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Heile Welt? Peng Shuais Verhalten nach Verschwinden ist "absolut unglaubwürdig", sagt HRW

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Von Alexandra Leistner
Peng Shuai bei einem Tennis-Turnier in Peking im Oktober 2009.
Peng Shuai bei einem Tennis-Turnier in Peking im Oktober 2009.   -   Copyright  Ng Han Guan/AP

Alles nur ein großes Missverständnis? Als Mitte November gemeldet wurde, die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai sei verschwunden, nachdem sie einen hohen chinesischen Politiker der Vergewaltigung beschuldigt hatte, war die Sportwelt in Aufruhr. Zahlreiche Tennis-Spieler:innen riefen die Politik zum Handeln auf.

Der stellvertretende Ministerpräsident Zhang Gaoli soll sie 2018 zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben, wie aus einem Post in einem chinesichen sozialen Netzwerk hervorging.

Nicht nur der Post war wenig später gelöscht, auch von der ehemaligen Weltklasse-Spielerin war danach nichts mehr zu hören. Auch die Suche nach ihrem Namen war im chinesischen Internet blockiert.

War da was?

So lautlos wie sie verschwand, tauchte Peng nun wieder auf und bestritt, jemals Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe des Vizepremiers und Funktionär der Kommunistischen Partei gemacht zu haben.

Die chinesischsprachige Zeitung Lianhe Zaobao veröffentlichte am Montag ein Video von Peng, in dem sie sagte, sie halte sich hauptsächlich zu Hause in Peking auf, könne aber nach Belieben kommen und gehen.

"Zunächst einmal möchte ich etwas sehr Wichtiges betonen. Ich habe nie etwas gesagt oder geschrieben, in dem ich jemanden beschuldigt habe, mich sexuell missbraucht zu haben", sagte Peng in dem Video, das offenbar am Sonntag bei einer Sportveranstaltung in Schanghai mit einem Telefon aufgenommen wurde.

Diesen Punkt wolle sie mit Nachdruck betonen, so Peng.

"Weder echt noch überzeugend"

Auf Anfrage von Euronews sagte Yaqiu Wang, China-Expertin bei Human Rights Watch (HRW), das Interview sei weder authentisch noch überzeugend. "Der Gedanke, dass eine Journalistin sie zufällig in einer so zwanglosen Umgebung ansprechen könnte, ist angesichts des politischen Kontextes in China, des Ausmaßes an Zensur, Überwachung und Kontrolle, das die chinesische Regierung auf Sportler:innen ausübt, und angesichts der großen internationalen Aufmerksamkeit, die der Vorfall erregt hat, völlig unglaubwürdig".

Die chinesische Regierung sei bekannt dafür, Menschen dazu zu nötigen, Dinge zu sagen, die sie eigentlich nicht glauben. "Pengs Videos, Bilder und jetzt das Interview passen alle in dieses typische Muster. Die einzige Information, die wir aus diesem so genannten Interview erhalten können, ist, dass Peng Shuai lebt und dass sie China ist, das war's. Alles andere ist nicht vertrauenswürdig."

"Wenn Peking wirklich beweisen will, dass Peng Shuai frei und alles in Ordnung ist, dann sollte man aufhören, das chinesische Internet in diesem Fall zu zensieren und eine faire und transparente Ermittlung bezüglich der Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs starten", so Yaqiu Wang in einer Human Rights Watch- Mitteilung.

"Erhebliche Bedenken"

Ihre Äußerungen konnten auch die Besorgnis der Women's Tennis Association (WTA) nicht mildern. Die Organisation erklärte am Montag, dass sie immer noch "erhebliche Bedenken hinsichtlich ihres Wohlbefindens und ihrer Fähigkeit, ohne Zensur oder Zwang zu kommunizieren" habe.

Das neuste Video vom Sonntag nannte die Tennis-Spielerin Chris Evert "beunruhigend".

"Dies ist... beunruhigend", schrieb die ehemalige Profi-Tennispielerin Chris Evert auf Twitter bezüglich des aktuellsten Videos von Peng, in dem die Sportlerin sagt, E-Mails, in denen sie sage es gehe ihr gut, habe sich aus freiem Willen - und selbstständig - verfasst.

Viel Lärm um Nichts?

Die Spielerinnen-Organisation WTA hatte als Reaktion auf das Verschwinden des Tennis-Stars mit einem Rückzug der Tennistour aus China gedroht, sollte die Regierung in Peking kein Licht ins Dunkel bringen. Diese verweigerte jede Auskunft und negierte ein Problem.

WTA-Chef Steve Simon forderte einen unabhängigen und nachprüfbaren Beweis, dass Peng Shuai in Sicherheit sei. Eine vom chinesischen Fernsehen an Simon gerichtete E-Mail, die die Chinesin verfasst haben soll, stufte der WTA-Chef als wenig glaubwürdig ein.

Simon drohte deshalb mit einem kompletten Rückzug der WTA-Tour aus China. Dort wurde allerdings wegen der Pandemie seit zwei Jahren kein Profiturnier mehr ausgetragen. Trotzdem gilt das Land als potenziell attraktiver Tennis-Markt.

Auch Tennis-Stars wie Serena Williams und Novak Djoković forderten Aufklärung.

Die erste Nachricht von Peng nach Berichten über ihr Verschwinden wurde allerdings vom IOC veröffentlicht. Der Präsident des Internationalen Olympischen Kommitees veröffentlichte Bilder von einer Videoschalte mit der 35-jährigen Ausnahmesportlerin.

Das IOC und sein Präsident wurden danach kritisiert, vom chinesischen Regime zu dessen Zwecken instrumentalisiert worden zu sein.