Rekordhitze im Sommer hat 38 Prozent der Landflächen Europas ausgedörrt. Übernutzung und Verschmutzung verschärfen den Wassermangel. Die EU bewertet Wasserknappheit als Notfall.
Wasser wird knapp, sobald wir zwanzig Prozent der erneuerbaren Süßwasserressourcen nutzen. Ab vierzig Prozent gilt es als stark übernutzt; so definiert es der Water Exploitation Index Plus (WEI+) der Europäischen Umweltagentur (EEA). Der Europäischen Kommission zufolge sind heute jedes Jahr rund dreißig Prozent der Europäerinnen und Europäer sowie zwanzig Prozent der Landfläche von Wasserknappheit betroffen.
Die aktuellen Temperaturen verschärfen Europas Wasserkrise. Hitze trocknet Böden aus und lässt das Wasserlevel in Flüssen sinken. Hinter dieser Hitze steht ein Wassersystem, das bereits an seine Grenzen gestoßen ist. Jahrzehnte von Verschmutzung, Übernutzung und schlechtem Ressourcenmanagement haben Gewässer geschädigt. Die EU verfügt nur noch über geringe Reserven, um die heutige Wasserkrise abzufedern.
Die EU hat im Juni 2025 die Water Resilience Strategy gestartet. Ziel ist, die Staatengemeinschaft widerstandsfähig gegen Wasserkrisen zu machen. Die Strategie schützt den Wasserkreislauf, fördert eine wassersparende Wirtschaft und soll den Zugang zu sauberem, bezahlbarem Wasser sichern.
„Wasser ist längst nicht mehr nur eine ökologische Investition. Es ist eine Investition in das Wohlergehen der Menschen, in Europas Ernährungssicherheit, in die öffentliche Gesundheit, in die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Widerstandskraft“, sagte Thomas Bajada, Abgeordneter der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten (S&D) und Berichterstatter der Water Resilience Strategy im Europäischen Parlament. „Wenn Europa heute zu wenig in Wasser investiert, spüren die Folgen nicht zuerst die Institutionen, sondern ganz normale Bürgerinnen und Bürger.“
Warum Europas Wasserressourcen schwinden
Wasserstress hat mehrere Ursachen. Europa ist in Landwirtschaft, Industrie und Energieerzeugung stark auf Wasser angewiesen. Das führt zu einer Übernutzung der Ressourcen. Nach Angaben der EEA sind die Wasserentnahmen zwischen 2000 und 2023 zwar um vierzehn Prozent gesunken. Die EU fördert aber weiterhin rund 200.000 Kubikmeter pro Jahr und überschreitet häufig die natürliche Neubildungsrate. Dadurch gehen Flusswasser und Grundwasser zurück, das gesamte System verfügt über weniger Reserven. Neue wasserintensive Branchen wie Halbleiterproduktion und Rechenzentren verbrauchen die Bestände zusätzlich. Aufbereitung und Wiederverwendung von Abwasser könnten die Entnahmen senken. Europa recycelt jedoch lediglich 2,4 Prozent davon.
Europa verliert etwa dreiundzwanzig Prozent des aufbereiteten Wassers durch schlecht gemanagte öffentliche Versorgungsnetze. Das schmälert das Angebot. „In der gesamten Union gehen uns weiterhin enorme Mengen aufbereiteten Trinkwassers durch alternde Leitungen verloren, bevor es überhaupt an den Wasserhähnen der Menschen ankommt“, warnte Bajada.
Der EurEau-Bericht 2026 weist einen leichten Rückgang der Wasserverluste in Europa auf rund 23,5 Prozent aus, gegenüber 24 Prozent in der Erhebung von 2021. Dennoch investieren die Mitgliedstaaten weiterhin zu wenig in die Instandhaltung der Netze. Deutschland liegt mit jährlich neun Milliarden Euro vorn, Frankreich mit 6,5 Milliarden Euro, Slowenien dagegen mit nur rund 100 Millionen Euro. Laut dem Europäischen Parlamentarischen Forschungsdienst (EPRS) wird der Wasserbedarf durch zunehmende Urbanisierung und Migration weiter steigen, vor allem in Nord- und Westeuropa. Das erhöht den Druck, die Infrastruktur zu modernisieren und auszubauen.
Der Klimawandel verstärkt diese Entwicklung. In Europa steigen die Temperaturen pro Jahrzehnt um 0,56 Grad Celsius und damit deutlich stärker als im globalen Durchschnitt von 0,27 Grad, wie das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus der EU meldet. Dürren nehmen zu. Im Jahr 2024 waren 601.193 Quadratkilometer Land betroffen, 33.518 Quadratkilometer Wald und 87.567 Quadratkilometer Ackerfläche wurden geschädigt. Nach Angaben der EEA werden Dürren bis 2050 weiter zunehmen und die Verdunstung von Wasser verstärken.
