Eilmeldung

Kulturerbe Italiens in Gefahr

Kulturerbe Italiens in Gefahr
Schriftgrösse Aa Aa

Fragt man irgendeinen Touristen aus irgendeinem Land nach einem italienischen Baudenkmal, dann lautet die Antwort höchstwahrscheinlich: das Kolosseum. Dieses 2000 Jahre alte Amphitheater in Rom ist das meistbesuchte Monument Italiens. Weltweit steht es an zweiter Stelle, nach dem Eiffelturm in Paris. Das Kolosseum verzeichnet jährlich fast fünf Millionen Besuche. Es stammt aus der römischen Kaiserzeit. Gebaut wurde es für Zirkusveranstaltungen und Gladiatorenkämpfe. Heute nützt es der örtlichen Wirtschaft – mit Einnahmen in Höhe von schätzungsweise fünf Milliarden Euro pro Jahr.

Doch leider ist das Kolosseum auch ein Beispiel dafür, wie diese weltweit einmalige Ressource in Italien behandelt wird: Zum Schutz des Kolosseums, seiner Erforschung und täglichen Verwaltung stehen jährlich nur 800.000 Euro zur Verfügung. Mit diesem Geld werden in der Werkstatt für Marmorreinigung Fundstücke aus dem Amphitheater studiert und katalogisiert. Das kulturelle Erbe aus 28 Jahrhunderten ist Italiens Reichtum, diese nie unterbrochene Kette verschiedener Zivilisationen. Aber das werde im Lande nicht immer verstanden, sagt Vittorio Cogliati Dezza, der Vorsitzende des italienischen Verbands für den Schutz der Umwelt und des Kulturerbes, Legambiente.

“Ich erzähle Ihnen mal einen beliebten Witz, der eine traurige Wahrheit wiedergibt: ‘Weißt Du, dass sich 60% des Weltkulturerbes in Italien befindet?‘ - ‘Und der Rest?’ – ‘Der Rest ist in Sicherheit.’ Und so sieht’s aus. Auf der Regierungsebene hat sich in diesem Land die Einstellung entwickelt, dass das Kulturerbe einfach nur ein weiterer Kostenfaktor ist, eine wirtschaftliche Last.”

In der Unesco-Liste des Weltkulturerbes steht Italien an erster Stelle, mit 47 Einträgen, gefolgt von Spanien mit 44 und China mit 43. Und wie viel Geld steht zum Schutz dieses Erbes zur Verfügung? Wenig, und immer weniger. In den vergangenen zehn Jahren wurde dieser Etatposten des Kultusministerium halbiert. Im Jahr 2000 standen dem Ministerium dafür gut zwei Milliarden Euro zur Verfügung; 2011 war es weniger als eine Milliarde. Neuere Zahlen gibt es nicht.  

So überrascht es nicht, dass man immer mehr alarmierende Meldungen über den Zustand des italienischen Kulturerbes sieht. Das Kolosseum ist seit einigen Wochen von einer “Roten Zone” umgeben, einem 15 Meter breiten Sperrgebiet, um Fußgänger vor herabfallenden Fassadenteilen zu schützen. Nach Behördenangaben sind in den vergangenen zwei Jahren mehr Stücke herabgefallen als in den zehn Jahren zuvor.

Nun sollen neue Mäzene helfen: Unternehmer, die die Restaurierung eines Monuments unterstützen. Für das Kolosseum hat der Schuhfabrikant Diego della Valle 25 Millionen Euro bereitgestellt. Die Nord- und Südfassaden sollen restauriert werden, die Hypogäen (unterirdische Grabanlagen die teilweise der Öffentlichkeit zugänglich sind), und es soll ein Servicezentrum gebaut werden. Die Idee findet schon Nachahmer: Am 28. Januar kündigte das Modehaus Fendi die Unterstützung des Trevi-Brunnens mit mehr als zwei Millionen Euro an.  

Doch für die dringenden Arbeiten muss noch immer die Archäologiebehörde allein aufkommen, etwa für die laufende Arkaden-Restaurierung. Ein heftiger Streit ist im Gange. Die Rolle der Mäzene wird kritisiert: Unternehmer wollten sich mit Bildern von Monumenten schmücken, die der Allgemeinheit gehörten, heißt es. Für die Chefarchäologin des Kolosseums, Rosella Rea, ist das nichts Schlimmes – und auch nichts Neues:

“Schon vor zwanzig Jahren brauchte das Kolosseum Sponsoren. Denn das Ministerium hatte schon damals nicht die Mittel für eine komplette Fassadenrestaurierung. Zwanzig Jahre danach heißen wir nun den Beitrag der privaten Wirtschaft willkommen. Patenschaftsabkommen erlauben keinerlei Werbung auf dem Monument.”  

Doch der wichtigste italienische Verbraucherverband Codacons rief das höchste italienische Verwaltungsgericht an. Die Urteil steht noch aus. Verbandschef Carlo Rienzi sagt, dass von den bewilligten 25 Millionen Della Valle 8 Millionen als Steuererleichterungen erhält.

