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Flugärger in Coronazeiten: Wer bezahlt die Rechnung?

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Flugärger in Coronazeiten: Wer bezahlt die Rechnung?
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Der Himmel über Europa sieht düster aus, wegen Covid-19. Die Luftfahrtbranche steht vor einem brutalen Kampf um Marktanteile. Welche Folgen hat das für das Personal? Thema in dieser Folge von Unreported Europe.

Corona bringt die Luftfahrtindustrie ins Trudeln

Die Coronakrise hat die Luftfahrtindustrie ins Trudeln gebracht. Air France, Lufthansa und British Airways wollen Zehntausende Arbeitsplätze abbauen. Auch Billigfluganbieter wie EasyJet und Ryanair planen Tausende Jobs zu streichen. Gleichzeitig sollen Gehaltskürzungen durchgesetzt werden. Das soziale Klima verschlechtert sich drastisch.

Nach Angaben der Deutschen Lufthansa müssen möglicherweise 22.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. British Airways kündigt einen Abbau von 12.000, Air Canada von 19.000, Air France einen Abbau bis zu 10.000 Stellen an.

"Der Himmel über Europa sieht düster aus, wegen Covid-19", sagt euronews-Reporter Hans von der Brelie. "Es steht ein brutaler Machtkampf um Marktanteile bevor. Schon jetzt wird massiv Druck ausgeübt auf das Personal mancher Billigfluganbieter. Dafür gibt es ein Wort: Sozialdumping."

In Frankfurt am Main sprachen wir mit Francesca Rinaldi. Bei Verhandlungen sitzt die Flugbegleiterin bei Ryanair Deutschland mit am Tisch, sie ist Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Das Kabinenpersonal schiebt Panik, der Verdienst liegt zwischen 1200 und 2200 Euro netto im Monat. Jetzt sollen zehn Prozent davon gekürzt werden, bei den Flugbegleitern. Und 20 Prozent bei den Piloten.

Wird jetzt weiter gekürzt?

Eine Chefstewardess wie Rinaldi verdient in der Regel zwischen 1800 und 2200 Euro/netto pro Monat - Anfänger bekommen fallweise nur 1.200 Euro/netto. Während des Shutdowns mussten die am Boden gebliebenen Ryanair-Kabinenbesatzungen in Deutschland mit etwa 600 bis 1000 Euro ihren Lebensunterhalt bestreiten. Es ist schwierig, über die Runden zu kommen, wenn die Monatsmiete in teuren Städten wie Frankfurt/Main selbst in Billiggegenden etwa 600 Euro/Monat beträgt. Im März, April und Mai erhielten die Flugbegleiter, die wegen COVID-19 am Boden bleiben mussten, das deutsche Kurzarbeitergeld aus dem offiziellen Sozialhilfesystem, etwa 500 bis 750 Euro, ergänzt durch 250 Euro, die von Ryanair gezahlt wurden.

Gestrandet im Irgendwo: Wochenlang nur Nudeln

Doch es gab zahlreiche Unregelmäßigkeiten, bei einigen Kollegen kam das Geld zu spät oder nur teilweise an. Viele der Betroffenen haben Angst, vor laufender Kamera auszusagen, doch Euronews liegen glaubhafte Berichte von direkt Betroffenen vor, denen nicht genug Geld für eine ausgewogene Ernährung blieb: "Ich habe wochenlang nur Nudeln gegessen, das war am Billigsten."

Hinzu kommt noch etwas: Da Ryanair gerne und häufig mit befristeten Verträgen arbeitet, endeten auch während der Covid-Krise zahlreiche Vertragsverhältnisse. Da diese aber nicht verlängert wurden, saßen und sitzen die plötzlich arbeitslos gewordenen Ex-Flugbegleiter irgendwo in Europa, fernab der Heimat, fest, gestrandet in der Fremde. "Bei unseren geringen Verdiensten können wir keine Reserven bilden, nichts sparen", berichtet uns eine interne Ryanair-Quelle, "Kollegen stranden mittellos in einer fremden Stadt, einem fremden Land, ohne Geld, ohne Hilfe".

Grenzenlos: Zusammenarbeit der Gewerkschaften

Eine der wenigen Ryanair-Mitarbeiter, die offen die Missstände anprangern, ist Francesca Rinaldi. Auch sie zögerte zunächst, offen oder anonym auszusagen (ein Angebot, das Euronews regelmäßig bei sensiblen Themen macht, um zu vermeiden, dass Zeugen aufgrund ihrer Aussage Nachteile entstehen). Doch als ver.di-Mitglied fühlt sich Rinaldi relativ sicher, so lud sie schließlich das Euronews-Team nach Frankfurt/Main ein, wo wir einen ganzen Tag mit ihr verbrachten, über Ängste und Sorgen sprachen, uns die technischen Seiten des Problems erklären ließen und einen seltenen Einblick bekamen, wie sich Gewerkschaften in Europa auch über Landesgrenzen hinweg vernetzen und miteinander arbeiten.

