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China ist "Krebs"? Angebliche Kallas-Aussage geht viral

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht bei ihrer Ankunft mit Medienvertretern vor dem Gebäude des Europäischen Rates am Montag 2026.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht bei ihrer Ankunft zu einem Treffen der EU-Außenminister im Gebäude des Europäischen Rates mit Medienvertretern, Montag 2026. Copyright  AP Photo
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Von Tamsin Paternoster & Noa Schumann
Zuerst veröffentlicht am
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Virale Beiträge werfen Kaja Kallas vor, China als "Krebs" bezeichnet und zu Krieg gegen Russland und China aufgerufen zu haben. Ein Blick auf die Originalaussagen zeigt: Mehrere Zitate wurden verkürzt oder aus dem Zusammenhang gerissen.

In sozialen Netzwerken kursieren Beiträge und Schlagzeilen, die der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas vorwerfen, China als "Krebs" bezeichnet und kriegstreiberische Aussagen über Russland und Peking gemacht zu haben.

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Ein viel geteilter Beitrag behauptete, Kallas habe China als "Krankheit", genauer gesagt als "Krebs", bezeichnet. Auch eine Überschrift des Portals Brussels Signal titelte: "EU-Chef-Diplomatin Kaja Kallas nennt China einen 'Krebs'."

Zudem schrieben Nutzer Kallas in mehreren Beiträgen auf X – darunter einer mit Millionen Aufrufen – das Zitat zu: "If Europe cannot defeat Russia, how then are we supposed to defeat China?" Auf deutsch: Wenn Europa Russland nicht besiegen kann, wie sollen wir China besiegen?

Ein genauer Blick auf ihre Aussagen zeigt jedoch: Auch wenn ihre Äußerungen umstritten sein können, wurden sie in einigen Beiträgen zugespitzt und aus dem Zusammenhang gerissen.

Die erste Aussage fiel am 17. Mai auf der Lennart-Meri-Konferenz in Estland. In dem Gespräch ging es um Europas Umgang mit Chinas wachsendem wirtschaftlichem Einfluss, industrieller Konkurrenz und Handelspraktiken.

Im Verlauf der Diskussion erklärte der Moderator, China dominiere zunehmend ganze Branchen – von Batterien und Elektrofahrzeugen bis hin zu Industrieprodukten. Zugleich kritisierte er das Fehlen einer "kohärenten europäischen Antwort auf die China-Herausforderung".

Kallas entgegnete, weltweit wachse die Sorge über Chinas "zwanghafte Wirtschaftspraktiken". Anschließend nutzte sie eine medizinische Metapher, um Europas Reaktion zu beschreiben:

"Wir verstehen die Diagnose der Krankheit sehr klar, aber über die Behandlung sind wir uns nicht einig", sagte Kallas.

Sie ergänzte: "Wenn man eine sehr, sehr schwere Krankheit hat, etwa Krebs, dann hat man zwei Möglichkeiten – entweder man erhöht die Morphiumdosis oder man beginnt mit einer Chemotherapie."

Später erläuterte Kallas die Metapher: Mit "Morphium" meinte sie Subventionen zur Unterstützung europäischer Unternehmen im Wettbewerb mit chinesischen Importen. "Chemotherapie" stand für härtere EU-Maßnahmen, die Gegenreaktionen Pekings auslösen könnten.

Kritiker interpretierten die Aussage so, als habe Kallas China selbst als Krankheit bezeichnet. Wörtlich sprach sie jedoch nicht von China als "Krebs", sondern verwendete die Metapher im Rahmen einer breiteren Debatte über Europas Umgang mit wirtschaftlichem Druck und Konkurrenz aus China.

Edward Luce, Moderator der Veranstaltung und stellvertretender Chefredakteur der Financial Times, bezeichnete die kursierenden Beiträge später auf X als "grobe Verzerrung ihrer Analogie".

Die EU-Kommission begrüßte diese Klarstellung und betonte zugleich die Bedeutung eines offenen Dialogs mit China, um den wirtschaftlichen Herausforderungen wirksam zu begegnen.

Kallas sieht sich Vorwürfen der Kriegshetze ausgesetzt

In weiteren viralen Beiträgen wurde Kallas "Kriegshetze" vorgeworfen. Grundlage dafür war das ihr zugeschriebene Zitat: "If Europe cannot defeat Russia, how then are we supposed to defeat China?"

Eine genauere Prüfung zeigt jedoch, dass Kallas diese Formulierung so nicht verwendet hat.

Die Aussagen gehen auf eine Diskussion beim Hudson Institute am 27. Februar 2025 zurück. Dort sprach Kallas mit Senior Fellow Peter Rough über transatlantische Beziehungen und die Frage, wie Europa auf aktuelle geopolitische Herausforderungen reagieren sollte.

Eine vollständige Aufzeichnung zeigt, dass Kallas davor warnte: Wenn es dem Westen nicht gelingt, Russland wegen des Krieges in der Ukraine wirksam unter Druck zu setzen, könne dies seine Glaubwürdigkeit gegenüber "asiatischen Partnern" schwächen – insbesondere mit Blick auf mögliche Konflikte unter Beteiligung Chinas.

Wörtlich sagte sie: "China hat eine viel größere Wirtschaft als Russland und eine deutlich größere Armee. Wenn wir also sagen, dass wir gemeinsam nicht in der Lage sind, Russland so stark unter Druck zu setzen, dass es Wirkung zeigt, wie können wir dann behaupten, wir seien bereit, das Risiko eines Konflikts mit China einzugehen?"

Die derzeit viral verbreitete Formulierung ist daher kein direktes Zitat von Kallas, sondern eine stark verkürzte Zuspitzung ihres Arguments zur Abschreckungsglaubwürdigkeit Europas.

Ausschnitte des Gesprächs tauchen immer wieder auf X auf, werden als aktuelles Material verbreitet und häufig ohne den nötigen Kontext geteilt.

Die Kritik an Kallas fällt in eine sensible Phase der Beziehungen zwischen der EU und China.

Europäische Industrien sind weiterhin stark auf China angewiesen – insbesondere bei kritischen Rohstoffen, die sowohl für die Verteidigungsindustrie als auch für die grüne Energiewende unverzichtbar sind. In vielen dieser Bereiche dominiert Peking die globalen Lieferketten.

Gleichzeitig verfolgt Brüssel gegenüber China eine sogenannte De-Risking-Strategie. Ziel ist es, die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten zu verringern und geopolitische Risiken zu reduzieren, ohne wirtschaftliche Beziehungen oder den Dialog vollständig abzubrechen.

Vor dem Hintergrund wachsender Handelskonflikte beraten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Kommissarinnen und Kommissare am Freitag über Maßnahmen zum Schutz europäischer Industrien vor den Auswirkungen billiger Importe aus China.

In den vergangenen Wochen drohte China zudem mit Gegenmaßnahmen, nachdem EU-Gesetze den Zugang chinesischer Unternehmen zum europäischen Binnenmarkt eingeschränkt hatten.

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