Lebensmittelpreise: Teuerung geht seit dem Höchststand 2023 deutlich zurück, doch Supermarktpreise liegen noch fast ein Drittel über dem Vorkrisenniveau – aus strukturellen Gründen.
Die Inflation ist gesunken, die Europäische Zentralbank ist weitgehend zufrieden, und die Folgewirkungen des Irankriegs hat man vorerst größtenteils im Griff. Trotzdem fühlt sich der Gang in den Supermarkt noch immer an wie ein kleiner Akt der finanziellen Selbstschädigung.
Die kurze Antwort: Eine niedrigere Inflation heißt nicht automatisch, dass Lebensmittel wieder billiger werden. Sie bedeutet nur, dass die Preise langsamer steigen als zuvor. Der Schaden durch den heftigsten Lebensmittelpreisschock seit einer Generation ist aber bereits angerichtet, und dieser Effekt wird so bald nicht verschwinden.
1. Das Preisniveau ist nicht gesunken, es rennt nur nicht mehr davon
Hier zeigt sich der Trick der Inflationsstatistik. Wenn Analysten sagen, die Lebensmittelinflation sei „auf 2,8 % gefallen“, meinen sie: Lebensmittel verteuern sich langsamer, nicht dass sie billiger werden. Sinkt die Inflation, drehen sich die Preise nicht um, sie klettern nur nicht mehr so schnell. Der Berg bleibt, auch wenn der Aufstieg flacher wird.
In der gesamten EU verzeichneten Lebensmittel und alkoholfreie Getränke in den vergangenen zehn Jahren den stärksten kumulierten Preisanstieg aller Verbraucherkategorien. Zwischen 2016 und 2025 legten sie laut den harmonisierten Inflationsdaten von Eurostat um 33,2 % zu, stärker als Energie, Dienstleistungen oder jeder andere Posten im Warenkorb.
Global gesehen lagen die Lebensmittelpreise laut OECD-Daten Mitte 2025 fast 46 % höher als im Dezember 2019. Für diesen Sprung brauchte es nur sechs Jahre. Vor der Pandemie dauerte ein ähnlicher Anstieg rund 16 Jahre.
Auch die Psychologie spielt eine Rolle. Die Umfrage zu den Verbrauchererwartungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt: Lebensmittelpreise prägen das allgemeine Inflationsgefühl überproportional stark. Menschen kaufen häufig ein, Lebensmittel verschlingen einen großen Teil des Budgets, und es gibt nur begrenzte Ausweichmöglichkeiten.
Nach EZB-Angaben sorgt sich inzwischen rund jeder dritte Verbraucher im Euroraum, ob er sich die gewünschten Lebensmittel noch leisten kann.
2. Löhne steigen: Am Ende zahlen Sie mit
Nachdem sich Energie- und Lieferkettenkosten stabilisiert hatten, kam ein neuer Druckfaktor hinzu: die Arbeit. Entlang der gesamten Lebensmittelkette – von Erntehelfern über Fabrikbelegschaften und Logistik bis zur Kasse – sind die Löhne gestiegen.
Im Grundsatz ist das positiv. Doch höhere Löhne kosten Geld, und dieses Geld taucht am Ende auf dem Kassenzettel auf.
Untersuchungen der EZB zu den Treibern der Lebensmittelpreise im Euroraum zeigen, wie stark der Effekt ist. Die Löhne in der Landwirtschaft stiegen 2022 um 6,2 % gegenüber dem Vorjahr und 2023 erneut um mehr als 5 %.
In Transport und Lagerung, einem zentralen Glied auf dem Weg ins Supermarktregal, erhöhten sich die Löhne 2022 um 4,3 % und in den ersten drei Quartalen 2023 um 6,3 %. In der Lebensmittelindustrie machen Arbeitskosten laut ING Research typischerweise 10–15 % der Gesamtkosten aus.
Europaweit stiegen die Arbeitskosten 2025 im Schnitt um 5,1 % und lagen damit weiterhin über der Lebensmittelinflation, so der Bericht „State of Grocery Europe 2026“ von McKinsey.
In Deutschland legten die Löhne um 4,0 % zu, die Lebensmittelpreise nur um 2,2 %. Der Handel schluckte also einen Teil der Differenz, aber eben nur einen Teil.
Der Lohnindikator der EZB geht davon aus, dass das Wachstum der Tariflöhne bis 2026 bei rund 2,6 % verharrt. Der strukturelle Druck bleibt damit bestehen, auch wenn er etwas nachlässt.
3. Kosten an der Quelle steigen erneut, Regale hinken hinterher
Kaum beruhigten sich die Rohstoffmärkte, trafen neue Schocks. Laut den Agrarpreisdaten von Eurostat für das erste Quartal 2025 verteuerte sich Milch im Jahresvergleich um 12,6 %, Eier um 10,7 % und Getreide um 9,6 %.
