Deutschland soll bis zu eine Million Schutzräume schaffen, so der Präsident des Bundesamtes für Zivilschutz Ralph Tiesler. "Das Risiko einen großen Angriffskriegs" erfordere schnelle Maßnahmen.
Der Ausbau von Schutzräumen in Deutschland soll rasch vorangetrieben werden. Das hat der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Ralph Tiesler, angekündigt. Eine Million Schutzräume werden geplant.
Grund dafür ist die zunehmende Sorge vor einem Angriffskrieg in Europa. Die Sicherheitslage hat sich verändert. "Uns treibt das Risiko eines großen Angriffskriegs in Europa um", sagte Tiesler der Süddeutschen am Freitag.
Tiesler: Schnell eine Million Schutzplätze schaffen
Tiesler plädiert für einen Ausbau von Tunneln, U-Bahnhöfen, Tiefgaragen und Kellern öffentlicher Gebäude. All diese Bauten könnten zu Schutzräumen umfunktioniert werden und ermöglichen eine rasche Erweiterung.
Ein ausführliches Konzept soll diesen Sommer vorgelegt werden, so der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Klar ist, dass auch ein mehrtägiger Aufenthalt in Schutzräumen notwendig sei. Es soll Nahrung, Toiletten, vielleicht auch Feldbetten geben.
Das BBK betreibt auch die Warn-App NINA. Über solche Mechanismen könnten zukünftig schnell Mitteilungen verbreitet werden.
"Es muss auch teilweise Bewusstsein geschaffen werden für Krisen, Kriege und Katastrophen", erklärt Andreas Kling, Experte für Bevölkerungsschutz und Autor von "Sicher trotz Katastrophe" gegenüber Euronews. Durch die knapp 75 Jahre lang währende Friedensphase in Europa lag die Bedrohung sehr fern.
“Es ist davon auszugehen, dass Russland natürlich versucht, Deutschland aufgrund seiner Lage und natürlich auch der besonderen politischen Situation mit der Teilung in Ost und West in früheren Zeiten, als Angriffspunkt für eine Destabilisierungskampagne genommen wird", so Kling.
Tiesler rechnet mit einem Bedarf von mindestens 30 Milliarden Euro für den Aufbau von Schutzräumen und den Ausbau von Alarmsystemen innerhalb der nächsten zehn Jahre.
Zustand bisheriger Schutzräume in Deutschland: unbenutzbar
Bisher gibt es kaum betriebsbereite Schutzräume in Deutschland. Seit 2007 wurden keine Mittel mehr in die Instandhaltung investiert. Die "funktionale Instandhaltung öffentlicher Schutzräume" wurde von der Bundesregierung offiziell eingestellt.
Das BBK gibt an, das noch 579 öffentliche Schutzräume bestehen, die dem Zivilschutz dienen könnten und rund 477.593 Personen Platz bieten würden. Dazu zählen Tiefgaragen, Bahnhöfe und geschützte Krankenhäuser, die ursprünglich für Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg errichtet wurden.
Neue Bunkeranlagen sind kostspielig und würden mehr Zeit in Anspruch nehmen. In Spanien hingegen boomt der Bunkerbau regelrecht. Der Bau privater Bunker hat nach Angaben von Unternehmen der Branche seither um 200 Prozent zugenommen. Der Trend breitet sich auch im übrigen Europa aus: die meisten Bunker gibt es in Deutschland, Frankreich und die baltischen Staaten.
Auch deutsche Unternehmen verzeichnen einen beachtenswerten Anstieg in der Nachfrage. Peter Aurnhammer, geschäftsführender Inhaber des Unternehmens Deutscher Bunker Makler erklärte, dass die Nachfrage für Bunker und Schutzräume "sehr stark gestiegen" sei.
Strategie für eine krisenfeste Union: Das tut sich auf Europa-Ebene
Im März des laufenden Jahres hat die Europäische Kommission eine neue Strategie auf den Weg gebracht, um die EU auf Krisen besser vorzubereiten. "Neue Gegebenheiten erfordern ein größeres Maß an Krisenvorsorge in Europa", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
"Auf der Hand liegt, dass Europa an allen Fronten und auf allen Ebenen der Gesellschaft gestärkt werden muss", stimmte auch Kaja Kallas, die Hohe Verteterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik zu. Einerseits ermutigt die EU-Kommisison die Bevölkerung zur Vorbereitung durch Notfallpakete.
Länderübergreifende Notfallprotokolle sollen die gegenseitige Unterstützung sichern und auch das zuletzt abgeschlossene Programm zur Aufrüstung der NATO zählt zu diesen Maßnahmen. Darin ist unter anderem festgelegt, dass die militärischen Fähigkeiten der NATO um 30 Prozent gesteigert werden sollen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte bereits in Aussicht gestellt, dass die Bundeswehr 60.000 Soldaten zusätzlich benötigen würde, um den NATO-Anforderungen gerecht zu werden.