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Die Diabetes-Epidemie tobt bereits - kann uns die Technik retten?

Von Pascale Davies
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 422 Millionen Menschen (1 von 11 Erwachsenen) davon betroffen sind.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 422 Millionen Menschen (1 von 11 Erwachsenen) davon betroffen sind.   -   Copyright  FRANCK FIFE/AFP or licensors
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Die Coronavirus-Pandemie steht seit mehr als einem Jahr an der Spitze der Gesundheitsagenda. Aber eine andere Epidemie ist schon seit mehreren Jahrzehnten unter uns und ist wohl eine noch größere Sorge: Diabetes.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 422 Millionen Menschen (1 von 11 Erwachsenen) davon betroffen sind. Im Vergleich zu Coronavirus-Infektionen betrifft Diabetes dreimal so viele Menschen.

Man geht davon aus, dass die Zahl der Menschen, die mit Diabetes leben, bis 2045 auf 700 Millionen weltweit ansteigen wird.

Diabetes "ist bereits eine ausgewachsene Epidemie von solcher Dynamik, dass sich die Zahl der Menschen mit Diabetes in den letzten 30 Jahren fast vervierfacht hat", sagte Dr. Gojka Roglic, die medizinische Beauftragte für das Diabetes-Management bei der Weltgesundheitsorganisation gegenüber euronews.

Die chronische Krankheit ist in die Top 10 der Todesursachen der WHO aufgestiegen, nach einem signifikanten prozentualen Anstieg von 70 % seit dem Jahr 2000.

Die nicht übertragbare Krankheit erhöht nicht nur das Risiko eines vorzeitigen Todes, sondern kann auch Schlaganfälle, Erblindung, Herzinfarkte, Nierenversagen und Amputationen verursachen.

Eine komplexe Krankheit

Ernährung und Lebensstil spielen eine große Rolle bei Diabetes Typ 2. Aber die Krankheit ist viel komplexer.

Zunächst einmal gibt es 14 Arten von Diabetes, die auftreten, wenn die Fähigkeit des Körpers, das Hormon Insulin zu produzieren oder darauf zu reagieren, beeinträchtigt ist. Typ 1 und Typ 2 sind die häufigsten, außerdem gibt es noch den Schwangerschaftsdiabetes, der sich kurzzeitig während der Schwangerschaft entwickeln kann.

DANIEL SORABJI / AFP
Diabetes tritt auf, wenn die Fähigkeit des Körpers, das Hormon Insulin zu produzieren oder darauf zu reagieren, beeinträchtigt ist.DANIEL SORABJI / AFP

Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper nicht genügend Insulin produzieren kann, und betrifft häufig Kinder. Die Gründe, warum er entsteht, sind nicht vollständig geklärt.

Bei Typ-2-Diabetes kann der Körper zwar Insulin produzieren, es aber nicht gut verwerten. Er entwickelt sich mit zunehmendem Alter und kann durch Genetik und Lebensstil verursacht werden. Dieser Typ ist für 90 % der Diabetesfälle verantwortlich, aber es gibt Möglichkeiten ihn zu kontrollieren.

Die Hauptrisikofaktoren für Typ 2 sind Alter, Fettleibigkeit und Bewegungsmangel, sagte Dr. Roglic, aber sie betont: "Diese Risikofaktoren kann man nicht einfach ausschalten oder kontrollieren, denn obwohl sie einfach sind, sind sie nicht leicht anzugehen."

Aber laut ihrer Aussage gibt es vieles, was Regierungen tun können, z.B. wie sie Städte planen, Bildung, Transport und Ernährungspolitik, wie z.B. Zuckersteuern.

Am 14. April, dem Tag der Entdeckung des Insulins vor 100 Jahren, wird die WHO eine Diabetes-Agenda mit dem Namen Global Diabetes Compact vorstellen, die Länder bei der Umsetzung von Programmen unterstützt, sich auf die Reduzierung von Fettleibigkeit konzentriert und darauf abzielt, den Zugang zu Medikamenten und Technologien zu verbessern, insbesondere für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Die Bewusstseinsbildung ist entscheidend, da viele Menschen nicht wissen, dass sie Diabetes haben, bis es zu spät ist.

"Wir haben in Europa so etwas wie einen Diabetes-Eisberg. Wir haben diese große Gruppe unter Wasser, die nicht weiß, dass sie es hat", sagte Professor Chantal Mathieu, Vorsitzende des Europäischen Diabetesforums, gegenüber euronews.

In Europa haben 60 Millionen Erwachsene Diabetes (1 von 10 Europäern), was bis 2045 auf 69 Millionen ansteigen wird.

FREDERIC J. BROWN/AFP
Mehrere Länder haben Zuckersteuern auf Getränke und Süßigkeiten eingeführt, was der Diabetes-Krise teilweise entgegenwirken könnte.FREDERIC J. BROWN/AFP

Da Diabetes zu Beginn keine Symptome aufweisen kann, suchen viele Menschen erst dann eine Behandlung, wenn ihre Nieren bereits zerstört sind und sie eine Dialyse benötigen.

"Wir müssen von einem reaktiven Ansatz, bei dem man erst reagiert, wenn der ganze Schaden schon angerichtet ist, zu einem proaktiven Ansatz übergehen", sagt Chantal Mathieu.

