In Flieden bei Fulda betreibt Alexander Dressel die größte Quallenzucht Europas. Die Tiere gehen von dort in Zoos und in Forschungslabore auf der ganzen Welt. Auch Künstliche Intelligenz kommt mittlerweile zum Einsatz.
Manche Quallenarten besitzen eine Fähigkeit, die in der Tierwelt einzigartig ist. Unter Stress können sie sich von der erwachsenen Meduse zurück in ein "jugendliches" Stadium verwandeln und dann erneut heranwachsen. Diese Fähigkeit gilt als eine Art biologischer Unsterblichkeit. Kein Wunder, dass die Tiere seit über 600 Millionen Jahren existieren und dabei mehrere Massenaussterben der Erdgeschichte überstanden haben.
Alexander Dressel beschäftigt sich beruflich mit solchen Naturphänomenen. In der hessischen Stadt Flieden bei Fulda betreibt er die Jellyfish Farm, die wohl größte Quallenzucht Europas. Als gelernter Fischwirt in Aquakultur, Fischhaltung und -zucht war Dressel zuvor in verschiedenen Aquarien für die Quallenhaltung verantwortlich, unter anderem im Sea Life Konstanz und im Ozeaneum Stralsund.
Seine Faszination begann eher zufällig, mit Quallen von einem Händler, der eigentlich nur Futtertiere aus der Ostsee lieferte. Als die Saison vorbei war und das Schaubecken leer blieb, entdeckte Dressel am Boden des eigenen Beckens Polypen, aus denen sich neue Quallen entwickelten. Ein Polyp ist das unbewegliche Lebensstadium einer Qualle am Meeresboden. Dressel begann, sie systematisch nachzuzüchten, und machte daraus 2019 seine eigene Quallenzucht, erzählt er im Euronews-Interview.
Umzug für mehr Platz und Publikum
Zwölf Anlagen, über 200 Becken, insgesamt rund 35.000 Liter Wasser: Innerhalb von vier Wochen verlagerte Dressel seine gesamte Zucht von Künzell nach Flieden. "Wir sind umgezogen, weil wir uns vergrößern wollten. Die alten Räumlichkeiten waren schon ziemlich ausgelastet", sagt Dressel. Schon länger habe er die Idee gehabt, die Quallen auch der Öffentlichkeit zu öffnen.
Am neuen Standort soll deshalb neben der eigentlichen Zucht ein Museum entstehen, ein Schauaquarium mit großen Becken. "Dann ist da nicht nur die Zucht mit den ganzen kleinen Becken und den vielen Schläuchen zu sehen", erklärt Dressel.
Größte Zucht Europas, aber nicht die artenreichste
Mit seiner Jellyfish Farm betreibt der Forscher nach eigenen Angaben die größte Quallenzucht Europas, allerdings mit einer Einschränkung. Bei der Artenzahl gebe es durchaus Großaquarien, die mehr vorzuweisen haben, etwa das Pariser Aquarium oder der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Doch diese Häuser tauschen Tiere untereinander, verkaufen aber nichts. "Wir haben mittlerweile zwölf Anlagen mit über 200 Becken. Das hat in Europa sonst keiner", sagt Dressel.
Mit den großen Aquarien arbeitet er trotzdem eng zusammen, etwa beim Sichern von Polypenkulturen seltener Arten, bevor diese in der Natur verschwinden, oder bei gemeinsamen DNA-Analysen. Solche genetischen Untersuchungen zeigen erst seit wenigen Jahren, wie groß die Vielfalt bei Quallen tatsächlich ist.
"Wir haben vor 20 Jahren nicht gewusst, wie viele Arten es gibt. Von der einen Ohrenqualle, die wir kannten, sind es über 40 Arten, die man nach und nach entdeckt", sagt Dressel. Auf dem eigenen Betrieb hält er meist zwischen 15 und 20 verkaufsfähige Arten gleichzeitig, als Polypen sogar rund 30.
Zoos und Wissenschaftler als Kunden
Die umsatzstärksten Kunden sind Zoos und Schauaquarien weltweit, von den USA über Singapur bis ganz Europa. Viele dieser Einrichtungen züchten selbst nicht und bestellen ein- bis zweimal im Jahr Tiere, um ihre Becken neu zu besetzen.
Daneben liefert die Jellyfish Farm Quallen und Zuchtbecken an wissenschaftliche Institute, etwa für DNA-Analysen oder Untersuchungen zum Nährstoffgehalt der Tiere. "Wir helfen den Wissenschaftlern, die Zuchtanlagen zu designen und zu bauen, liefern die auch und geben Tipps, wie man die Tiere am besten hält", sagt Dressel.
