Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Polen bewaffnet sich: Erstmals über eine Million Waffen in privater Hand

Von der polnischen Polizei beschlagnahmte Waffen
Von der polnischen Polizei beschlagnahmte Waffen Copyright  Polska Policja
Copyright Polska Policja
Von Glogowski Pawel
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Polen erlebt einen historischen Waffenboom: Erstmals überschreitet die Zahl legal registrierter Schusswaffen die Marke von einer Million. Neue Rekordwerte bei Genehmigungen werfen Fragen nach den Ursachen auf und setzen das System der Waffenerteilung politisch unter Druck.

Im Jahr 2025 wurden in Polen 50.700 neue Genehmigungen für den Waffenbesitz ausgestellt – so viele wie nie zuvor in der jüngeren Geschichte. Insgesamt lag die Zahl der aktiven Erlaubnisse bei über 411.000. Gleichzeitig stieg die Zahl der auf Privatpersonen registrierten Schusswaffen auf mehr als eine Million, exakt 1.037.778.

WERBUNG
WERBUNG

Ein Jahr zuvor, 2024, hatten 367.411 Personen eine entsprechende Erlaubnis. Damals waren 930.121 Waffen registriert. Innerhalb von zwölf Monaten kamen damit über 107.000 weitere Waffeneinheiten hinzu.

Zum Vergleich: 2023 besaßen 323.983 Menschen eine Erlaubnis und waren 843.755 Schusswaffen registriert. 2022 galt lange als Rekordjahr – damals waren 760.218 Waffen auf 286.751 Besitzer registriert. Noch vor der russischen Invasion in die Ukraine lag die Zahl 2021 bei 658.379 registrierten Waffen.

In der Summe bedeutet das: Zwischen 2021 und 2025 nahm die Zahl der registrierten Waffen in Polen um rund 380.000 zu.

Bei den Gründen für die Erteilung von Genehmigungen dominierten im vergangenen Jahr Sammlerzwecke. Die Behörden erließen hierzu 21.071 Entscheidungen. An zweiter Stelle folgten Sportgenehmigungen mit 17.601 Entscheidungen, danach Genehmigungen zum persönlichen Schutz mit 7.254.

Trotz dieses Wachstums bleibt Polen im EU-Vergleich ein Land mit sehr niedriger Waffenverbreitung. Nach den vorliegenden Angaben kommen dort 2,5 Schusswaffen auf 100 Einwohner. Damit läge Polen am unteren Ende der EU-Rangliste.

Waffenerlaubnissystem auf dem Prüfstand: Experte fordert Änderungen

Der ehemalige Polizeibeamte und Sicherheitsexperte Dariusz Loranty spricht in einem Interview mit Euronews über die wachsende Zahl bewaffneter Zivilisten. Er sieht sowohl Reformbedarf im System als auch mögliche gesellschaftliche Folgen.

Loranty kritisiert vor allem die Konzentration von Zuständigkeiten bei einer einzigen Institution. Seiner Ansicht nach ist das Verfahren problematisch, weil die Polizei gleichzeitig prüft, entscheidet und – im Rahmen der geltenden Regeln – die Auslegungspraxis mitprägt. Er sagt: "Das derzeitige System der Waffenerteilung verstößt gegen den heiligen Grundsatz der Gewaltenteilung".

Als Alternative schlägt er vor, die formale Entscheidung in die Zivilverwaltung zu verlagern. Konkret nennt er ein Verwaltungsverfahren unter Federführung des Provinzgouverneurs, in dem Polizei und Antragsteller beteiligt sind. Gegen eine solche Entscheidung solle unmittelbar der Rechtsweg offenstehen.

Gleichzeitig betont Loranty, dass die Polizei aus Gründen der öffentlichen Sicherheit weiterhin eine zentrale Rolle behalten müsse – etwa durch Stellungnahmen, Prüfungen und Kontrollen im Verfahren.

"Waffen verändern das Verhalten des Besitzers"

Loranty verweist auch auf mögliche Abschreckungseffekte. Kriminelle könnten bei Einbruchs- oder Überfallplänen berücksichtigen, dass ein Bewohner bewaffnet sein könnte. Das könne das Risiko für Täter erhöhen – und Angriffe weniger wahrscheinlich machen.

Gleichzeitig warnt er vor Veränderungen im Alltag: "Der Waffenbesitz verändert das Verhalten der Menschen dramatisch". Aus seiner Sicht hängt das vor allem mit dem Verantwortungsgefühl zusammen, das Waffenbesitz mit sich bringe.

Er erinnert außerdem an eine zentrale Regel im polnischen Recht: Unter Alkoholeinfluss ist das Tragen oder Besitzen einer Waffe strikt verboten. Loranty formuliert es zugespitzt: "Wenn jemand eine Waffe besitzt und keinen Wodka trinkt, hat er natürlich ein anderes Verantwortungsgefühl".

Ein weiterer Punkt sind psychologische und psychiatrische Untersuchungen. Loranty fordert hier strengere Maßstäbe. "Wenn eine Person auch nur Symptome einer Depression aufweist, hat sie kein Recht, eine Waffe zu besitzen", sagt er. Außerdem dürfe eine solche Begutachtung nicht nur eine kurze, formale Pflichtübung sein. "Die Untersuchung darf nicht 30 Minuten dauern, sondern der Psychiater untersucht mindestens zweimal und in verschiedenen Situationen".

