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VW: Razzia in Deutschland, "maxima culpa" in Washington

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VW: Razzia in Deutschland, "maxima culpa" in Washington

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Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig in Niedersachsen Büros von Volkswagen und Wohnungen von Mitarbeitern durchsucht. Dabei wurden Unterlagen und Computer sichergestellt – mit Blick auf «in Betracht kommende Straftatbestände» bei der Manipulation der Abgaswerte von Dieselfahrzeugen, so eine Sprecherin.

Man muss aufpassen, nicht die ganze Industrie in Deutschland oder gar Europa zu schädigen

VW selbst hatte am 23. September Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

Unter Eid stand US-VW-Chef Michael Horn vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses in den USA Rede und Antwort:

“Ich möchte mich aufrichtig entschuldigen für die Verwendung eines Software-Programms bei Volkswagen, das dazu diente, die Abgastests auszuhebeln. Diese Ereignisse sind zutiefst beunruhigend. Ich hätte nicht gedacht, dass im Volkswagen- Konzern so etwas möglich ist. Wir haben das Vertrauen unserer Kunden und Händler gebrochen, der Mitarbeiter, der Öffentlichkeit und der Aufsichtsbehörden.”

Europas größter Autokonzern hatte vor drei Wochen eingeräumt, in Dieselfahrzeuge ein Computerprogramm eingebaut zu haben, mit dem die Abgaswerte manipuliert werden können. Von den weltweit rund elf Millionen betroffenen Fahrzeugen sind laut VW etwa acht Millionen in der EU zugelassen, davon 2,8 Millionen in Deutschland.

VW räumte inzwischen ein, die Steuerung zahlreicher Fahrzeuge mit dem Dieselmotor EA 189 könne nicht nur den amerikanischen Abgastest erkennen, sondern auch den europäischen Prüfzyklus NEFZ. Dies berichteten Medien (NDR, WDR und «Süddeutsche Zeitung»).

VW plant für die betroffenen Fahrzeuge je nach Motorvariante
unterschiedliche Lösungen und will vor dem Rückruf von Millionen
Autos zunächst «intensive Qualitätstests» vornehmen, wie es in
Konzernkreisen hieß. Die Rückrufe sollen im Januar 2016 beginnen und Ende des Jahres beendet sein. Dem Konzern
drohen Strafzahlungen und Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe.

Die Firma müsse alles aufklären, so Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Er warnte aber davor, übers Ziel hinauszuschießen. «Über 70.000 Arbeitsplätze hängen an der modernen Dieseltechnologie», sagte er. «Ich kann nur dazu raten, jetzt nicht eine allgemeine Debatte über die Autoindustrie in Deutschland zu führen.» Beim aktuellen Skandal gehe es «um ein strafwürdiges Verhalten von einem Unternehmen. “Das ist schlimm genug, aber man muss aufpassen, nicht die ganze Industrie in Deutschland oder gar Europa zu schädigen.»

Die Aufdeckung wurde durch eine Notice of Violation der US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) angestoßen. Erste Hinweise auf eine Manipulation bei Volkswagen wurden von Peter Mock, Direktor des europäischen Ablegers des International Council on Clean Transportation (ICCT), an die US-amerikanische Mutterorganisation übermittelt. Deren in Berlin tätigen Forschern, darunter dem ehemaligen Abteilungsleiter des Bundesumweltamts Axel Friedrich, waren hohe Abgaswerte aufgefallen. In den USA stellte der ICCT dann in Zusammenarbeit mit der West Virginia University im Mai 2014 bei Abgasmessungen große Differenzen beim Stickoxidausstoß von Dieselfahrzeugen der VW-Gruppe fest.

Die führenden Wirtschaftsforschungs-Institute in Deutschland sehen im Abgas-Skandal bei Volkswagen eine Gefahr für den Aufschwung. Der Konzern stelle etwa zehn Millionen Fahrzeuge im Jahr her. “Das sind gigantische Zahlen. Wenn es da Schwierigkeiten gibt, dann hat das Konsequenzen”, sagte der Konjunkturchef des Berliner DIW-Instituts, Ferdinand Fichtner. Zwar dürfte der Skandal nicht direkt auf Produktion und Exporte durchschlagen. Da aber mit solchen Manipulationen erfahrungsgemäß ein Imageverlust verbunden sei, könne auch ein Schatten auf das Gütesiegel “Made in Germany” insgesamt fallen.

su mit Reuters, dpa