“Das ist kein Sponsoring, das ist ein Ausverkauf. Für vier Cents erhält ein Privatunternehmer ein Monument, das Italien verkörpert. Und er kann es nun für Werbung und andere kommerzielle Zwecke verwenden. So wurde es vereinbart, wir haben den Vertrag gelesen. Die Markenrechte der Stiftung “Freunde des Colosseums” können an Privatunternehmer abgegeben werden, und für die wäre das Colosseum Gold wert, aber sie erhalten es für vier Cents, das ist unannehmbar.”

Ein weiteres, äußerst schwerwiegendes Problem für viele historische Bauten ist der Straßenverkehr. Der archäologische Bereich wurde zwar teilweise zur Fußgängerzone erklärt, aber es verkehren hier noch immer mehr als 2000 Autos täglich. Außerdem ist eine neue U-Bahn-Linie im Bau.  

Pompeji am Golf von Neapel hat ähnliche Probleme. In der Antike verbrachten die wohlhabendsten Bürger aus Rom hier gern ihre Ferien. Doch die Stadt am Vesuv mit damals 12.000 Einwohnern wurde im Jahre 79 durch einen verheerenden Ausbruch des Vulkans vernichtet.

Die archäologische Stätte steht seit 1997 auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes, aber sie scheint einem neuen Verfall preisgegeben zu sein. Im November 2000 brach das Haus der Gladiatoren zusammen. Das Desaster erregte weltweit Aufsehen, aber anscheinend hat sich dadurch nicht viel geändert. Erst kürzlich kam es zu einem Dammbruch, weil das Abwassersystem einen heftigen Regen nicht bewältigte. Zum Glück handelte es sich um einen modernen Damm, nicht um ein antikes Bauwerk. Derzeit hat noch kein Mäzen den Mut, sich hier zu engagieren. Daher hat sich die EU zum Handeln entschlossen. Für das “Großprojekt Pompeji” sind 105 Millionen Euro vorgesehen.

Die Chefarchäologin von Pompeji, Grete Stefani erwartet, dass die Arbeiten an einigen bedeutenden Häusern schon bald beginnen werden.  

“Das “Großprojekt Pompeji” ist für diese Stätte sehr wichtig. Die ganze archäologische Stätte kann dadurch abgesichert werden. Dann können wir mit den einzelnen Restaurierungen weitermachen, in den einzelnen Häusern, und so können wir in den kommenden Jahren die ganze Stadt absichern.”

In manchen Häusern ist die Restaurierung schon im Gange. Das Haus der vergoldeten Amoretten wird schon bald wieder für Besucher geöffnet. Rund 1500 Gebäude gibt es im archäologischen Bezirk von Pompeji. Doch von den rund einhundert wichtigsten Gebäuden sind mehr als zwanzig geschlosssen – wegen Restaurierungsarbeiten, oder weil ihr Betreten gefährlich wäre. Fünfzehn Gebäude werden abwechelnd geöffnet. Der Grund sei Personalmangel, sagt Carmela Mazza, Architektin des Technischen Büros von Pompeji.  

“Früher bestand unser Technisches Büro hier in Pompeji aus Architekten, Landvermessern, Assistenten und anderen Fachkräften. Das Büro hatte rund dreißig Mitarbeiter. Inzwischen ist das Personal auf weniger als die Hälfte abgebaut worden.”  

Die Hälfte der 66 Hektar großen Anlage ist der Öffentlichkeit zugänglich, und täglich kommen etwa 10.000 Besucher. Doch es sind nicht mehr als 30 Aufseher zugleich im Einsatz. Wer in Rente geht, wird nicht ersetzt. Unter solchen Verhältnissen ist es nicht leicht, die archäologische Stätte zu schützen, und es überrascht nicht, dass immer mehr Mauern einstürzen und alter Stuck abfällt. Auch das “Großprojekt Pompeji” könne da keine Abhilfe schaffen, sagt der Architekt Antonio Irlando, Vorsitzender einer unabhängigen Organisation, die die Verhältnisse in Pompei beobachtet.

“Wieder einmal werden sehr sichtbare Projekte eingeleitet, aber wahrscheinlich geht es wieder nur darum, dass man sagen kann: Ich habe Pompeji gerettet. So haben sie sich immer wieder zum Retter erklärt, die Regierungen und Minister, die im Laufe der Zeit im Amt waren.”  

Unsere Reise endet in Oplontis nahe Pompeji. Für die Stadt der Poppea käme Hilfe vielleicht schon zu spät. Sie ist schwer zu erreichen, und wir begegnen keinem Touristen. Es gibt keinen Wegweiser zur historischen Stätte, zum großartige dekorierten Ferienhaus der zweiten Ehefrau des Kaisers Nero. Beim Anblick der Fresken kann man die einstige Pracht noch erahnen, aber ganz einfach ist das nicht: Die Beleuchtung ist defekt – seit Jahren schon, sagt die Aufseherin. Repariert wird nicht. Einige Dekorationen werden gerade restauriert. Aber nebenan läuft Wasser vom Dach. Die Arbeit wird wohl nicht lange halten.

Euronews kann nicht mehr über Internet Explorer abgerufen werden. Der Browser wird von Microsoft nicht aktualisiert und unterstützt die neuesten technischen Entwicklungen nicht. Wir empfehlen Ihnen, einen anderen Browser wie Edge, Safari, Google Chrome oder Mozilla Firefox zu benutzen.