Parallel zum Rückgang der Reserven verschärft sich die Verschmutzung. Dadurch steht weniger sauberes, nutzbares Wasser zur Verfügung. „Die Qualität des Grundwassers kann durch den Klimawandel beeinflusst werden, weil Verschmutzung und übermäßige Entnahme miteinander zusammenhängen. Wird ein Grundwasserleiter zu stark ausgebeutet, können sich Nährstoffe und Chemikalien stärker anreichern, da die Schadstoffe weniger verdünnt werden“, erklärte die EEA gegenüber Euronews.
Water Resilience Strategy: EU stärkt Wassersicherheit
„Die Water Resilience Strategy verändert vor allem eines: unsere Sicht auf Wasser“, sagte Bajada. Das Konzept soll Europas langfristige Wasserversorgung mit mehr als 50 Maßnahmen sichern. Ein sogenannter Actions Tracker überwacht die Umsetzung. Demnach sind inzwischen drei Maßnahmen abgeschlossen.
Die Strategie nimmt übermäßige Wasserentnahmen und die Degradation der Böden ins Visier. Sie schützt Menge und Qualität des Wasserkreislaufs. Eine sogenannte „Schwammfunktion“ soll die Fähigkeit von Ökosystemen stärken, Wasser zu speichern, zu reinigen und wieder abzugeben und damit die biologische Vielfalt unterstützen. Gemeinsame Indikatoren für Wasserknappheit und ein Frühwarnsystem beobachten die Wasserverfügbarkeit und das Dürrerisiko und verbessern die Vorbereitung auf Krisen.
Damit die Wasserqualität steigt, setzt die Strategie auf weniger Verschmutzung und auf bessere Entfernung von Schadstoffen aus Trinkwasser. Das soll die öffentliche Gesundheit schützen. Eine konsequentere Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie soll zudem den ökologischen Zustand von Flüssen und Seen verbessern.
Das Prinzip „water efficiency first“ zielt auf eine wassersparende Wirtschaft. Diese soll Verschwendung so weit wie möglich vermeiden, bevor neue Quellen wie Meerwasserentsalzung erschlossen werden. Bis 2030 strebt die EU eine Steigerung der Wassereffizienz um zehn Prozent an, unter anderem durch Wasserwiederverwendung in Landwirtschaft, Industrie und öffentlicher Versorgung. Geplante Maßnahmen sollen den Wasserbedarf sauberer Industrie- und Digitalsektoren durch intelligente Planung begrenzen, Leckagen und Verluste in den öffentlichen Netzen senken und Kontrollen verschärfen.
Der digitale Aktionsplan für Wasser modernisiert das Management mit datenbasierten Instrumenten. Dazu zählen intelligente Zähler, KI-gestützte Prognosen, satellitengestützte Messungen der Bodenfeuchte, digitale Bewässerung und Leckage-Erkennungssysteme.
Die Marke von zehn Prozent sei vor allem ein starkes politisches Signal und kein Endziel, betonte Bajada. Der Klimawandel treffe die Regionen Europas sehr unterschiedlich. Ein einheitlicher Wert könne daher nicht allen gerecht werden, erklärte er. Er plädiert für Effizienzziele nach Sektor und nach Flussgebiet, die unterschiedliche Wasserbedarfe und Risiken in Landwirtschaft, Industrie, öffentlicher Versorgung und Energie berücksichtigen.
Die letzte Säule der Strategie setzt auf wassersparende Produkte, unter anderem über die Ökodesign-Verordnung. Sie befürwortet Wasserpreise, die sich am Verbrauch und an der Zahlungsfähigkeit orientieren. Das soll einen fairen Zugang sichern und zu bewussterem Sparverhalten anregen. Die Mitgliedstaaten müssen ihre Bürgerinnen und Bürger über die nationale Wassersituation und deren Management informieren, damit sie sich an den Wasserplänen beteiligen können.
Für Bajada ist die Investition der Europäischen Investitionsbank von 15 Milliarden Euro in die Strategie „ein sehr wichtiger Schritt“, aber „noch nicht ausreichend, um das Ausmaß der Wasserherausforderungen Europas zu bewältigen“. Wasserresilienz bedeute, so erklärte er, dass Haushalte auch bei längeren Dürren weiter fließendes Wasser haben und Landwirte weiterhin Lebensmittel produzieren können. Deshalb drängt Bajada auf ein eigenes Budget für Wasserresilienz und darauf, Wasser in der nächsten mehrjährigen Finanzplanung als Priorität zu verankern.
Welche Länder besonders leiden
Südeuropa bleibt die trockenste Region des Kontinents. Das heiße, trockene Klima treibt den Wasserbedarf insbesondere in der Landwirtschaft in die Höhe. Die Region nutzt den Großteil ihrer Süßwasserreserven und in den heißesten Monaten praktisch alles verfügbare Wasser.