Dazu seien eine verbesserte Datenerfassung, ein besserer Zugang zur Gesundheitsversorgung, die Beratung von Entscheidungsträgern und neue Technologien nötig.

Innovative technologische Lösungen

Diabetes bestimmt den Alltag. Die Krankheit erfordert eine Behandlung mit Tabletten oder Insulin und man muss seinen Blutzuckerspiegel und Blutdruck überwachen.

Traditionell bedeutet dies, dass man sich täglich in den Finger stechen muss, was zeitaufwendig ist und schmerzhaft sein kann.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Technologie weiterentwickelt, und intelligente Glukosesensoren haben die Diabetesversorgung erleichtert.

Der derzeitige Marktführer ist der FreeStyle Libre des amerikanischen Medizinunternehmens Abbott. Es wird von drei Millionen Menschen in über 50 Ländern verwendet.

Der kleine kreisrunde Sensor wird auf die Rückseite des Oberarms geklebt, den man dann mit dem Smartphone abtastet, um den Blutzuckerwert zu ermitteln.

"Verglichen mit der traditionellen Blutzuckermessung ist das ein großer Schritt nach vorne, um die Blutzuckermessung nahtlos in den täglichen Lebensstil zu integrieren", sagt Ansgar Resch, Abbott Diabetes Care Division Vizepräsident für kommerzielle Aktivitäten in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Pakistan.

Einer der Gründe, warum das System so beliebt geworden ist, ist nicht nur die einfache Handhabung, sondern auch die Tatsache, dass es den Menschen ermöglicht, ihre Gesundheit besser zu kontrollieren.

"Sobald die Leute Informationen sehen, z.B. dass ihr Blutzuckerspiegel nach der Einnahme bestimmter Lebensmittel steigt oder fällt, nehmen sie Änderungen vor", so Resch.

Die Daten können auch sicher mit Ärzten für Telehealth-Termine geteilt werden. Das ist seit der Coronavirus-Pandemie für Diabetes-Patienten noch wichtiger geworden, da Diabetiker zur Risikogruppe bei Covid-19 gehören.

"Zu teuer und zu wenige" Lösungen für alle

Obwohl das FreeStlye Libre billiger ist als andere vergleichbare Produkte (ab ca. 111 €) und von einigen Gesundheitssystemen ganz oder teilweise erstattet wird, kann es sich nicht jeder leisten, und selbst die traditionellen Geräte zum Stechen in den Finger können für manche zu teuer sein.

Aber die Medikamente und Technologien für die Diabetesversorgung entwickeln sich weiter. Einige der neueren Technologien, z. B. Closed-Loop-/Künstliche-Pankreas-Systeme, messen ständig den Blutzucker und regulieren den Insulinspiegel, ohne dass die Menschen selbst etwas dazu beitragen müssen.

"Aber sie sind noch nicht weithin verfügbar oder für die Mehrheit der Menschen zugänglich", sagt Sabine Dupont, eine leitende Beraterin bei der europäischen Abteilung der International Diabetes Federation.

Ihr zufolge gibt es viele Probleme beim Zugang zu den Technologien. Das ist nicht nur eine Kostenfrage an sich; es spielen viele andere Faktoren eine Rolle, wie z. B. die Bewertung des tatsächlichen Nutzens neuerer Technologien, um die Kostenerstattung zu bestimmen, nationale Beschaffungsprozesse und Vorschriften, Marketing- und Vertriebsstrategien der Hersteller.

"Ich denke, eines der Hindernisse ist, dass Innovation immer noch sehr oft als Kostenfaktor und nicht als Chance angesehen wird", sagte sie gegenüber euronews und fügt an, dass Diskussionen auf europäischer Ebene mit allen Interessenvertretern stattfinden müssen, um sicherzustellen, dass europäische Bürger Zugang zu den Technologien haben, die sie benötigen.

Dazu gehört zum Beispiel die Schaffung von Mechanismen, die sicherstellen, dass Daten gemeinsam genutzt werden können, um die Wirksamkeit neuer Medikamente und Technologien in allen europäischen Ländern zu evaluieren, ohne dass es zu doppelten Anstrengungen und Anforderungen kommt.

Dazu gehören auch transparentere Beschaffungsmechanismen. Ein Problem ist die Zeit, die es dauert, bis neue Medikamente und Technologien auf den Markt kommen, und die Tatsache, dass es große Unterschiede gibt, wann ein und dasselbe neue Medikament/eine neue Technologie in allen europäischen Ländern verfügbar ist. Das liegt zum Teil daran, dass neue Medikamente/Technologien, selbst nachdem sie zentral auf europäischer Ebene zugelassen wurden, noch eine weitere Zulassung auf nationaler Ebene durchlaufen müssen, um erstattet zu werden.

Wenn diese Probleme jedoch ausgeräumt wären, könnte das Leben mit Diabetes viel einfacher werden.

"Wenn man Zugang und erschwinglichen Zugang zu den erforderlichen Medikamenten und Technologien hat, kann man tatsächlich ein sehr gesundes Leben mit Diabetes führen", so Dupont.