Seit fast einem ganzen Monat liegt Wal Timmy vor der Ostseeinsel Poel fest. Ein Rettungsversuch mit Gurten, einer Barge und einem Schlepper soll das Tier zurück in seine Heimat - den Atlantik - bringen.
Rund um Buckelwal Timmy, den einige auch Hope nennen, brandete Dienstagnachmittag Jubel auf: Den Freiwilligen war es gelungen, den Meeressäuger vor der Insel Poel in der Ostsee auf eine Barge zu ziehen, die das Tier zu einem Lastkahn und dann in die Nordsee bringen soll.
Als der Wal auf den Lastkahn verfrachtet ist, kommen Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister die Tränen. "Mir fällt ein Stein vom Herzen", sagte der SPD-Politiker Till Backhaus und sprach von einem Glücksmoment. "Lassen Sie uns ein bisschen menschlicher miteinander umgehen", schlug der Minister vor, der die gewagte Rettungsaktion genehmigt hatte.
Der Kampf um das Leben des Buckelwals vor der Ostseeinsel geht jetzt in die entscheidende Phase. Die Barge mit Timmy an Bord ist unterwegs und soll als Nächstes von einem Schlepper übernommen werden.
Etwa zwei Stunden lang hatten freiwillige Helfer zuvor versucht, dem gestrandeten Buckelwal Gurte anzulegen. Damit wurde das Tier auf eine Barge geschafft, aber offenbar war das nicht leicht. In den ersten Stunden der Operation waren kaum Fortschritte zu erkennen. Der Meeresbiologe Fabian Ritter erklärte Medien, es sei schwer anzusehen, wie an dem Wal gezogen werde.
Der Walforscher hatte die "Rettungsaktion" der privaten Initiative schon zuvor skeptisch gesehen. Ritter sagte zu möglichen Gefahren für Timmy: "Er hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich und da jetzt mit großem, schwerem Gerät, mit vielen, vielen Menschen und viel Geld das Allermöglichste zu versuchen - ich glaube, wir laufen da Gefahr, dem Wal auch zu schaden."
Fast einen Monat schon steckt Buckelwal Timmy in der Ostsee vor der Insel Poel fest. Eigentlich schwimmen Buckelwale im Atlantik, dorthin sollte Timmy jetzt zurückgebracht werden.
Es ist nicht der erste Rettungsversuch für Timmy, doch die Freiwilligen der privat finanzierten Rettungsaktion hoffen, dass es der letzte sein wird und sich das Tier danach wieder in Freiheit bewegen und von den vergangenen Wochen erholen kann.
Gegen den Rat der Expertinnen vom Meeresmuseum Stralsund sollte der Buckelwal über eine Strecke von etwa 400 Kilometern mit dem Lastkahn in die Nordsee geschleppt werden.
Nach Medieninformationen stammt die Barge aus der Elbe. Sie wurde extra für die Rettungsaktion durch den Nord-Ostsee-Kanal zum Hafen von Wismar gebracht. Der Lastkahn hat keinen Eigenantrieb und muss von einem Schiff gezogen werden. Der Schlepper dafür steht bereits im Hafen.
Rettung mit Luftkissen gescheitert
Eine frühere Rettungsaktion, bei der man Timmy mit Hilfe einer Plane und Luftkissen in das offene Meer ziehen wollte, war gescheitert. Auch weitere Ideen haben bisher nicht dazu geführt, dass der gestrandete Buckelwal gerettet werden konnte. Auch jetzt mussten Details zwischen Rettern, Experten und Tierschützern sowie Finanzierern abgeklärt werden.
Ursprünglich war gedacht, den Wal rückwarts mit einer Plane in den Lastkahn zu steuern. Jetzt sollte der Meeressäuger mit einem breiten Gurt vorwärts in die Barge geführt werden.
Gegen 7.30 Uhr versammelten sich immer mehr Helfer am Ufer, auch Landesumweltminister Till Backhaus war vor Ort. Letztendlich hieß es, der Wal solle so wenig wie möglich gezogen werden. Auf beiden Seiten des Buckelwals sollten mehrere Menschen mit dem Gurt so steuern, dass Timmy den Weg in eine extra vorgegrabene Rinne und anschließend in die Barge findet. Denn der Wal sollte zu keiner Zeit über Sand gezogen werden.