Von der polnischen Polizei im Jahr 2025 beschlagnahmte Waffen.
Von der polnischen Polizei beschlagnahmte Waffen im Jahr 2025. Polska Policja

Angst vor Kriminalität, nicht vor Krieg

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 ist das Interesse an Waffen deutlich gestiegen – und hält bis heute an. Die häufige Annahme, viele Menschen rüsteten sich aus Angst vor einem möglichen Krieg mit Russland, hält Loranty jedoch für überzogen. "Das ist eine solche Illusion. Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen hat diese Wahnvorstellung", sagt er.

Seiner Meinung nach ist die wahre Motivation eine andere:

"Der Grund ist, dass die Menschen Angst vor einem Anstieg der Kriminalität im weitesten Sinne haben. Besonders aktiv sind immer noch Gruppen von Georgiern, die viel eher polnische Bürger angreifen als beispielsweise Ukrainer".

Aus Lorantys Sicht wären zwei Dinge entscheidend: ein transparentes System zur Erteilung von Aufenthaltsrechten sowie eine verlässliche Überprüfung der psychischen Eignung von Antragstellern. Nur so lasse sich das Recht auf Waffenbesitz mit öffentlicher Sicherheit in Einklang bringen.

Gesetzesvorschlag: Regelmäßige Untersuchungen für Waffenbesitzer

Abgeordnete des parlamentarischen Clubs Polen 2050 haben einen Entwurf eingebracht, der regelmäßige medizinische und psychologische Untersuchungen für alle Inhaber von Waffenscheinen vorsieht – einschließlich Jägern. Ab dem 19. Oktober 2025 ist dazu eine öffentliche Konsultation geplant. In diesem Verfahren können Bürger Stellungnahmen zum Entwurf abgeben.

Vorgesehen ist: Bis zum Alter von 70 Jahren sollen Waffenbesitzer alle fünf Jahre eine entsprechende Bescheinigung vorlegen. Nach dem 70. Lebensjahr soll dies alle zwei Jahre nötig sein, damit der Waffenschein gültig bleibt. Ziel sei es, die öffentliche Sicherheit zu erhöhen, das Risiko unkontrollierten Waffengebrauchs zu senken und die Anforderungen für verschiedene Gruppen (etwa Sportschützen, Sicherheitskräfte oder Jäger) stärker zu vereinheitlichen.

Ausgenommen wären Sammler und Reenactors, sofern von deren Waffen nach Einschätzung der Initiatoren keine unmittelbare Gefahr für Leben oder Gesundheit ausgeht.

Der Vorschlag polarisiert. Vertreter der Jägerschaft halten ihn für ungerecht. Eine frühere, ähnliche Initiative – damals speziell für Jäger – wurde im Sejm bereits in der ersten Lesung abgelehnt.

Schusswaffen in Europa: Einordnung der Zahlen

Daten des Small Arms Survey zeigen, dass die durchschnittliche Waffenbesitzrate in EU-Ländern bei etwa 15,7 Waffen pro 100 Einwohner liegt. An der Spitze stehen demnach Länder wie Finnland (32,4), Österreich (30,0), Zypern (29,1), Malta (28,3) oder Schweden (23,1). In Deutschland ist die Waffenbesitzrate vergleichsweise niedrig und liegt bei 19,6.

Die Unterschiede haben mehrere Gründe: Jagdtraditionen, die Rolle des Schießsports, gesetzliche Rahmenbedingungen und auch kulturelle Einstellungen zu Waffen.

EU und USA: Wie groß ist der Unterschied?

In den Vereinigten Staaten kommen auf 100 Einwohner etwa 120 Schusswaffen. Damit gibt es dort rechnerisch mehr Waffen als Menschen. Im Vergleich zur Europäischen Union ist die Verbreitung deutlich höher – grob um den Faktor 7 bis 8.

Das hängt auch mit der verfassungsrechtlichen Verankerung des Waffenrechts in den USA zusammen (Stichwort: zweiter Zusatzartikel). Viele Bundesstaaten haben zudem vergleichsweise liberale Regeln, während EU-Länder in der Regel restriktiver sind – wenn auch mit sehr unterschiedlichen nationalen Regelungen.

Auch bei Gewaltfolgen gibt es Unterschiede: Die Mordrate mit Schusswaffen liegt in den USA deutlich über dem EU-Durchschnitt. In mehreren europäischen Ländern ist die Zahl der durch Schusswaffen verursachten Todesfälle erheblich niedriger.

Was als Nächstes?

Das Rekordjahr 2025 lenkt den Blick auf tiefere Veränderungen in Polen – rechtlich, gesellschaftlich und kulturell. Mehr als eine Million registrierte Waffen in privater Hand und die höchste Zahl neu erteilter Genehmigungen sind klare Signale. Sie dürften die Debatte über Waffenrecht, öffentliche Sicherheit und Polens Platz im europäischen Vergleich weiter anheizen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Milliardenkredit für Polens Rüstung? Parlament stimmt zu, doch Präsident zögert

Europas Aufrüstung verstärkt Schlupflöcher für Waffenexporte

Europas Rüstungsboom: Wer profitiert – und wer trägt die Folgen?