Im Jahr 2023 waren laut EEA-Bericht 2025 rund achtundzwanzig Prozent der Landfläche und zweiunddreißig Prozent der Europäerinnen und Europäer von Wasserknappheit betroffen. In Südeuropa lebt etwa dreißig Prozent der Bevölkerung unter dauerhaftem Wasserstress. Im Sommer steigt dieser Anteil auf siebzig Prozent, wenn der Bedarf durch Tourismus, Landwirtschaft und öffentliche Nutzung stark zunimmt. Als Reaktion fördert die Region große Mengen fossilen Grundwassers, das sich nicht erneuert, und setzt ihre Reserven zusätzlich unter Druck.
Am stärksten betroffen sind Zypern und Malta. Laut aktuellen Daten nutzte Zypern 2023 rund 92,1 Prozent seiner Süßwasserressourcen, Malta 66,7 Prozent. Beide Länder liegen damit deutlich über der WEI+-Schwelle von 40 Prozent. Zwischen 2020 und 2024 stieg die Dürrebelastung in Zypern auf 12,9 Prozent des Staatsgebiets und in Malta auf 57,1 Prozent, nach 6,5 Prozent im Jahr 2020, berichtet die EEA.
Um mit der Knappheit umzugehen, bereitet Zypern fast 100 Prozent seines Abwassers wieder auf. Malta kommt nur auf fünf bis zehn Prozent. Beide Inseln haben ihre Meerwasserentsalzungsanlagen ausgebaut; sie liefern inzwischen fast das gesamte Trinkwasser.
Nord- und Mitteleuropa stehen unter einem anderen Wasserdruck, bleiben aber unterhalb der WEI+-Schwelle für Wasserstress. 2023 lag der WEI+ bei 0,3 Prozent in Schweden, bei 4,4 Prozent in Deutschland und bei acht Prozent in Polen. Haupttreiber ist hier die Nachfrage aus Industrie und Energiesektor. Nach Angaben der EEA ließen sich die Wasserentnahmen um bis zu 95 Prozent senken, wenn vermehrt wassereffiziente Kühlsysteme und Brennstoffe eingesetzt, technologische Innovationen genutzt und Abwärme aus Kraftwerken verwendet würde.
Was Wasserknappheit für Verbraucher bedeutet
Die Stromerzeugung steht für rund dreiunddreißig Prozent der gesamten Wasserentnahmen. „Geringe Abflüsse in Flüssen können die wasserabhängige Stromproduktion in Wärme- und Atomkraftwerken oder Wasserkraftanlagen beeinträchtigen und den Wasserstand in frei fließenden Flüssen senken. Das wirkt sich auf die Binnenschifffahrt aus“, erläuterte die EEA. Kraftwerke müssen ihre Leistung drosseln oder ganz abschalten, was die Energieversorgung von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen gefährdet – derzeit etwa in Ungarn und Rumänien. In Schweden musste das Kernkraftwerk Ringhals im Juli 2018 seinen Betrieb aussetzen, weil die Meerwassertemperaturen 25 Grad Celsius erreichten.
Die Landwirtschaft verbraucht rund einunddreißig Prozent des europäischen Wassers. Engpässe führen zu kleineren Ernten, gefährden die Gesundheit und Einkommen der Landwirte und stören die Lebensmittelversorgung. Laut EPRS lagen die Ernteverluste im vergangenen Jahrzehnt um mehr als dreißig Prozent über den vorhergesagten Trends. Das kann langfristig zu steigenden Lebensmittelpreisen beitragen.
Einundzwanzig Prozent der gesamten Wasserentnahmen entfallen auf die öffentliche Versorgung. Hier spüren Bürgerinnen und Bürger die Folgen von Knappheit besonders, wenn Regierungen den Verbrauch für Waschen, Hygiene, Kochen oder Gartenbewässerung einschränken. Mittelmeerregionen trifft dies stärker. Laut EEA verbrauchen Touristinnen und Touristen dort pro Person und Tag rund 300 bis 2.000 Liter Wasser, Bewohner dagegen durchschnittlich 125 Liter.
Große Städte verfügen meist über Pläne zur Dürrevorsorge und priorisieren die Trinkwasserversorgung. Kleinere Gemeinden und Haushalte, die auf private Brunnen angewiesen sind, sind dagegen oft deutlich anfälliger für Wasserknappheit. „In manchen Ländern ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung auf private Wasserquellen angewiesen, die weniger reguliert und anfälliger für Wasserengpässe sind“, sagte die EEA gegenüber Euronews.
Die industrielle Produktion steht für rund vierzehn Prozent des gesamten Wasserverbrauchs in der EU. Engpässe treffen besonders wasserintensive Branchen wie Stahl, Papier oder Lebensmittelindustrie und können Produktionsstopps auslösen. Das schmälert die Umsätze der Unternehmen, erschwert die Rückzahlung von Krediten und kann das Bankensystem destabilisieren. Die Europäische Zentralbank stellte fest, dass vierunddreißig Prozent der Unternehmenskredite im Euroraum wasserintensive Sektoren finanzieren.