Viel Technik, neue Konzepte, klare Ansprüche: In Munster bekommt Friedrich Merz einen direkten Einblick in den aktuellen Stand des Heeres.
In Munster haben sich Friedrich Merz (CDU) und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) am Donnerstag bei einer "dynamischen Vorführung" angesehen, wie das Heer derzeit übt – mit allem, was dazugehört: Panzer, Drohnen, digitale und KI-gestützte Aufklärung.
Vieles davon ist zwar nicht neu, doch die Art, wie es von der Armee zusammen eingesetzt wird, hat sich deutlich verändert – vor allem durch die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Denn es geht weniger um einzelne Systeme als darum, wie schnell Informationen ankommen und umgesetzt werden. Wie der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Dr. Christian Freuding, im Interview mit Euronews bereits hervorhob, "erleben wir ein mehr und mehr transparentes, teilweise nahezu 'gläsernes Gefechtsfeld'", das durch Sensorik, Drohnen und andere moderne Aufklärungsmittel entsteht, die enorme Datenmengen erzeugen.
"Data-centric warfare" bedeutet laut Freuding, dass "Daten zur zentralen Ressource, quasi zur 'Munition' werden". "Wer mehr sieht und vor allem Informationen schneller und strukturierter verarbeiten und damit ein präziseres Lagebild erarbeiten kann, der kann schneller entscheiden und handeln. Kurz: Der gewinnt. Daher muss es uns gelingen, durchgängig digitalisierte Aufklärungs- und Wirkungsverbünde zu schaffen – vom Korps bis zur Kompanie. Das zeigt auch, dass Digitalisierung für uns keine Komfortfrage ist, sondern zwingende Voraussetzung für Erfolg im Gefecht", so Freuding.
Bei seinem Besuch in Munster betonte Merz, dass Fortschritte zu sehen seien, dennoch aber noch einiges offen sei. "Die gesamte Bundeswehr befindet sich im Umbruch. Wir müssen im Hier und Heute abschreckungs- und verteidigungsbereit sein, fähig zum 'Fight Tonight'", so der Kanzler. "Gleichzeitig müssen wir uns auf die Herausforderungen von morgen und übermorgen vorbereiten. Dies wird mit weiter größten Kraftanstrengungen verbunden sein."
"Fight Tonight" gehört zu einem Drei-Stufen-Modell der Streitkräfte, das aus "Fight Now, Fight Tonight bis 2029 und Fight Tomorrow ab 2035" besteht. Dahinter steckt der Versuch, kurzfristige Einsatzfähigkeit, mittelfristigen Fähigkeitsaufbau und langfristige Modernisierung miteinander zu verbinden.
35.000 Fußballfelder: Munster ist Europas größter Truppenübungsplatz
Das niedersächsische Munster gilt als Hauptstadt des deutschen Heeres und ist zugleich der größte Standort der Landstreitkräfte mit fünf Kasernen, Hunderten Panzern, einer Truppenschule und Tausenden Soldaten. Zugleich gehört der Übungsplatz selbst mit rund 24.900 Hektar zu den größten Europas und wird bis heute regelmäßig für internationale Manöver genutzt. 24.900 Hektar entspricht fast 35.000 Fußballfeldern.
Nicht nur das Heer, auch die NATO übt in Munster die Verteidigung gegen einen ebenbürtigen Gegner: So trainierte etwa die schnelle Eingreiftruppe der Allianz, die Allied Reaction Force (ARF), im Februar dieses Jahres den Ernstfall, an dem mehr als 300 Soldaten aus vier Nationen beteiligt waren.
Das Ganze war Teil der Großübung "Steadfast Dart 2026", bei der Tausende Soldaten die schnelle Verlegung quer durch Europa und den Gefechtseinsatz vor Ort geprobt. haben Die ARF gilt dabei als militärische "Speerspitze" der NATO und soll mit Kräften aus Land-, Luft-, See-, Cyber- und Weltraumoperationen innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein.
Gefechtstraining und Besichtigungstouren
Auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in Niedersachsen haben im Rahmen dieser Übung multinationale Einheiten unter realistischen Bedingungen den Kampf im Verbund trainiert. Ziel war es, die Zusammenarbeit der NATO-Streitkräfte im Ernstfall zu testen – von Bodentruppen bis zur Luftunterstützung.
