Body-Positivity-Albtraum oder Chance, Schönheitsideale neu zu denken? Ein neuer Award für KI-Avatare zeigt, wie weit virtuelle Influencer gehen.
Tausende KI-generierte „Persönlichkeiten“ treten in einem neuen weltweiten Preisprogramm gegeneinander an, das die Organisatoren als den größten Wettbewerb seiner Art bezeichnen.
Bei den „AI Personality of the Year Awards“, die die KI-Erstellungsplattform OpenArt gemeinsam mit der Abo-Plattform Fanvue ausrichtet, sollten Teilnehmende virtuelle Figuren aufbauen, posten und ihre Community vergrößern – in Kategorien wie Unterhaltung, Lifestyle, Comedy, Fitness sowie Anime-, Cartoon- oder Fantasy-Charaktere.
Der Wettbewerb lief über mehrere Wochen. Wer mitmachen wollte, musste in dieser Zeit mindestens vier Beiträge veröffentlichen. Laut OpenArt sollen die Gewinnerinnen und Gewinner noch in diesem Monat bekanntgegeben werden.
„Wir haben eine unglaubliche Resonanz gesehen, rund 3.300 Einsendungen insgesamt“, sagte Chloe Fang, Partnerschaftsleiterin bei OpenArt, gegenüber Euronews Next. Sie ergänzte, dass die Awards Preise und Geschenke im Wert von mehr als 90.000 Dollar (rund 76.000 €) ausloben.
Die Organisatoren beschreiben das Format als den größten Wettbewerb, der sich ausdrücklich KI-Persönlichkeiten widmet – einem Feld, das ihrer Einschätzung nach zunehmend im Mainstream ankommt.
In den vergangenen anderthalb Jahren haben sich KI-generierte Figuren fest in der Popkultur verankert, so die Organisatoren. Sie bauen treue Fangemeinden auf und schließen lukrative Deals mit großen Marken.
Die Sieger stehen noch nicht fest. Doch zu den Beiträgen mit den meisten Fans zählt nach Angaben der Organisatoren Jae Young Joon, ein KI-generiertes männliches Model aus Südkorea mit mehr als 400.000 Followerinnen und Followern auf Instagram und TikTok.
Auf Jaes Profil steht deutlich, dass er eine KI-Figur ist. Laut Organisatoren schicken Fans dennoch emotionale Nachrichten und Liebesbriefe.
Das Konto betreut der kanadische Creator Luc Thierry. Seine wichtigste Erkenntnis, so die Organisatoren: Für das Publikum zählt offenbar weniger, ob eine Figur real ist, als ob sich die emotionale Verbindung echt anfühlt.
Kritik an KI-Bildern von Menschen
Genau diese Verwischung von Realität und Fiktion macht KI-Persönlichkeiten auch aus ethischer Sicht heikel.
Generative KI hat bereits Sorgen um Arbeitsplätze, Urheberrechte und Deepfake-Pornografie ausgelöst.
Im Januar geriet der xAI-Chatbot Grok von Elon Musk in die Kritik, weil Nutzende wiederholt sexuell explizite Bilder von Frauen und Minderjährigen generierten. Daraufhin schränkte X einige Bildfunktionen von Grok ein. Der Fall verstärkte die Sorge, wie schnell KI-Werkzeuge intime Bilder ohne Einwilligung erzeugen können.
Zugleich warnen Kritikerinnen und Kritiker, dass KI-Bildgeneratoren unrealistische Körperbilder noch weiter verstärken könnten – ein Problem, für das soziale Netzwerke seit Jahren in der Kritik stehen. Der „perfekte“ Influencer braucht kein gutes Licht, keine Gene, keine Schönheits-OPs, keine Filter und nicht einmal mehr einen physischen Körper.
Forschungen deuten darauf hin, dass selbst neutrale Eingaben sehr einseitige Ergebnisse liefern können. Eine Studie der Universität Toronto aus dem Jahr 2026 zeigte, dass KI-Bildgeneratoren überproportional oft junge, weiße Menschen abbilden und bei Frauen vor allem schlanke Personen mit symmetrischen Gesichtszügen und makelloser Haut erzeugen.
Die Kritik ist für Fanvue nicht ganz neu. Im vergangenen Jahr organisierte die Plattform gemeinsam mit Partnern nach eigenen Angaben den weltweit ersten KI-Schönheitswettbewerb „Miss AI“. Damals stand die Frage im Raum, ob künstliche Kandidatinnen ein enges, unrealistisches Schönheitsideal eher festigen, statt es zu erweitern.
Fang betonte jedoch, dass das Erscheinungsbild bei den aktuellen Awards nicht im Vordergrund steht. Bewertet werden vor allem Qualität, Kreativität, Markenpotenzial und die Interaktion mit den Fans.
Frühe KI-Influencer brachten viele Menschen laut Fang vor allem mit „hübschen Frauen auf Instagram“ in Verbindung. Inzwischen reichen die Einsendungen von musikbezogenen Figuren über Entertainment-Charaktere und Fantasy-Welten bis hin zu männlichen KI-Persönlichkeiten sowie Creators, die LGBTQ+- und kulturelle Repräsentation in den Mittelpunkt stellen.
Außerdem haben OpenArt und Fanvue nach eigenen Angaben Schutzmechanismen eingeführt. Auf der Plattformseite setzt OpenArt Werkzeuge ein, die mögliche Urheberrechtsrisiken und problematische Inhalte erkennen sollen. Auf Wettbewerbsseite prüfen Menschen die Einsendungen zusätzlich.
„Unsere Richtlinien verbieten Hassrede, Belästigung und sexuell explizite Inhalte“, sagte Fang.
OpenArt erklärte zudem, dass die Teilnehmenden aus sehr unterschiedlichen Regionen stammen. Das spiegele eine breite Vielfalt an Perspektiven in diesem Bereich wider. Demnach kommen 37 % der Creators aus Europa und dem Vereinigten Königreich, rund 30 % aus Nordamerika, 18 % aus Asien, fünf % aus Lateinamerika, vier % aus Afrika und vier % aus dem Nahen Osten.
Diese Zahlen beziehen sich jedoch auf die menschlichen Creators hinter den Beiträgen. Demografische Daten zu den KI-Persönlichkeiten selbst legten die Organisatoren Euronews Next nicht vor.