Auch das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR in Kiel gehört zu seinen wiederkehrenden Kunden. Das Forschungszentrum koordiniert das EU-Projekt GoJelly, das seit einigen Jahren die Nutzung von Quallenblüten erforscht. Nach Angaben von GEOMAR wollen die beteiligten Wissenschaftler herausfinden, ob sich Schleim von Quallen als Filter gegen Mikroplastik in Kläranlagen einsetzen lässt, außerdem als Dünger oder Futter für die Aquakultur.
Künstliche Intelligenz soll das Wachstum überwachen
Der Umzug nach Flieden ist für Dressel nicht das Ende der Ausbaupläne. Gemeinsam mit dem regionalen Messtechnik-Unternehmen Jumo entsteht derzeit ein System aus Sensoren und Kameras, das Wasserwerte, Wachstum und Verhalten der Tiere automatisiert erfassen soll. "Wir kriegen die Sensorik eingebaut, um die Wasserparameter zu messen, aber auch ein Kamerasystem. Dann haben wir mindestens fünf Aquarien, die genau gleich sind und ständig überwacht werden", erklärt Dressel.
Ziel ist eine Art Künstliche Intelligenz, die erkennt, wie schnell bestimmte Arten unter welchen Bedingungen wachsen, und die bei Futterversuchen unterstützt. Die gesammelten Daten sollen laut Züchter nicht nur dem eigenen Betrieb helfen, sondern auch anderen WIssenschaftlern.
Für den europäischen Markt sieht Dressel seine Rolle vor allem als verlässlichen Lieferanten, der Zoos und Aquarien die aufwendige Zucht abnimmt, damit sich diese ganz auf die Ausstellung konzentrieren können.
Warum Quallenzucht sinnvoll sein kann
Ihr simpler Bauplan macht Quallen enorm anpassungsfähig. Eine einzelne Qualle kann je nach Art tausende Polypen erzeugen, die sich am Meeresboden festsetzen und dort geduldig auf bessere Zeiten warten. Sobald mehr Futter verfügbar ist, wandeln sich die Polypen in neue Quallen um. "Es sind die perfekten Opportunisten. Wenn kein Futter da ist, bleibt man halt für ein paar Jahre Polyp, sitzt geschützt am Boden und futtert auf Sparflamme. Sind die Zeiten besser, kann man sich schnell wieder vermehren", erklärt Dressel dieses Prinzip.
Wie der Stern berichtete, nehmen Quallenschwärme deshalb in vielen Meeren zu. Überdüngte Gewässer wie Ostsee oder Mittelmeer bieten reichlich Plankton, während Überfischung natürliche Fressfeinde und Konkurrenten der Quallen verringert. Einige Arten wie die Gelbe Haarqualle könnten demnach sogar vom Klimawandel profitieren, weil sie mit steigenden Wassertemperaturen besser zurechtkommen als viele Fischarten.
Genau diese wachsende Biomasse sieht die Meeresbiologin Jamileh Javidpour, Initiatorin des EU-Projekts GoJelly, nicht nur als Problem, sondern auch als Chance. Ihr zufolge ließen sich Quallen potenziell als Nahrungsmittel, als Grundlage für Dünger oder sogar für kosmetische Produkte nutzen. In einigen asiatischen Ländern stehen sie bereits traditionell auf dem Speiseplan.
Kritik an der Qaallen-Haltung im Aquarium
Wer Quallen in Aquarien präsentiert, muss sich auch Kritik stellen. Tierschutzorganisationen wie Peta lehnen die Haltung von Quallen in Aquarien grundsätzlich ab. Die Tiere seien auf stabile Strömungen und sehr spezielle Lebensbedingungen angewiesen, die sich in Gefangenschaft aus Sicht der Organisation nicht ausreichend nachbilden lassen.
Dressel kennt solche Einwände gut, sieht darin aber vor allem ein Missverständnis über die Biologie der Tiere. "Wenn wir ein Video posten mit Quallen in einem Aquarium, kommt typischerweise: Die armen Quallen, da ist ja gar keine Einrichtung drin, und die schwimmen ja immer nur im Kreis", berichtet er.
Die kreisförmige Strömung im Becken sei jedoch kein Zufall, sondern simuliere genau die Strömung, gegen die Quallen im offenen Ozean von Natur aus anschwimmen. "Im Meer gibt es keine Pflanzen und im Freiwasser sowieso nicht. Was soll ich da einbauen, eine Achterbahn oder eine Bar? Das ist Quatsch", so der Fischwirt.
Fundierte Kritik nehme er dagegen ernst, schließlich gehe es für ihn als Züchter darum, genau zu wissen, was die Tiere zum Wachsen und zur Vermehrung tatsächlich brauchen. Für Dressel ist genau dieses Fachwissen der entscheidende Unterschied zwischen einer verantwortungsvollen Zucht und einer bloßen Zurschaustellung der Tiere.