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Viel Protein, hohe Kosten: Brauchen wir wirklich immer und überall Eiweiß?

Lebensmittelhersteller bewerben immer mehr Produkte mit "High Protein".
Lebensmittelhersteller bewerben immer mehr Produkte mit "High Protein". Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Proteinpudding, Eiweiß-Riegel, Fitness-Leberwurst: Kaum ein Supermarktregal kommt noch ohne "High Protein" aus. Der Markt wächst rasant, doch was steckt wirklich hinter dem Eiweiß-Hype, und wem nützt die Extraportion Protein tatsächlich?

Im vergangenen Jahr erschien der Ernährungsreport des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat zum zehnten Mal. Er zeigt, wie sich die Essgewohnheiten in Deutschland über eine Dekade entwickelt haben und worauf es Konsumenten bei der Wahl ihrer Lebensmittel ankommt.

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Geschmack bleibt dabei das wichtigste Kriterium - für viele Menschen ist Essen schließlich Genuss und damit Lebensqualität. Direkt danach folgt der Anspruch, dass die Nahrungmittel gesund sind. Kein Wunder: Erst letztes Jahr kam eine Ipsos-Studie zu dem Ergebnis, dass für drei Viertel der Deutschen (74%) eine gute Ernährung der wichtigste Faktor ist, um gesund zu bleiben.

Genau an dieser Schnittstelle zwischen Geschmack und Gesundheitsanspruch setzt ein Nährstoff an, der sich verhält wie ein Popstar auf Promotour: Er taucht einfach überall auf. Die Rede ist von Protein, das von der Lebensmittelindustrie zunehmend zum Alleskönner stilisiert wird.

Wer heute durch den Supermarkt geht, findet nicht mehr nur einzelne Regale mit Fitnessriegeln und Eiweißpulver. Mittlerweile wird in nahezu jeder Produktkategorie mit einem besonders hohen Eiweißgehalt geworben.

Gesunde Ernährung als Teil des Selbstoptimierungs-Trends.
Gesunde Ernährung als Teil des Selbstoptimierungs-Trends. Photo by logan jeffrey on Unsplash

Was das Marketing dabei oft suggeriert: Ein hoher Proteingehalt mache ein Lebensmittel automatisch gesünder, und am besten sollte Eiweiß bei jeder Mahlzeit eine tragende Rolle spielen. Skyr statt Naturjoghurt, Nudeln aus Kichererbsen statt Hartweizengrieß oder Vollkorn, und inzwischen sogar Wurst mit dem Aufdruck "High Protein".

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellte bereits 2021 in einer Pressemitteilung fest: Eine Extraportion Protein habe keinen gesundheitlichen Nutzen. "Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind High-Protein-Produkte überflüssig. Wer die Vielfalt herkömmlicher Lebensmittel nutzt, bekommt genug Protein und spart sich das Geld für die meist teureren Produkte", erklärte Antje Gahl, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, damals.

Auch heute bleibt sie skeptisch, wenn es um die Gesundheitsversprechen der Hersteller geht: "In gewisser Hinsicht entsteht ja schon fast ein gesellschaftlicher Druck, wenn immer alle sagen, man muss mehr Protein essen", erklärt sie im Euronews-Interview.

Eiweiß-Markt explodiert

Laut neusten YouGov-Daten wuchs die Nachfrage nach High-Protein-Produkten bis Mai 2026 um 39,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, fast jeder zweite deutsche Konsument kauft mittlerweile gezielt Produkte, die als besonders proteinreich ausgewiesen sind.

Besonders stark ist der Trend bei jüngeren Generationen: Drei Viertel der Generation Z - also Menschen, die zwischen 1995 und 20010 geboren sind - und rund drei von fünf Millennials - geboren zwischen 1981 und 1996 - greifen zu proteinreichen Produkten, bei den Babyboomern sind es 28 Prozent.

Wie profitabel der Trend inzwischen ist, zeigt die Unternehmensgruppe The Quality Group aus Elmshorn. Der Nahrungsergänzungsmittel-Gigant, zu dem unter anderem die Marken ESN und More Nutrition gehören, erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von 850 Millionen Euro, ein Plus von mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Unternehmen führt das Wachstum auf eine steigende Nachfrage nach Produkten in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Performance zurück.

"Der Protein-Hype ist wissenschaftlich überbewertet"

Antje Gahls Einschätzung ist eindeutig: "Der Protein-Hype ist aus unserer Sicht völlig überbewertet, weil rein wissenschaftlich ist es nicht bewiesen, dass uns viel mehr Protein in irgendeiner Weise besondere Vorteile bringt. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht auch keine Extraportion Protein".

Die Deutschen liegen mit durchschnittlich 53 bis 60 Gramm Protein täglich bei Frauen und 75 bis 84 Gramm bei Männern bereits deutlich über der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Proteinpulver entwickelt sich vom Nischenprodukt für Leistungs- und Hobbysportler zu einem Massenprodukt.
Proteinpulver entwickelt sich vom Nischenprodukt für Leistungs- und Hobbysportler zu einem Massenprodukt. Foto von Kelly Sikkema on Unsplash

Wann wird Eiweiß zum Risiko?

Eine klare Obergrenze gibt es laut der Ernährungswissenschaftlerin nicht. Gesunde Menschen müssen bei einer höheren Proteinzufuhr in der Regel keine Nachteile fürchten, als Richtwert gilt eine Menge von zwei Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht, die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit als unbedenklich eingestuft wird.