Das sind Vorleistungen, die erst mit Verzögerung im Supermarkt ankommen. Parallel dazu stiegen 2025 bei 64 erfassten Lebensmitteln in der EU alle bis auf acht im Preis. Schokolade verteuerte sich um 17,8 %, Tiefkühlobst um 13 %, Rind- und Kalbfleisch um 10 %.
In fünf EU-Staaten kletterten Eierpreise um 20 % oder mehr, darunter um 29 % in Tschechien und 27 % in der Slowakei.
Weiter hinten in der Lieferkette baut sich erneut Druck auf. Das „Food Security Update“ der Weltbank vom April 2026 meldete einen fast 46-prozentigen Anstieg beim Dünger Harnstoff innerhalb eines Monats, ausgelöst durch Verwerfungen an den Energiemärkten infolge des Konflikts im Nahen Osten.
Die EZB verweist ausdrücklich auf „verzögerte Effekte früherer Preisanstiege bei internationalen Agrarrohstoffen“ als Grund dafür, dass die Lebensmittelinflation bis 2027 erhöht bleiben dürfte. Ihre Prognosen sehen sie in diesem Zeitraum „etwas über 2 %“.
Zwischen höheren Kosten für Landwirte und höheren Preisen im Laden vergehen oft Monate. Preisschocks am Hoftor im Frühjahr schlagen bei den Verbrauchern regelmäßig erst im Herbst durch.
4. Supermärkte machen keine Extraprofite, geben Kosten aber weiter
Die Versuchung, alles der Gier großer Konzerne anzulasten, ist nachvollziehbar und politisch attraktiv. Sie hält einer genaueren Prüfung jedoch nicht immer stand.
Eine im Januar 2025 veröffentlichte, begutachtete Studie hat fast 89.000 europäische Hersteller von Lebensmitteln und Getränken im Zeitraum 2013 bis 2022 untersucht. Ergebnis: Die Preisaufschläge, also die Spanne über den Grenzkosten, sind in diesem Zeitraum sogar gesunken.
In der Lebensmittelbranche lagen die durchschnittlichen EBIT-Margen laut McKinseys Europa-Bericht 2026 nur bei 2,8 %. Die Autoren sprechen von einer „Atempause, nicht von einer Erholung“ nach Jahren des Margendrucks. Auch S&P Global kommt zu dem Schluss, dass mehr als die Hälfte der bewerteten europäischen Händler ihre Gewinnspannen aus der Zeit vor der Pandemie selbst bis 2025 nicht wieder erreichen dürfte.
Das sind keine Branchen, die im Geld schwimmen, sondern Sektoren mit sehr dünnen Pufferzonen. Steigen die Kosten – durch Löhne, Energie, strengere Verpackungsregeln oder teurere Agrarrohstoffe –, bleibt kaum ein anderer Ausweg, als die Preise anzuheben. Die Frage lautet daher selten, ob die Kosten weitergereicht werden, sondern nur, wie schnell.
5. EU-Durchschnitt verschleiert härtere Realität im Osten
Ein gesamteuropäischer Wert von rund 2,8 % Lebensmittelinflation im Jahr 2025 klingt beherrschbar – zumindest für Menschen in Paris oder Rom. In Bukarest oder Tallinn sieht die Lage deutlich düsterer aus.
Frankreich verzeichnete 2025 bei Lebensmitteln nur 0,7 % Inflation, Rumänien 6,7 %. Solche Jahresraten zeigen jedoch nur die Veränderung. Mehr über das tatsächliche Niveau sagt der von Eurostat berechnete HVPI-Lebensmittelindex, der die Preisentwicklung seit 2015 kumuliert.
In Ungarn steht dieser Index bei 204,56: Lebensmittel kosten dort also mehr als doppelt so viel wie 2015. Estland liegt bei 180, Litauen bei 177, Polen bei 174. Frankreich kommt demgegenüber auf 135.
Besonders hart trifft das, dass Lebensmittel in Osteuropa einen deutlich größeren Anteil am Haushaltsbudget ausmachen als in Westeuropa.
In Rumänien geben Haushalte laut Eurostat rund 25 % ihres Einkommens für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke aus. In Bulgarien sind es etwa 21 %, in Lettland 20 %.
In Deutschland liegt der Anteil bei 11,5 %, in Luxemburg bei 9,3 %, in den Niederlanden bei 11,7 %.
Ein Land, in dem Lebensmittel das 2,5-Fache von 2015 kosten und ein Viertel des Haushaltseinkommens für den Einkauf draufgeht, erlebt eine völlig andere Realität als Frankreich – selbst wenn beide offiziell Teil desselben Währungsraums sind, in dem die EZB eine Inflationsrate von etwa 2 % anstrebt.