Ermittlungen es erfordert, bestimmte Informationen geheim zu halten. Wegen des internationalen Charakters des Falls arbeiten die polnischen Behörden auch mit ausländischen Diensten zusammen.
Ausmaß sexueller Gewalt in der EU
Nach der Studie EU Gender-Based Violence Survey, die rund 114.000 Frauen in 27 EU-Staaten erfasst und derzeit die umfassendste Datenquelle für Europa ist:
31% der Frauen in der EU haben in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt
17% der Frauen in der EU haben im Erwachsenenalter körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.
8,3% der Frauen in der EU wurden vergewaltigt, indem Situationen ausgenutzt wurden, in denen sie nicht nein sagen oder keine Zustimmung ausdrücken konnten.
Jede vierte Frau in der EU zeigt eine Vergewaltigung nicht bei der Polizei an.