Die Stadt Munster liegt direkt am Rand des Übungsplatzes und gilt als einer der wichtigsten Bundeswehrstandorte in Deutschland. Von hier aus werden auch Einblicke in das Gelände organisiert. Tatsächlich ist ein Teil des militärischen Sperrgebiets für die Öffentlichkeit zugänglich – allerdings nur kontrolliert: Besucher können für 35€ pro Person (Mindestalter 14 Jahre) geführte Touren über den Truppenübungsplatz buchen. Bei der dreistündigen Besichtigung, deren Termine bis August bereits ausgebucht sind, erlauben "sachkundige Führer 'einen Blick hinter den Zaun', in Bereiche, die einem sonst verwehrt bleiben", heißt es auf der städtischen Tourismuswebseite.
Gleichzeitig bleibt der Platz ein aktiver Gefechtsraum. Schieß- und Übungszeiten sind streng geregelt und werden im Voraus festgelegt – in diesen Zeitfenstern ist das Betreten des Geländes aus Sicherheitsgründen untersagt. Denn hier trainieren deutsche und multinationale Einheiten unter realistischen Bedingungen den Kampf im Verbund.
Truppenübungsplatz und NS-Geschichte: Munster und die Vergangenheit der Region
Das Gelände hat eine Geschichte, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Bereits ab den 1930er-Jahren wurde die Region militärisch genutzt und stark ausgebaut. In unmittelbarer Nähe entstand während der NS-Zeit das Konzentrationslager Bergen-Belsen, das zunächst als Kriegsgefangenenlager diente und später zu einem der größten Konzentrationslager wurde. Das jüdische Mädchen Anne Frank wurde hier ermordet, ihr Tagebuch wurde zu einem Weltbestseller.
Der Gedenkstätte Bergen-Belsen zufolge sind von den 120.000 Menschen, die als Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen waren, mindestens 52.000 getötet worden. Im April 1945 wurde das Lager dann von britischen Truppen befreit, die das Gelände dann nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen haben und 1946 den heutigen Truppenübungsplatz Bergen-Hohne einrichteten.
Über Jahrzehnte blieb er ein zentraler Standort der britischen Rheinarmee, wie die britischen Besatzungstruppen in Deutschland offiziell genannten wurden, und wurde für Übungen im Rahmen der NATO genutzt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges ging die Nutzung durch britische Truppen schrittweise zurück, der Platz blieb jedoch einer der wichtigsten Übungsräume für multinationale Verbände in Europa. Heute wird er vor allem von der Bundeswehr genutzt, steht aber weiterhin NATO-Partnern für Großübungen zur Verfügung.
Europas größter Truppenübungsplatz ist auch Naturrefugium
Doch der Übungsplatz ist nicht nur militärischer Trainingsraum, sondern zugleich ein ökologisch besonders wertvolles Gebiet. Im Norden dominieren Waldflächen, im Süden finden sich offene Heidegebiete. Dazwischen liegen Moore und Feuchtgebiete, die von kleinen Fließgewässern und Teichen durchzogen sind.
Im Zentrum des Truppenübungsplatzes befinden sich zudem die "Sieben Steinhäuser", eine Gruppe prähistorischer Großsteingräber, die das "wohl bedeutendste archäologische Denkmal der Lüneburger Heide" genannt werden.
Das Gebiet hat jedoch wegen ihrer Heideflächen, Moore und Wälder eine hohe ökologische Bedeutung, in dem Lebensräume für bedrohte Arten, wie zum Beispiel das Birkhuhn, geboten werden. Zusammen mit angrenzenden Flächen in der Lüneburger Heide lebt hier die größte zusammenhängende Birkhuhn-Population im mitteleuropäischen Tiefland. Aber auch für größere Wildtiere ist das Gebiet Rückzugsraum: Seit einigen Jahren leben wieder Wölfe auf dem Gelände – abgeschirmt vom Alltag, mitten auf dem wichtigsten und größten militärischen Übungsgeländes Europas.