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Italien im Kampf gegen das Coronavirus zwischen Tod, Angst und Hoffnung

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Italien im Kampf gegen das Coronavirus zwischen Tod, Angst und Hoffnung
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Italien ist inzwischen das am stärksten vom Coronavirus betroffene Land weltweit und übertrifft die ohnehin schon hohen Zahlen Chinas. Italien in Zeiten der Coronakrise, Thema dieser Folge von Unreported Europe.

Im Rimini fahren Lautprecherwagen durch die menschenleeren Straßen. Die Durchsage lautet:

"Bleiben Sie zu Hause, beschränken Sie den Ausgang zum Einkauf für das Notwendigste und den Gang zur Apotheke. Die Einhaltung dieser Verordnung wird durch Polizeikontrollen überprüft."

Italien kämpft gegen das Coronavirus. Die Epidemie hat das Land stärker als China getroffen: Das öffentliche Leben steht still, landesweite Ausgangssperre, die Infektions- und Todeszahlen steigen rasant.

"Bleiben Sie zu Hause!"

Auch die stellvertretende Bürgermeisterin von Rimini Gloria Lisi ermahnt per Videobotschaft: "Verlassen Sie nicht das Haus, um eine Ansteckung zu vermeiden, sowie eine Überlastung der Krankenhäuser und vor allem der Intensivstationen."

"Es gibt nur Italien, Italien als Schutzzone."
Guiseppe Conte
Ministerpräsident Italiens

Ministerpräsident Guiseppe Conte schränkte die Bewegungsfreiheit in Italien am 9. März weiter ein und erklärte das ganze Land zur Sperrzone. Wenn nicht unbedingt nötig, sollen die Menschen ihre Häuser nicht verlassen: "Es wird keine rote Zone mehr geben, keine Zone eins und Zone zwei der Halbinsel. Es gibt nur Italien, Italien als Schutzzone."

Das ganze Land zur Sperrzone zu erklären, gilt als aussichtsreichste Maßnahme, um das Coronavirus zu stoppen: Euronews-Moderatorin Rosie Wright: "In Italien gibt es die meisten Fälle in Europa und die größte Zahl von Infektionen außerhalb Asiens", so euronews-Moderatorin Rosie Wright. Und euronews-Korrespondentin Giorgia Orlandi sagt: "Die Stimmung hier ist nicht gut, wie man sieht, sind die Straßen immer leerer und leerer."

Nicht nur ältere Menschen erkranken schwer

Es gibt die Auffassung, dass nur ältere Menschen schwer an Covid-19 erkranken: Der 41-jährige Gianni Zampino ist ein Gegenbeispiel:

"Ich habe das Virus nicht ernst genommen, das leider in meinen Körper eingedrungen ist und in der Zwischenzeit die liebste Person in meinem Leben getötet hat, meinen Vater. Alle sagen, dass dieses Virus eine normale Grippe ist. Ich kann Ihnen versichern, dass es sich nicht um eine normale Grippe handelt. Es dringt in Sie ein, es greift Sie an und befällt ihre Lungen."

Foto: euronews

Fakten & Zahlen

Über 246.000 Fälle sind laut der John Hopkins University weltweit bestätigt (Stand 20. März, 14 Uhr). Italien ist mit derzeit über 41.000 Fällen das am stärksten betroffene Land weltweit. Dort sind inzwischen über 3000 Menschen an Covid-19 gestoben. Das Virus breitet sich weiter aus.

Die Lombardei ist das Epizentrum

Der Gouverneur der italienischen Region Lombardei erklärte, dass die Einschränkungs-Maßnahmen verschärft werden könnten: "Leider nimmt die Zahl der Ansteckungen nicht ab, sie ist weiterhin hoch. Bald werden wir nicht mehr in der Lage sein, die Kranken entsprechend zu behandeln", so Attilio Fontana.

Die Region Lombardei ist am stärksten betroffen. Zuletzt gab es fast 1500 neue Fälle pro Tag und etwa 300 Todesopfer. Der Höhepunkt der Epidemie wird in den nächsten Wochen erwartet. Euronews sprach mit einer Ärztin vor Ort, die anonym bleiben will:

"Unsere Intensivstationen sind überfüllt. Wir wissen nicht mehr, wo wir Patienten unterbringen sollen. Wir schaffen neue Plätze in allen erdenklichen Bereichen unseres Krankenhauses. Die Routine-Operationssäle sind geschlossen, nur zwei arbeiten für Notfälle. Die anderen werden als Intensivstationen genutzt."