Auch Prof. Dr. Dorothee Volkert vom Institut für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erklärt im Interview mit Euronews: "Eiweiß ist relativ unproblematisch für gesunde Menschen. Denn alles, was zu viel aufgenommen wird, wird in Form von Harnstoff über die Niere wieder ausgeschieden".

Wird dieser Wert von zwei Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht allerdings dauerhaft überschritten, lässt sich ein möglicher Einfluss auf die Nierenfunktion nicht gänzlich ausschließen. Im fortgeschrittenen Alter kann eine dauerhaft überhöhte Proteinzufuhr laut Volkert eher zu Problemen führen, weil dort häufig die Nierenfunktion eingeschränkt ist.

Für wen ist eiweißreiche Ernährung sinnvoll?

Dabei wird für ältere Menschen eine höhere Proteinzufuhr empfohlen als für jüngere Erwachsene, da der Körper im Alter mehr Eiweiß braucht, um dem natürlichen Muskelabbau entgegenzuwirken.

Das geht auf den Muskelstoffwechsel zurück, der im Alter träger wird und einen intensiveren Reiz benötigt, um Muskeleiweiß aufzubauen, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Volkert.

Übertriebene Erwartungen an den Effekt von High-Protein-Produkten ohne körperliche Aktivität dämpft sie trotzdem.

Eine höhere Proteinzufuhr kann beim altersbedingten Muskelabbau hilfreich sein.
Eine höhere Proteinzufuhr kann beim altersbedingten Muskelabbau hilfreich sein. Copyright 2008 AP. All rights reserved.

Wie Vebraucher in die Irre geführt werden

Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungbeobachtet, dass Anbieter den beworbenen Proteingehalt oft auf die gesamte Packung statt auf eine realistische Portion beziehen: "Ich esse ja nicht immer, wenn ich zum Beispiel 500 Gramm Quark oder Skyr kaufe, die gesamte Packung auf, sondern vielleicht nur die halbe".

Protein hat zwar ein durchweg positives Image, doch ein Marktcheck der Verbraucherzentrale zeigt: Proteinprodukte sind nicht automatisch gesünder. Von 59 untersuchten Produkten enthielten elf zu viel Salz und neun zu viel Fett, gemessen an gängigen Nährwertkriterien. Zudem wies rund ein Viertel der Produkte keinen oder nur einen minimal höheren Proteingehalt auf als vergleichbare Produkte ohne Proteinwerbung.

Trotzdem waren 86 Prozent der beworbenen Produkte teurer, jedes fünfte sogar mehr als doppelt so teuer wie das Vergleichsprodukt ohne "Protein"-Aufdruck. Die Hersteller wissen genau: Selbst bei naturgemäß eiweißreichen Lebensmitteln wie Käse oder Hülsenfrüchten verschafft der "Protein"-Aufdruck allein ein vermeintlich gesünderes Image, ohne den tatsächlichen Nährwert zu verändern.

Joghurt und Quark sind auch ohne Protein-Label von Natur aus eiweißreich.
Joghurt und Quark sind auch ohne Protein-Label von Natur aus eiweißreich. Copyright 2007 AP. All rights reserved.

Protein-Label-Dschungel: Die Regeln

Rechtlich ist genau geregelt, wann Hersteller mit einem hohen Proteingehalt werben dürfen. Wie die Verbraucherzentrale Sachsen erläutert, muss ein Lebensmittel mindestens 12 Prozent seines Energiegehalts aus Eiweiß beziehen, um sich "Proteinquelle" nennen zu dürfen, während für das stärkere Label "High Protein" oder "reich an Protein" mindestens 20 Prozent der Kalorien aus Eiweiß stammen müssen.

Diese Grenzwerte sind in der europäischen Health-Claims-Verordnung festgelegt und schützen zumindest formal vor völlig frei erfundenen Werbeversprechen.

Pflanzlich, tierisch oder aus dem Bioreaktor?

Bei der Proteinqualität differenziert Dorothee Volkert: Tierisches Eiweiß sei aufgrund der besseren Verwertbarkeit durch den Körper hochwertiger für den Menschen, manche pflanzlichen Proteinquellen ergänzten sich aber gegenseitig gut. Von einer veganen Ernährung im Alter rät sie vorsichtshalber ab. Antje Gahl vom DGE emphielt Mahlzeit-Kombinationen wie Linsen mit Reis, Kartoffeln mit Ei oder Kichererbsen im Fladenbrot, um pflanzliches Protein aufzuwerten.

Auf europäischer Ebene geht der Trend längst über klassische Proteinprodukte hinaus: Der Markt für proteinreiche, pflanzliche Fleisch- und Milchalternativen ist europaweit deutlich gewachsen. Deutschland zählt hier zu den größten Märkten – vor Großbritannien, Italien und Spanien.

Was bedeutet das für Verbraucher?

Die Botschaft beider Expertinnen ist ähnlich: Wer sich vielfältig und ausgewogen ernährt, braucht keine teuren Spezialprodukte. Nur bei spezifischen Risikogruppen, etwa älteren Menschen mit wenig Appetit oder Leistungssportlern, sehen Gahl und Volkert einen Zusatznutzen. Für alle anderen gilt: Nicht jedes Produkt mit Eiweiß-Aufdruck verdient einen Platz im Einkaufswagen. Ein Blick in die Zutatenliste ist jedenfalls immer eine gute Idee. Denn manchmal ist die Extraportion Protein vor allem eine Extraportion Marketing.

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