Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Fusionsenergie: kann sie Europa aus der Energiekrise retten?

Ein Kunde tankt sein Fahrzeug an einer Tankstelle im Ort Vulaines-sur-Seine bei Paris in Frankreich am Donnerstag, dem zweiten April zweitausendsechsundzwanzig.
Ein Kunde tankt an einer Tankstelle in Vulaines-sur-Seine bei Paris, Frankreich, am Donnerstag, dem zweiten April 2026. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
Von Alice Carnevali
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Zu den führenden europäischen Start-ups für Fusionsenergie zählt Proxima Fusion. Das Unternehmen setzt auf Stellaratoren, eine kaum genutzte Technologie.

Seit Beginn des Kriegs im Iran am 28. Februar ist das Thema Energie wieder in den internationalen Schlagzeilen.

WERBUNG
WERBUNG

Der Konflikt und Irans Entscheidung, die Transporte durch die Straße von Hormus massiv zu drosseln – eine zentrale Route für den weltweiten Ölhandel – haben das ausgelöst, was die Internationale Energieagentur (Quelle auf Englisch) als größte Angebotsstörung in der Geschichte des Ölmarkts beschreibt.

Die Krise zwingt europäische Entscheidungsträger, ihre Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen zu hinterfragen und nach Lösungen im eigenen Haus zu suchen.

Zu den Alternativen gehören erneuerbare Energien und Kernkraft. Und bei Letzterer geht es nicht nur um die bekannte, hoch umstrittene Kernspaltung.

Daneben gibt es eine weitere Form der Kernenergie – die Fusionsenergie –, die nach Ansicht mancher Fachleute Europas Energiekrise langfristig entschärfen könnte.

Nach Einschätzung von Francesco Sciortino, Geschäftsführer und Mitgründer des deutschen Start-ups Proxima Fusion, spielt die Fusionsenergie „alle Rollen“, wenn es darum geht, die Energiesicherheit Europas zu stärken.

Doch was ist Kernfusion genau? Und welche Technologie nutzt Proxima Fusion, um sie zu erzeugen?

Fusionsenergie: Hoffnungsträger für die Stromversorgung?

Fusionsenergie ist neben der Kernspaltung eine von zwei Möglichkeiten, durch Kernreaktionen Energie zu gewinnen.

Die Kernspaltung ist der bekanntere Prozess, der typischerweise mit Atomkraftwerken und Atommüll verbunden wird. Dabei wird der Kern eines schweren Atoms gespalten, wodurch Energie frei wird.

Bei der Kernfusion, auch Fusionsenergie genannt, entsteht Energie, indem leichte Atomkerne miteinander verschmelzen.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (Quelle auf Englisch) (IAEA) kann Fusionsenergie pro Kilogramm Brennstoff bis zu viermal mehr Energie liefern als die Kernspaltung und fast vier Millionen Mal mehr als das Verbrennen von Öl oder Kohle.

Hinzu kommt: Bei der Fusion entsteht kein CO2, es fällt kein langlebiger radioaktiver Abfall an, die Technik gilt als sicherer als die Kernspaltung und sie ist besser planbar als viele erneuerbare Energien.

All das klingt vielversprechend, doch Fusionsenergie ist noch keine kommerzielle Realität.

Eine Fusionsreaktion zu zünden und stabil zu halten, ist schwierig und erfordert einen großen Energieeinsatz. Fachleute müssen erst noch zeigen, dass sich am Ende mehr Energie und Geld herausholen lässt, als in die Anlage hineinfließt.

Proxima Fusion und die Stellarator-Technologie

An diesem Ziel arbeitet unter anderem Proxima Fusion, ein in München ansässiges Start-up, das 2023 aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervorgegangen ist.

Anders als die meisten europäischen und internationalen Fusionsprojekte wie JET und ITER setzt Proxima Fusion nicht auf Tokamaks, sondern auf Stellaratoren.

Beide Technologien nutzen ringförmige Anlagen, in denen Magnetfelder Plasma einschließen – einen besonderen Zustand der Materie und zentralen Baustein der Fusion. Unterschiede gibt es vor allem darin, wie sie das Plasma stabil und bei den extrem hohen Temperaturen halten, die für die Fusion nötig sind.

Beide Konzepte haben Vor- und Nachteile. „Stellaratoren sind schwieriger zu konstruieren und herzustellen, aber sie sind im Betrieb einfacher, sie können im Dauerbetrieb laufen und sind von Natur aus stabil.“

Stellaratoren sind bislang weniger verbreitet als Tokamaks. Nach Einschätzung der IAEA (Quelle auf Englisch) könnten sie sich jedoch zur bevorzugten Option für künftige Fusionskraftwerke entwickeln. Proxima Fusion arbeitet genau in diese Richtung.

„Alpha ist das letzte Gerät, das wir bauen müssen, bevor wir zu einem ersten Fusionskraftwerk unter kommerziellen Einsatzbedingungen übergehen“, sagt Sciortino. Alpha ist ein Demonstrator, der zeigen soll, wie der Stellarator funktioniert und ob sich ein Nettoenergiegewinn erzielen lässt – ob das Plasma also mindestens so viel Energie erzeugen kann, wie zu seiner Aufheizung nötig ist.

