Von kriminell organisierten Gruppen geht ein konstant hohes Bedrohungspotenzial aus, wie ein Bundeslagebild ermittelt hat. In einigen Bundesländern gibt es dagegen unter anderem die "Taskforce Clan", etwa in Sachsen. Denn hier ist zuletzt besonders eine Gruppe auffällig geworden.
Vier syrische Familien haben den Mittelpunkt der Arbeit der "Taskforce Clan" in Sachsen gebildet, wie der Leiter dieser Einheit erzählt. Während die Fälle von sogenannter Clan-Kriminalität derzeit auf konstant hohem Niveau bleiben, hat die Bedrohung inbesondere im Raum Leipzig nach Angaben des Kriminalhauptkommissars zugenommen.
Das Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen warnt vor zunehmenden Aktivitäten von kriminellen Familienclans meist syrischer Herkunft. Demnach gehören derzeit etwa 700 bis 1.000 Menschen in Sachsen dem syrischen Clan-Milieu an, so ein Sprecher des LKAs zum Nachrichtenmagazin Focus.
Ein Schwerpunkt dieser Gruppe sei demnach in Leipzig. Insgesamt seien dem Bericht zufolge 130 Personen wegen Straftaten bei der Polizei aktenkundig. Der Begriff Straftaten umfasst ein großes Spektrum: "Darunter Rohheitsdelikte, Betäubungsmittelhandel, Geldwäsche, Steuerdelikte, Schleusungskriminalität, Urkunden- und Verkehrsdelikte, illegale Finanztransaktionen sowie verschiedene Betrugsformen", so der Raiko Märtins vom LKA zu Focus. Märtins ist Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität im LKA und der dort angesiedelten "Task Force Clan".
So seien dem Bericht zufolge bereits Schusswaffen sicher gestellt worden, in anderen Fällen handelte es sich unter anderem auch um Betrug im Sozialsystem, etwa bei der Grundsicherung.
Wie die BILD berichtet, ermitteln Behörden zudem wegen mutmaßlicher Schleuser-Tätigkeiten. Bei einer Razzia im April 2026 wurden 50 Wohnungen und Geschäfte in Leipzig und Umgebung durchsucht. Rund 50 Syrer sollen ihre Ausweise nach Syrien geschickt haben, damit ähnlich aussehende Personen damit unter falscher Identität nach Deutschland einreisen konnten.
Schwer durchdringbare Netzwerke
Märtins erklärte dem Focus, die Clans würden ihr gesamtes Leben mit illegalen Geschäften finanzieren. Ihm zufolge würden sie die deutsche Justiz nicht akzeptieren, auf eigenen Friedensrichter setzen und alles intern regeln. "Im Grunde genommen verachten sie unseren Staat, unser gesamtes System. Die Abschottung innerhalb der Familienverbünde ist enorm."
Demnach bauen die Mitglieder dieser Clans Gewerbe auf, die im Hintergrund kriminelle Handlungen ausführen könnten, "teilweise auch im Strohmannsystem". Im Raum Leipzig soll es sich vor allem um vier syrische Großfamilien handeln, mit teilweise mehr als 60 Mitgliedern. Familienangehörige sind hier jeweils miteinander verbunden oder voneinander abhängig und unterstützten sich beispielsweise mit unzureichenden Zeugenaussagen oder der Anmeldung von Fahrzeugen und Konten.
Ein Mann sei Märtins zufolge mit mindestens drei Frauen verheiratet. "Mit diesen Frauen hat er mindestens 32 Kinder, die teilweise bereits selbst erwachsen sind. Außerdem sind uns mindestens 25 Enkelkinder in Sachsen bekannt", so Märtins zu Focus. Den Namen der Familie nennt er dem Nachrichtenmagazin zufolge nicht, denn einige führten ein rechtstreues und friedliches Leben wie die übergroße Mehrheit der nach Deutschland gekommenen Syrer, nicht alle Mitglieder seien kriminell.
Rivalität zwischen alten und neuen Clans
Mit dem Auftreten neuer krimineller Strukturen entstehen nach Einschätzung von Experten auch Konflikte mit bereits länger in Deutschland etablierten Clans. Der Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba beobachtet nach eigenen Angaben einen "zunehmenden Trend krimineller Aktivitäten in den sogenannten neuen Clans, insbesondere in syrischen Gemeinschaften". Das erklärte er in einer Stellungnahme für eine Anhörung des nordrhein-westfälischen Landtags.