Besonders dramatisch ist die Situation in der Provinz Bergamo. Allein die Lokalzeitung "L'Eco di Bergamo" veröffentlichte zuletzt zehn Seiten Todesanzeigen mit jeweils rund 150 Namen, der Seitenumfang musste deshalb erhöht werden.

Für Beerdigungen gibt es Wartelisten, die Särge reihen sich in den überlasteten Krematorien. Zur Entlastung werden Särge mit Armeelastern nach Modena und Bologna gebracht: "Wir arbeiten rund um die Uhr. Wir haben sogar Bestattungsinstitute anderer Regionen um Unterstützung gebeten, sie kommen aus der Emilia Romagna, Trient, um zu helfen", erzählt der Bürgermeister von Bergamo Giorgio Gori.

Der italienische CNN-Reporter Tancredi Palmeri postet auf Twitter: "Für diese Bild gibt es keine Worte. Militärlastwagen in Bergamo transportieren Särge für die Einäscherung in andere Städte der Region Lombardei, da die Stadt und das Leichenschauhaus völlig überlastet sind."

Fallzahlen steigen

Auch in den angrenzenden Regionen Piemont und Venetien steigen die Fallzahlen. Turin und Venedig erwarten den Höhepunkt der Krise:

"Im Piemont wissen wir es noch nicht. Wir werden diese Woche sehen, ob die Fälle exponentiell ansteigen werden, wie in der Lombardei. Das würde bedeuten, dass wir in nur zehn Tagen in der gleichen Situation wären. Oder wir haben weiterhin einen linearen Anstieg wie jetzt, in denen die Zahl der intubierten Patienten um etwa 15-20 pro Tag zunimmt", so Marco Vergano, Anästhesist am Krankenhaus San Giovanni Bosco in Turin.

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Marco VerganoFoto: euronews

Katastrophale Arbeitsbedingungen für Ärzte

Die Arbeitsbedingungen der Ärzte sind katastrophal: Hunderte sind bereits infiziert, die Todesrate steigt. Manche arbeiten ohne Handschuhe, weil es keine mehr gibt:

"Ich habe Heldentaten bei einigen Kollegen gesehen und Geschichten von Ärzten gehört, die keinen Abstrich machen lassen wollen. Sie wollen nicht wissen, ob sie sich angesteckt haben, weil sie weiterhin infizierte Patienten betreuen und nicht zu Hause unter Quarantäne gestellt werden wollen", erzählt Marco Vergano.

Das Schlimmste sei es, Menschen in völliger Einsamkeit sterben zu sehen, weil man niemanden mehr in ihr Zimmer hineinlassen könne, weshalb man der letzte Mensch sei, die sie in ihrem Leben sehen, erzählt eine Ärztin anonym.

Und Covid-19-Patient Gianni Zampano mahnt: "Es ist kein Spiel, ich verbringe die Nächte an einem Beatmungsgerät. Ich kann nicht schlafen, mein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Ich wünsche niemanden das Leid, das ich gerade erlebe. Es ist wie in einem Horrorfilm, aber leider ist es keiner."

Italien angesichts der Krise vereint und voller Hoffnung

Italien hat sich angesichts der Coronakrise zusammengeschlossen: Institutionen, Mitarbeiter im Gesundheitswesen sowie die gesamte Bevölkerung vereinigen sich unter dem Motto: "Wir schaffen das!"

Im euronews-Interview sagt der ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Monti: "Ich war erst zwei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg vorbei war. So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Aber überall wurden gute Alternativen geschaffen: Maßnahmen wie Online-Unterricht zeigen wirklich einen Grad der Mobilisierung einer eher unbeweglichen Gesellschaft, der bemerkenswert ist."

Die italienische Regierung hat die Ausgangssperre bis zum 3. April verlängert. Die Italiener passen sich an: "Nach der ersten Verunsicherung sind wir jetzt in der Phase der Reorganisation: Querdenken ist angesagt, leben wir es als eine Chance, mit den Kindern zusammen zu sein, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen", so Serena Vella aus Genua.

Foto: euronews
Serena VellaFoto: euronews

Auch unter diesen Umständen verlieren die Italiener nicht die Zuversicht und sie haben Wege gefunden, sie auszudrücken - nach dem Motto: "Auch wir sind dabei, wir werden es schaffen!"

Foto: euronews
Foto: euronews