Alpha befindet sich derzeit in der Fertigung. Nach Sciortinos Angaben soll die Anlage Anfang der dreißiger Jahre laufen.

Parallel zu Alpha arbeitet Proxima Fusion an Stellaris, der weltweit ersten kommerziellen Fusionsanlage.

„Das Ziel ist, etwas zu schaffen, das sich skalieren lässt. Und damit das gelingt, müssen wir Geld verdienen, also wirtschaftlich sein – mit anderen Worten: einen belastbaren Business Case schaffen“, sagt Sciortino.

Stellaris soll in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre in Betrieb gehen, etwas später als Alpha.

„Wir befinden uns in einer Phase, in der wir eine neue Industrie schaffen“, sagt er. „Es geht nicht nur um ein Unternehmen. Entscheidend ist, dass die gesamte Lieferkette in ihre Fähigkeiten investiert, damit wir dieses Feld schneller voranbringen können als jemals zuvor. Die Geschichte der Fusion hat gerade erst begonnen.“

Deutschlands und Europas Zukunft mit Fusionsenergie

Das Kraftwerk Stellaris ist für den Standort eines ehemaligen Kernspaltungs-Kraftwerks im bayerischen Gudremmingen geplant. Deutschland hat den Ausstieg aus der Kernspaltung im April 2023 abgeschlossen und investiert nun in die Entwicklung der Fusionsenergie.

Im Oktober 2025 stellte das Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz einen [Aktionsplan](https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/7/1112618%5FAktionsplan %28Quelle auf Englisch%29%5FFusion.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=10) vor, um die Entwicklung der Fusionstechnologie zu fördern und zu beschleunigen. Mit diesem Plan will die Bundesregierung bis 2029 mehr als zwei Milliarden Euro investieren (Quelle auf Englisch), um ein Fusionskraftwerk zu bauen.

Proxima Fusion ist nicht aus diesen Gründen in Deutschland entstanden. Sciortino glaubt jedoch, dass die Bundesregierung die Chancen der Fusionsenergie erkannt hat.

„In Deutschland ist dieses Bewusstsein viel klarer und viel schneller gewachsen, als wir gedacht haben“, sagte er.

Seiner Ansicht nach „bietet die Fusion für Europa eine spektakuläre wirtschaftliche Chance, mehr noch als für jeden anderen Kontinent: weil wir mehr Souveränität brauchen, weil wir keine eigenen Rohstoffe haben, weil wir unsere Photovoltaikmodule nicht selbst herstellen und weil die Windenergie aus wirtschaftlicher Sicht nicht so gut funktioniert.“

Bundeskanzler Friedrich Merz läutet die Glocke zu Beginn der Kabinettssitzung im Kanzleramt in Berlin, Deutschland, Mittwoch, 1. April 2026.
Bundeskanzler Friedrich Merz läutet die Glocke zu Beginn der Kabinettssitzung im Kanzleramt in Berlin, Deutschland, Mittwoch, 1. April 2026. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Skeptische Stimmen zur Fusionsenergie

Trotz der verbreiteten Begeisterung für Fusionsenergie sind einige Fachleute gegenüber ihrem tatsächlichen Potenzial skeptischer.

In einer kürzlich in Nature Energy (Quelle auf Englisch) veröffentlichten Studie argumentieren Forschende, dass die künftigen Kosten von Fusionskraftwerken äußerst unsicher sind und ihre Lernraten überschätzt werden.

Eine Lernrate ist ein Prozentsatz, der zeigt, um wie viel die Kosten einer Technologie sinken, wenn sich ihre gesamte Nutzung verdoppelt.

„Eine Technologie mit einer hohen Lernrate verzeichnet daher einen stärkeren Kostenrückgang, wenn die Produktion zunimmt, während eine Technologie mit einer niedrigen Lernrate selbst nach einem massiven Ausbau relativ konstante Kosten aufweist“, erklärte Lingxi Tang, einer der Autoren der Studie und Doktorand an der ETH Zürich, gegenüber Euronews Next.

Frühere Studien gingen davon aus, dass Fusionskraftwerke Lernraten von acht bis zwanzig Prozent erreichen könnten. Die neue Studie von Tang und seinen Kollegen legt jedoch nahe, dass die Werte eher niedriger liegen dürften, bei etwa zwei bis acht Prozent.

Die große Differenz erklärt Tang mit fehlender überzeugender Begründung in einigen früheren Analysen der Lernraten und mit einem möglichen Phänomen, das er als „Optimismus-Bias“ bezeichnet: „Gerade in der privaten Investment-Community ist die Denkweise oft verzerrt, man neigt dazu, auf ein optimistischeres Ergebnis zu setzen“, sagte er.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Internationaler Faktencheck-Tag: So entlarven Sie KI-Desinformation

In Bildern: Artemis-II-Crew startet zu historischer Mondmission

EU-Datenwirtschaft im Wert von 500 Milliarden Euro: Probleme halten an