Wie solche Spannungen eskalieren können, zeigte sich im Juni 2023 in Essen. Dort griffen Dutzende Menschen aus dem Umfeld einer libanesischstämmigen Großfamilie ein syrisches Restaurant am Salzmarkt an. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen Tische und Stühle durch die Luft flogen und Scheiben zu Bruch gingen.
Jaraba warnt jedoch ausdrücklich davor, solche Vorfälle zu verallgemeinern. Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Syrer habe mit kriminellen Strukturen nichts zu tun. Ebenso wenig dürften Straftaten einzelner Angehöriger einer Großfamilie pauschal der gesamten Familie zugerechnet werden. Ein solcher Generalverdacht könne soziale Ausgrenzung verstärken und Integration erschweren.
Auch die Ursachen der Konflikte seien komplex. Spannungen zwischen länger etablierten türkisch-arabischen Großfamilien und neueren Gruppen syrischer Herkunft gingen laut Jaraba nicht allein auf kriminelle Konkurrenz zurück. Teilweise spielten politische und ethnische Konflikte aus Syrien und dem Libanon eine Rolle, die nach Deutschland hineingetragen würden.
"Taskforce Clan" soll Abhilfe schaffen
Die "Taskforce Clan" gibt es in Sachsen seit Oktober 2023. Darin befinden sich neben Arbeitskräften des LKA Sachsen auch Mitarbeiter der Bundespolizei, des Hauptzollamts Dresden, des Finanzamts der Steuerfahndung, der Bereitschaftspolizei Sachsen und des Zollfahndungsamts Dresden. Auch in anderen Bundesländern gibt es sogenannte Task Forces, die gegen Clan-Kriminalität vorgehen sehen sollen.
In Sachsen soll es bereits etwa 40 größere Einsätze gegen Clan-Kriminalität gegeben haben. Dabei wurden mehrere Verdächtige festgenommen, einige angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit machen hier die größte Gruppe der auffälligen Ausländer aus. Darauf folgen Zuwanderer aus Afghanistan und dem Irak mit deutlich geringeren Zahlen.
Raiko Märtins, Leiter der Taskforce Clan in Sachsen spricht für sein Bundesland nicht von einer Clan-Hochburg. Die Entwicklungen in Leipzig seien jedoch beunruhigend.
Clan-Kriminalität: Zwischen 0,16 und 0,59 Prozent aller Straftaten
Taskforces gegen Clan-Kriminalität gibt es außer in Sachsen noch in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Niedersachsen. Dabei ordnen die Behörden Clan-Kriminalität nicht der Organisierten Kriminalität zu, die beispielsweise auch im Bundeslagebild erfasst wird. Stattdessen handelt es sich um Straftaten und Ordnungswidrigkeiten von Personen, die bestimmten Bevölkerungsgruppen angehören.
Berlin und NRW richten ihren Fokus auf bestimmte arabisch- und türkisch-arabischstämmige Großfamilien. Dazu zählen insbesondere Familien mit Mhallami-kurdischen, libanesischen oder palästinensischen Wurzeln. In Sachsen sind zuletzt syrische Gruppen in den Fokus genommen worden.
Insgesamt machen die unter Clan-Kriminalität zusammengezählten Straftaten laut Mediendienst Integration in den Bundesländern Berlin, NRW und Niedersachsen zwischen 0,16 und 0,59 Prozent der Straftaten aus. Nur vereinzelte Verfahren aus dem Bereich der Clan-Kriminalität fallen auch in die Statistik der Organisierten Kriminalität (OK).
So gab es laut Mediendienst Integration im Jahr 2024 in Berlin im Bereich Clankriminalität sieben OK-Verfahren im Vergleich zu 952 Straftaten der Allgemeinkriminalität und 127 Ordnungswidrigkeiten. In NRW waren es sechs OK-Verfahren, 6.707 Straftaten der Allgemeinkriminalität und 1.742 Ordnungswidrigkeiten.
Das Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024, das im Februar 2026 erschienen ist, kommt zu dem Schluss, dass von dieser Form der Kriminalität ein "konstant hohes Bedrohungspotenzial" ausgeht. Hierbei fließen allerdings auch Cybercrime sowie "Crime as a Service", also organisierte Gruppen, die kriminelle Handlungen anbieten, mit ein. Eine gesonderte Betrachtung von Clan-Kriminalität und eine völlig deckungsgleiche Erfassung mit den Daten aus den Bundesländern liegt nicht vor.