Täglich spricht sich Rinaldi über eine Gruppenschalte per Video intensiv und detailliert mit Gewerkschafts-Kollegen in ganz Europa ab: Pünktlich zur Mittagszeit teilt sich Rinaldis Bildschirm in Dutzende kleine Porträt-Quadrate, hier sind sie alle beiander, Seite an Seite, die gewerkschaftlich organisierten Flugbegleiter und Verhandlungsführer in Spanien, Frankreich, Polen, Belgien, Großbritannien, Deutschland... Von ihrem französischen Kollegen will Rinaldi wissen, wie die Lage in Frankreich ist:

"In Frankreich schlägt die Fluggesellschaft eine zehnprozentige Lohnkürzung vor, auch die garantierten Arbeitszeiten sollen reduziert werden", erzählt Damien Mourgues, Ryanair-Flugbegleiter und SNPNC-FO-Gewerkschaftsmitglied. "Damit wären wir bei 900 Euro netto - also an der Armutsgrenze. Das ist Erpressung, denn in dem Vorschlag wird klargemacht, dass die Fluggesellschaft (hier in Frankreich) zu viel Kabinenpersonal hat: Wenn wir den Vorschlag ablehnen sollten, dann werde man sich von 27 Kollegen trennen."

Hilferuf aus Spanien: Das ist ein Diktat

Anschließend bespricht sich Rinaldi mit ihrem spanischen Kollegen Gustavo Silva, auch er ein gewerkschaftlich organisierter Flugbegleiter. Sie erzählt ihm:

"Hier in Deutschland werden wir sowohl indirekt als auch recht explizit bedroht. 571 der insgesamt 940 Flugbegleiter seien überflüssig. Sie wollen fast 60 Prozent des Kabinenpersonals hier in Deutschland loswerden. Mich interessiert: Wie sieht es in Spanien aus? Werdet ihr erpresst oder bedroht?"

Gustavo Silva antwortet über Video: "Ryanair sagt: entweder ihr unterschreibt, oder es werden 351 Flugbegleiter gefeuert. Das hat nichts mit verhandeln zu tun. Das ist ein Diktat. Gleichzeitig geht es mit den Arbeitsbedingungen weiter bergab. Das ist Sozialdumping, das ist DAS perfekte Beispiel für Sozialdumping. - Eine unterbezahlte Kollegin musste mit ihrem Kind neulich beim Roten Kreuz um Essen bitten, es bleibt uns manchmal so wenig Geld, dass es noch nicht einmal zehn Tage im Monat reicht."

Harte Realität der Billigflugwelt

Während wir mit Rinaldi zur Spotter-Plattform am Frankfurter Flughafen gehen, erhält sie schlechte Nachrichten aus Prag: Dort hat die Billigfluggesellschaft soeben das Führungstrio des tschechischen Verhandlungsteams vor die Tür gesetzt. Drei von Rinaldis Gewerkschaftskollegen in der Tschechei sind nun arbeitslos.

Auf einmal wirkt Rinaldis Blick leer, für einen Moment sieht die junge Frau erschöpft aus, fast entmutigt. Am anderen Ende des Flugfeldes stehen die geparkten Riesenvögel der Lufthansa, hinter uns fliegt dröhnend eine dicke Frachtmaschine aus Asien ein, auf dem Spotter-Fernrohr zittern einige Regentropfen, die Luft ist kühl.

Ein Tag nach Gewerkschaftsgründung: Entlassungen

Ryanair ist dafür bekannt, mit Gewerkschaften nicht gerade behutsam umzugehen, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Die Nachricht aus der Tschechischen Republik belegt dies erneut. Erst in diesem Frühjahr organisierten sich dort einige Ryanair-Mitarbeiter, gründeten eine Gewerkschaft, teilten dies ihrem Arbeitgeber mit. Dieser reagierte sofort: Keine 24 Stunden später hatten die drei Verhandlungsführer ihr Entlassungsschreiben in der Hand.

