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3 Jahre nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia: Der Kampf um die Wahrheit geht weiter

Menschen halten Fotos der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Protest gegen Premier Muscat in die Höhe, 29.11.2019
Menschen halten Fotos der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Protest gegen Premier Muscat in die Höhe, 29.11.2019   -   Copyright  Rene Rossignaud/AP
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Es ist genau drei Jahre her, dass die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia getötet wurde, als eine Bombe unter ihrem Auto per Fernzündung explodierte.

Ihr gewaltsamer Tod am 16. Oktober 2017 auf einer ruhigen Landstraße in Malta schockte das Land, in dem weniger als eine halbe Million Menschen wohnen. Es hagelte internationale Kritik.

"Wir wussten sofort, dass viel mehr dahinter steckte als sich andere Menschen vorgestellt hatten. Es war keine beliebige Person, die sich rächte", sagt Corinne Vella, die Schwester von Caruana Galizia, in einem Interview mit Euronews anlässlich des Todestags.

"Wenn Sie das tun wollten, würden Sie eine ganz andere Methode wählen. Das war ein extremer Akt der Straflosigkeit und er fand am helllichten Tag statt", so Vella.

Drei Jahre später sucht ihre Familie immer noch nach Antworten darauf, wer den Mord ausgeführt hat - und wer ihn befohlen hat. Es hat Festnahmen gegeben - einschließlich der Verhaftung des Geschäftsmannes Yorgen Fenech im November 2019, den die Polizei für den Drahtzieher des Mordes hält - aber bisher keine strafrechtliche Verfolgung. Das Streben nach Gerechtigkeit ist zu einem zermürbenden Krieg geworden.

"Er wird nicht kampflos ausgetragen werden. Das ist etwas, dessen wir uns sicher sind. Wir können uns nicht einfach zurücklehnen und darauf warten, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird", sagt Vella. "Wenn es so einfach wäre, wäre Daphne gar nicht erst getötet worden."

Eine "Wikileaks-Frau"

Caruana Galizia berichtet über angebliche Schwarzgeld-Skandale, organisiertes Verbrechen und Korruption in höchsten Regierungskreisen des kleinen Inselstaates im Mittelmeer. Ihr investigativer Journalismus brachte ihr den Beinamen "Frau WikiLeaks" ein, doch er brachte ihr auch mächtige Feinde und setzte sie Gefahren aus.

Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte sie über 40 Verleumdungsklagen am Hals. Sie war zweimal verhaftet worden. War Caruana Galizia beunruhigt über die ständigen Einschüchterungen, Rechtsstreitigkeiten und Verhaftungsdrohungen und körperlicher Verletzung, denen sie ausgesetzt war?

"Berichten ist ein Zwang. Man kann einen Journalisten ebenso wenig vom Journalismus fernhalten wie einen Pianisten von einem Klavier. Irgendwann werden Sie spielen wollen, Sie werden schreiben wollen. Egal, was passiert, dieser Instinkt ist da, und Sie werden versuchen, ihn durchzusetzen", sagte Vella.

John Borg/Image by John Borg
Menschen gedenken Daphne Caruana Galizia am 1. Todestag, 16.10.2019John Borg/Image by John Borg

"Die andere Sache bei Drohungen ist, dass die Leute sich dieses Szenario vorstellen: Da greift jemand zum Telefon, ruft sie an und sagt: 'wenn Sie nicht still sind, werde ich Sie töten'. So funktioniert es nicht. Das ist viel subtiler, besonders bei politischer Korruption... Die Bedrohungen hängen in der Luft; die ständige Isolation, die ständige Dämonisierung, die Entmenschlichung, wie man zur Zielscheibe gemacht wird."

Das Gefühl, dass es zu Ende ist, wird es nicht geben, solange nicht alle vor Gericht gestellt werden, und das gilt nicht nur für den Mord an Daphne. Es bedeutet auch für alle, die sie entlarvt hat.
Corinne Vella
Schwester der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia

30 Jahre lang sprach Caruana Galizia über Enthüllungen, die in ihrem populären Blog "Running Commentary" und in ihren Zeitungskolumnen veröffentlicht wurden, sie, die im Alleingang die Wahrheit ans Licht bringen wollte.

Eine ihrer letzten Untersuchungen konzentrierte sich auf den Vorwurf, der damalige Wirtschaftsminister Christian Cardona habe auf einer Konferenzreise in Deutschland ein Bordell besucht.