Welche Gruppen organisieren sich in Clans?
Während die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Gruppen der organisierten Kriminalität weiterhin auf einem hohen Niveau bleibt (647 Verfahren in 2024), ist die Zahl der Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, sowohl bei Deutschen als auch Verdächtigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit.
Eine Aufschlüsselung der Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen für Organisierte Kriminalität zeigt: Die meisten haben eine deutsche Staatsbürgerschaft, gefolgt von türkischen, syrischen, albanischen und polnischen Staatsangehörigen. Dabei ist der Anteil der Deutschen knapp vier mal so hoch.
Tatverdächtige mit deutscher und türkischer Staatsbürgerschaft stellten laut Bundeslagebild 2024 unverändert den Hauptanteil der mutmaßlichen Straftäter dar. Erstmalig machten syrische Tatverdächtige den drittgrößten Anteil mit 4,7 Prozent aus. 2023 waren es noch 3,8 Prozent, das BKA beobachtet hier einen steigenden Trend in den vergangenen Jahren.
Finanzieller Schaden von 15,6 Millionen Euro
Auch bei Clan-Kriminalität spiegelt sich das Verhältnis von deutschen zu nicht-deutschen Tatverdächtigen im generellen Lagebild Organisierte Kriminalität wider. Im Jahr 2024 soll Clan-Kriminalität einen finanziellen Schaden von 15,6 Millionen Euro verursacht haben. Zum Vergleich: Cybercrime-Gruppierungen verursachten fast die Hälfte der gesamten finanziellen Schäden.
Von Clans ist laut Definition des Bundeskriminalamts die Rede, wenn eine "informelle soziale Organisation" bestimmt ist "durch ein gemeinsames Abstammungsverständnis ihrer Angehörigen". Innerhalb dieser Organisation gebe es eine hierarchische Struktur ein stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl sowie ein gemeinsames Normen- und Werteverständnis.
Die Normen und Werte von Clans werden dabei in Teilen über die in Deutschland geltende Rechtsordnung gestellt, was zu Konflikten und letztendlich Straftaten sowie Kriminalität führen kann. Clan-Kriminalität ist demnach das straffällige Verhalten von Clanangehörigen.
Für Clankriminalität als einzelne Kategorie gibt es keine bundesweit einheitliche Statistik. Öffentlich vergleichbare Lagebilder werden insbesondere von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin erstellt. 2024 registrierten die Behörden dort rund 6.700, 3.145 beziehungsweise 851 Straftaten im Zusammenhang mit Clankriminalität.
Maßnahmen: "Clans dürfen keine ruhige Minute haben"
Die Taskforces der Länder sind eine der Maßnahmen. Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, spricht außerdem von einer "Politik der tausend Nadelstiche". Dabei gehe es ihm zufolge darum, systematisch zu stören. Reul nennt als Beispiel mehr als 1.600 Kontrollaktionen in Shisha-bars und Wettbüros, die Durchsuchung von rund 4.000 Objekten und mehr als 2.000 Strafanzeigen. In 11.000 Fällen wurden Bußgelder verhängt.
"Die Clans dürfen keine ruhige Minute mehr haben", erklärte er. Gleichzeitig will Reul Perspektiven anbieten und Prävention schaffen. 26 junge Clan-Mitglieder seien in Nordrhein-Westfalen deshalb in Programmen. Der Ansatz bei der Jugend soll ganze Familien zum Ausstieg bewegen.
In Berlin ist die Zahl der Fälle von Clan-Kriminalität 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf 851 Straftaten gesunken. Allerdings gab es aufgrund anderer Einsätze, beispielsweise bei Demonstrationen, auch deutlich weniger Kontrollen durch die Polizei. Statt 126 wurden 2024 nur 74 Einsätze von der Polizei durchgeführt.
Oftmals ging es hierbei um Körperverletzung und Raub (Rohheitsdelikte: 20 Prozent) sowie um Beleidigung, Sachbeschädigung oder Geldwäsche (20 Prozent). Des weiteren gab es Verkehrsstraftaten (15 Prozent) sowie Vermögens- und Fälschungsdelikte (13 Prozent). Dem Milieu der Clan-Kriminalität werden in Berlin insgesamt 616 Menschen zugerechnet.