Rinaldi fasst sich wieder, gibt sich kämpferisch: "Alle Fluglinien sind in der Krise und verhandeln nun. Wenn Ryanair jetzt erneut mit seinem Sozialdumping durchkommt, wie bereits in den Neunziger Jahren, dann bekämen all die anderen Fluglinien quasi grünes Licht, erneut das Ryanair-Modell zu kopieren. Wäre ja nicht das erste Mal. Und das müssen wir unter allen Umständen verhindern. Darum geht es in unserem Kampf."

Wiederholt hat Euronews Ryanair um einen Interview-Termin gebeten. Der wurde verweigert. Obwohl wir ein Drehteam in Irland - dort hat die Fluggesellschaft ihren Sitz - in Bereitschaft hatten. Auch eine zweite Anfrage (mit dem Angebot, sich an einem beliebigen Ort "irgendwo in Europa" zu treffen) wurde abgelehnt. Wie auch ein drittes Angebot, einem Top-Manager per Direktschalte Sendezeit einzuräumen, um zu den Vorwürfen im Rahmen eines Studiogesprächs Stellung zu beziehen. Unsere letztendliche Bitte um eine schriftliche Stellungnahme blieb bis zum Ausstrahlungstermin unbeantwortet.

Spaziergang am Main-Ufer

Es ist einer dieser grau verhangenen Tage im Rhein-Main-Gebiet. Flugbegleiterin Rinaldi hat sich eine solide Jacke übergezogen. Wir unternehmen einen Spaziergang entlang des Main-Ufers, Jogger kommen uns entgegen, Familienväter mit Kinderwagen, viele Radfahrer. Rinaldi kommt ins Erzählen, taucht ein in die Welt ihrer Kindheit, die sie in Salerno verbracht hat: Pompei liegt um die Ecke, nach Neapel ist es auch nicht weit, weiter südlich Paestum, draußen im Meer die Insel Capri.

Euronews: "Fliegen - war das ihr Lebenstraum?"

Francesca Rinaldi: "Ja genau. Schon als Kind habe ich vom Fliegen geträumt. Ich bin die jüngste von fünf Schwestern und in einer etwas altmodischen Familie im Süden Italiens aufgewachsen. Ich wollte frei sein, reisen."

Für die Eltern war das ein Schock, eine Frau unterwegs, noch dazu alleine, das entsprach nicht der Familientradition. Aber Francesca blieb stur, sie wollte die Welt erkunden - und tat es auch, arbeitete in Berlin, lebte einige Zeit in Spanien, in Frankreich. Dann sah sie eines Tages diese Anzeige von Ryanair: Wir suchen Flugbegleiter. Ihr Herz schlug schneller. Gilt die mir, diese Anzeige, kann ich mich darauf bewerben?, fragt sie sich insgeheim. Zunächst versuchte sie die Idee zu verdrängen, traute sich den Sprung in die Luft nicht zu. Dann begann sie nachzudenken: Ich bin jung, spreche fließend mehrere Sprachen Europas, bin flexibel und flugbegeistert - genau diesen Job will ich. Sie bewarb sich. Wurde genommen. Freute sich unbändig. Ein Traum war Wirklichkeit geworden.

Ein Traum zerbricht

Doch dieser Traum der grenzenlosen Freiheit, des Umherbummelns von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, dieser Traum des Suchens und Ankommens, des Erkundens und immerwährenden Reisens, dieser Lebenstraum zerbrach an der harten Realität der Billigflugwelt.

Wir setzen uns auf eine der vielen Holzbänke am Main-Ufer. Wir sind als Dreierteam unterwegs, Jochen baut seine große Kamera auf (Danke für die guten Bilder, Jochen!), Ly regelt ihre Mikrofone (Danke für den tollen Ton, Ly!), Hans hantiert an seiner MoJo-Ausrüstung herum.

Euronews: "Welche Folgen hat dieser ständige Druck für Sie und Ihre Kollegen?"

Francesca Rinaldi: "Da ist die Angst, gefeuert zu werden. Da ist die Angst, dass das Geld nicht bis zum Monatsende reicht. Wir werden aus dem inneren Gleichgewicht gebracht, können nicht mehr schlafen, einige Kollegen gehen zum Psychologen. Das sind Menschen, die für 189 Fluggäste verantwortlich sind. Klar, das kann ein Sicherheitsrisiko werden."

Passagiere werden abgefertigt

In Bad Honnef spricht der euronews-Reporter mit Passagieren. Auch sie leiden unter dem Covid-Chaos: Fluggäste bekommen bei stornierten Flügen oft ihr Geld nicht zurück, die Gesellschaften berufen sich auf Ausnahmeklauseln oder spielen auf Zeit. Basti und Binoj wollen sich das nicht gefallen lassen:

"Ich denke auch es war gut, dass wir das nicht einfach so hingenommen haben, als wie das Ryanair-Anschreiben bekommen haben, das ist genau das, worauf die pochen, dass die Leute nach einer Absage aufgeben", meint Sebastian Vögel.