Enthüllungen gipfelten in den Panama-Papers

Sie enthüllte auch maltesische Verbindungen zu Offshore-Unternehmen, die später in den Panama-Papers bestätigt wurden. Das rückte auch Konrad Mizzi, einen Regierungsminister, Keith Schembri, den Stabschef von Premierminister Joseph Muscat sowie dessen Ehefrau Michelle, die ebenfalls Verbindungen zu einem panamaischen Offshore-Unternehmen hatte, ins Visier.

"Es ist noch zu früh, um zu sagen, dass sich die Korruption zuspitzt. Niemand wurde bisher wegen politischer Korruption strafrechtlich verfolgt, noch nicht. Die gleichen Machtnetzwerke existieren noch immer. Es wird Zeit brauchen, diese auszulöschen", sagte Vella gegenüber Euronews.

Nur wenige Tage vor ihrer Ermordung äußerte sie in einem Interview mit einem Forscher des Europarates die Befürchtung, dass andere Journalisten von ähnlichen Ermittlungen abgehalten werden könnten, weil sie sahen, wie die maltesischen Behörden mit ihr umsprangen.

Vella ist jedoch optimistisch, dass der Mord an ihrer Schwester nicht dazu geführt hat, die Presse zum Schweigen zu bringen.

Rene Rossignaud/AP
Das Wrack des Autos, in dem Daphne Caruana Galizia fuhr, als die Bombe explodierte, 16.10.2017Rene Rossignaud/AP

"Die Menschen vergessen manchmal, dass Journalisten eine wichtige Rolle spielen, ob uns nun gefällt, was wir lesen oder nicht", sagte Vella. "Es ist wesentlich", fügte sie hinzu.

Neben Journalisten, die vor Ort in die Bresche springen, hat das Daphne-Projekt, ein Konsortium, das nach ihrer Ermordung gegründet wurde, Journalisten aus der ganzen Welt zusammengebracht, um gemeinsam an der Fortsetzung ihrer Ermittlungsarbeit zu arbeiten.

Schwer, nach vorn zu blicken

Für die Familie ist es schwer, nach vor zu blicken. Denn die mutmaßlichen Mörder von Caruana Galizia sind noch nicht verurteilt.

Drei Männer - die Brüder George und Alfred Degiorgio und Vincent Muscat - sind angeklagt, die Bombe gelegt zu haben, werden aber erst im nächsten Jahr vor Gericht gestellt. Sie alle plädierten auf nicht schuldig.

Ein vierter Mann, Melvin Theuma, der behauptet hat, der Mittelsmann im Auftragsmord von Caruana Galizia zu sein, hat sich bereit erklärt auszusagen - im Austausch gegen Immunität vor Strafverfolgung. Derzeit werden vor Gericht Beweise verhandelt, um zu entscheiden, ob Fenech, einer der prominentesten Geschäftsleute der Insel, vor Gericht gestellt werden soll, nachdem er wegen der Finanzierung und Organisation des Mordes an der Journalistin angeklagt wurde. Er selbst bestreitet das.

Angesichts der Größe Maltas kann die unmittelbare Nähe zu den Verantwortlichen für die Angehörigen von Caruana Galizia erschütternd sein.

"Diese kleine Welt macht viele Dinge viel schwieriger. Auf persönlicher Ebene ist es also eine Herausforderung, aber das wäre überall der Fall", so Vella, "das Gute auf einer Insel zu sein, ist, dass die Menschen sich sehr schnell mobilisieren können, und das haben schon viele getan."

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Die Familie von Daphne Caruana Galizia fürchtet, dass sie nie erfahren wird, wer den Mord in Auftrag gegeben hat.

Im November 2019 wurde Malta von Protesten der Bevölkerung erschüttert, die öffentlich den Rücktritt des Premierministers forderten, nachdem enge Vertraute, darunter Schembri, verhaftet und wegen des Mordes an Caruana Galizia verhört worden waren. Muscat gab der Forderung nach einem Rücktritt schließlich nach und schied im Januar dieses Jahres aus dem Amt.

Selbst mit öffentlicher Unterstützung, die dazu beiträgt, die Mächtigen zur Verantwortung zu ziehen, wird es für die Familie -zumindest vorläufig- kein Ende geben.

"Das Gefühl, dass es zu Ende ist, wird es nicht geben, solange nicht alle vor Gericht gestellt werden, und das gilt nicht nur für den Mord an Daphne. Es bedeutet auch für alle, die sie entlarvt hat", sagte Vella.

"Sie hat Korruption aufgedeckt, sie hat Verbrechen aufgedeckt. Sie hat Verbrechen aufgedeckt, weil sie als Kommentatorin über Politik berichtete. Sie kam durch die Politik zum Verbrechen, da sieht man schon, wie verwoben das Netz ist."