Für den Fall, dass der Wal in Panik gerät, sei man vorbereitet, wie eine Tierärztin der Frankfurter Rundschau bestätigt hat. Kleintierärztin Kirsten Tönnies, die an der Aktion beteiligt ist, erklärte: "So wenig wie möglich wird gezogen, und wir gucken jede Sekunde genau, wie er damit umgeht". Gerate der Wal in Panik, so werde eine Seite den Gurt loslassen.
Kritiker fordern Ruhe für den Wal
Dass der Wal wiederholt in der Ostsee gestrandet ist, sich tagelang erholt und mit neuer Kraft einige Zeit verschwindet, bevor er wieder strandet, spreche für ein "ernsthaftes Gesundheitsproblem", wie das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund mitteilte. Demnach habe sich auch der Allgemeinzustand des Wals weiter verschlechtert.
Die Biologinnen vom Deutschen Meeresmuseum sprachen sich dafür aus, "dem Tier die größtmögliche Ruhe zuteilwerden zu lassen, es ausschließlich palliativ zu versorgen und von weiteren Manipulationen am Wal abzusehen". Auch die International Whaling Commission und die British Divers Marine Life Rescue teilen diese Einschätzung.
Ein mehrtägiger Transport gehe mit einer enormen Stressbelastung und einem hohen Verletzungsrisiko einher. Kritik übt das Meeresmuseum auch an der zur Verfügung gestellten Barge. Diese sei aus Metall und würde Schall besonders stark reflektieren. Für den Wal bedeute das eine zusätzliche Lärmbelastung.
Der Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack erklärte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP, er schätze die Überlebenschancen als sehr gering ein. "Er ist extrem geschwächt. Er hat diese Hauterkrankung. Möglicherweise hat er innere Verletzungen. Eventuell auch Wasser in der Lunge", erklärte der Meeresbiologe AP.
"Das ist ein Wildtier, das sterben will", so Maack weiter.
Wal Timmy in der Ostsee: Eine Chronik
Der Wal wurde erstmals am 3. März 2026 im Hafen von Wismar gesichtet. Dort hatte er sich in einem Netz verfangen. Experten der Meeresschutzorganisation Sea Sheperd vermuten, dass der Buckelwal über die Nordsee in die Lübecker Bucht geraten war. Der Wal konnte befreit werden, doch er kehrte später wieder in die Wismarer Bucht zurück.
Am 23. März 2026 strandete der Wal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand. Wegen des niedrigen Wasserstandes war ein Weiterschwimmen nicht möglich. Seither sind Rettungsversuche mehrmals gescheitert. Selbst als der Wal wieder in der Bucht schwimmen konnte und sogar eine kurze Zeit lang verschwand, blieb er immer wieder erneut auf Sandbänken liegen.
Seit 9. April 2026 liegt der Wal vor der Insel Poel. Für weitere Rettungsversuche standen die Aussichten zunächst schlecht, doch aufgrund einer Finanzierung durch private Unternehmer gibt es seit 15. April 2026 eine private Mission, die den Wal nicht aufgeben will. Am Dienstag, den 28. April, ist eine finale Rettungsmission geplant.
Warum hat sich der Wal in die Ostsee verirrt?
Warum genau der Wal von seinem eigentlichem Territorium, dem Atlantik, in die Ostsee abgekommen ist, steht nicht fest. Wissenschaftler vermuten, dass das Tier während seiner Wanderung entweder einem Fischschwarm folgte oder vom Kurs abkam und so in das für seine Art ungeeignete Binnenmeer geriet. Denn in der Ostsee sind eigentlich nur Schweinswale heimisch.
Das Schicksal des Buckelwales und die emotionale Anteilnahme an Walen in der Bevölkerung sollten Anlass sein, um weitreichende Schutzmaßnahmen für Schweinswale und andere Meeressäugetiere in der Nord- und Ostsee vorzunehmen, erklärte das Deutsche Meeresmuseum. Denn auch der Zustand der Schweinswale in der Ostsee ist kritisch, sie sind akut vom Aussterben bedroht.
Als Ursache für die Lebensbedrohung nennt das Deutsche Meeresmuseum den Menschen. Beifang und Lärm im Meer würden die Tiere beeinträchtigen. Meeresschützer warnen davor, dass es künftig mehr solcher Irrläufer geben könnte, da sich durch den Klimawandel Nahrungsrouten und Meeresbedingungen verändern, die auch Einfluss auf die Wanderbewegungen von Walen nehmen.