Binoj Puthuvaparambil ergänzt: "Richtig, und das muss nicht sein."

Die beiden kennen sich seit dem Kindergarten. Zusammen mit Freunden wollten sie wieder einmal nach Mallorca. Mit einem Billigflieger. Basti buchte. Für alle. Doch statt Ostern auf der Sonneninsel zu genießen, so wie im vergangenen Jahr, rennen die sechs Freunde nun ihrem Geld hinterher. Binoj Puthuvaparambil will wissen:

"Tja Basti, jetzt, da wo unser Mallorca-Urlaub ins Wasser gefallen ist, dank Corona, stellt sich jetzt nur noch die Frage: Wie kriegen wir unser Geld für die Flüge wieder, das sind immerhin knapp 1700 Euro, die wir in der Truppe bezahlt haben. Wir brauchen natürlich das Geld wieder."

Sebastian Vögel zählt auf, was er bisher alles gemacht hat: "Ich habe mehrere Anträge gestellt: zwei Anträge für den Hinflug, beide wurden abgelehnt, beziehungsweise mir wurde nur ein zu niedriger Gutschein versprochen. Und für den Rückflug habe ich bezüglich meiner Erstattung noch gar nichts gehört. 84 Prozent der Ryanairkunden warten genauso wie wir auf das Geld von den gestrichenen Flügen."

Puthuvaparambil meint: "Das ist keine Form, wie man mit Kunden umzugehen hat. Würden sich andere Unternehmen so benehmen, wären die recht schnell ihre Kunden los und dementsprechend pleite."

Die Flugärger-App ist beliebt

Die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen. Hier in Düsseldorf haben Anke Hering und Beate Wagner die "Flugärger-App" entwickelt. Dank Covid-19 ist die auf einmal richtig beliebt. Täglich gibt es 600 Downloads. Sogar die Europäische Kommission hat schon Interesse gezeigt, allerdings existiert die App bislang nur auf Deutsch.

"Wir haben jetzt das Problem, dass die Leute haufenweise vor stornierten Flügen sitzen. Sie bekommen von der Airline die Nachricht: Ihr Flug wurde storniert, hier haben sie einen Gutschein. Die Leute wollen aber keinen Gutschein. Die brauchen ihr Geld zurück. Es ist ja eigentlich so, dass innerhalb von sieben Tagen der Ticketpreis zurückgezahlt werden muss", erzählt Anke Hering, Beraterin der NRW-Verbraucherschutzzentrale. "Dann ist es auch nicht immer so ganz einfach, die Kontaktdaten der Airlines zu finden, die werden nämlich manchmal ganz gut versteckt und die Leute suchen und suchen und suchen und finden keine Adresse. Mit der App ist es so, die erzeugt einen Musterbrief direkt auf Englisch oder auf Deutsch, dann wird der automatisch abgeschickt, die Adresse ist ergänzt."

Beate Wagner, Anwältin bei der NRW-Verbraucherschutzzentrale, erklärt:

"Sobald die EU-Fluggastrechteverordnung zur Anwendung kommt, das ist zum Beispiel bei allen Flügen, die in einem EU-Mitgliedstaat starten, der Fall, ist die Rechtslage ganz eindeutig: Bei annullierten Flügen hat der Fluggast die Wahl zwischen der Erstattung des Flugpreises, der vollständigen Erstattung und einer anderweitigen Beförderung, das heißt, er darf sich entscheiden, ich hätte gerne mein Geld zurück oder ich fliege zu einem späteren Zeitpunkt."

Das Problem nicht rückerstatteter Tickets tritt nicht nur bei Billigfliegern auf, auch einige nationale Fluggesellschaften verhalten sich schlecht. Leere Terminals, finanzielle Verluste. Wer wird die Covid-Rechnung bezahlen? Werden es die Kabinenbesatzungen und die Kunden der Fluggesellschaften sein? Werden es die Unternehmen sein? Am Ende könnte es der Steuerzahler sein - schon jetzt fließen Milliardenhilfen.

Journalist • Hans von der Brelie

Cutter • Sebastien Leroy

Weitere Quellen • Kamera: Jochen Hasmanis; MoJo-Kamera: Hans von der Brelie, Ton: Ly Berheide: Produktion: Céline Guillermin, Evgeniya Rudenko; Leitung: Jeremy Wilks, Sophie Claudet