Russland wirbt in Lettland, Litauen und Estland für Umsiedlungsprogramme und verspricht ein "besseres Leben" in der "historischen Heimat". Doch seit 2022 sind insgesamt nur 1.640 Menschen nach Russland gezogen. Zwei Fälle zeigen, wie daraus trotzdem Propaganda wird.
Russland wirbt weiterhin aktiv für Umsiedlungsprogramme für russischsprachige Einwohner der baltischen Staaten. Moskau verspricht ein "besseres Leben" und eine "Rückkehr in die historische Heimat". Hinter den lauten Slogans steckt jedoch eine andere Realität.
Russische Diplomaten sprechen von einem angeblich massiven Wunsch in Lettland, Litauen und Estland, nach Russland zu ziehen. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild: Seit 2022 sind nur 1.640 Menschen aus allen drei Ländern zusammen nach Russland umgezogen.
Wer dennoch geht, wird in Russland oft zum Propaganda-Material. Die persönlichen Geschichten dienen als Belege für angebliche "Russophobie" in den baltischen Staaten. Aus Zitaten werden Argumente für den Informationskrieg.
Der Fall Mamykin: vom Europaabgeordneten zum Propagandisten
Vor diesem Hintergrund entwickelt sich in Lettland ein politischer Skandal um den ehemaligen Europaabgeordneten Andrejs Mamykin. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Saeima – das lettische Parlament – prüfen will, ob ihm die Staatsbürgerschaft entzogen werden kann.
Ausgelöst wurde die Debatte nach Angaben des öffentlich-rechtlichen lettischen Rundfunks LSM von der Oppositionsfraktion "Latvia First". In einem von ihr eingebrachten Dokument heißt es, Mamykin habe in einer Sendung des russischen Staatssenders Rossiya 1 öffentlich zu einem Angriff auf die baltischen Staaten aufgerufen.
Für lettische Abgeordnete ist das mehr als Provokation. Sie werten es als direkten Aufruf zum Krieg – und damit als besonders schweren Tabubruch.
Mamykin arbeitete viele Jahre als Journalist in Lettland. 2014 ging er in die Politik und wurde ins Europäische Parlament gewählt. Dort blieb er eine Amtszeit. 2024 zog er nach Russland.
Seitdem tauchte er regelmäßig in russischen Talkshows und politischen Formaten auf. Dort sprach er über angebliche "Russophobie" in Lettland und machte sich über lokale Politiker lustig. Einzelne Aussagen wurden schnell Teil einer größeren Erzählung, die die baltischen Staaten diskreditieren soll. So fiel etwa der Satz, der lettische Präsident sei "schwul für alle Schwulen".
Im Herbst 2023 eröffnete der lettische Staatssicherheitsdienst ein Strafverfahren gegen Mamykin. Grundlage ist ein Paragraf, der die Rechtfertigung von Kriegsverbrechen erfasst. Anlass waren Aussagen in russischen Staatsmedien und in sozialen Netzwerken. Dort bezeichnete Mamykin den russischen Einmarsch in die Ukraine als "große heilige Sache".
Der Fall Volkov: emotionale Botschaft und politische Reaktion
Parallel dazu entstand in Litauen eine andere, nicht minder aufschlussreiche Debatte – diesmal rund um Leonid Volkov. Volkov ist ein russischer Oppositionsaktivist und lebt im Exil in Vilnius, der Hauptstadt Litauens.
Auslöser war ein Post der ehemaligen FBK-Mitarbeiterin Anna Tiron. FBK steht für "Fonds zur Bekämpfung der Korruption", die Organisation aus dem Umfeld des inzwischen verstorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalny. Tiron veröffentlichte am 5. Januar auf Facebook einen Screenshot einer Nachricht Volkovs vom 29. Dezember 2025.
In dieser Nachricht beschimpfte Volkov Denis Kapustin – den Gründer des "Russischen Freiwilligenkorps" – und ukrainische Beamte als "Nazis" und "üble politische Technologen". Das Russische Freiwilligenkorps ist eine bewaffnete Gruppe russischer Kämpfer, die auf ukrainischer Seite gegen Russland agiert und auch durch grenznahe Aktionen bekannt wurde.
Die litauischen Behörden reagierten aufmerksam. Nicht unbedingt wegen der konkreten Adressaten, sondern wegen der Wirkung solcher Formulierungen. In Vilnius besteht die Sorge, dass solche Zitate von feindlichen Regimen später propagandistisch ausgeschlachtet werden könnten.
Litauen machte aus dem emotionalen Schlagabtausch keinen politischen Prozess. Dennoch wurde die Botschaft klar formuliert: Unter den aktuellen Bedingungen wiegt jedes Wort.
Die litauischen Sicherheitsdienste sahen keinen Anlass, Volkov als Risiko für die nationale Sicherheit einzustufen. Anders als Mamykin tritt er nicht in russischen Staatsmedien auf. Er unterstützt nicht die russische Aggression. Und er rief nicht zu Gewalt gegen Litauen oder seine Verbündeten auf.
Entsprechend sagte Innenminister Vladislav Kondratovic auf einer Pressekonferenz, zitiert vom Nachrichtenportal Delfi, es gebe keine Gefahr für die nationale Sicherheit. Volkov könne im Land bleiben. Das Migrationsamt bestätigte, dass sein Status als politischer Oppositioneller unverändert bleibe. Zugleich betonte es, der Vorgang sei als Warnsignal zu verstehen.
Zwei Fälle – eine Realität
Auf den ersten Blick wirken die Fälle Mamykin und Volkov wie zwei völlig verschiedene Geschichten. Der eine ist ein ehemaliger Politiker, der sich bewusst in russische Propagandaformate eingebunden hat. Der andere ist ein Oppositionsaktivist, dem in einem privaten Austausch eine entgleiste Formulierung unterlief.
Beide gerieten dennoch ins Rampenlicht – weil die baltischen Staaten dauerhaft unter Druck aus Moskau stehen. Der Krieg in der Ukraine hat Fragen von Loyalität, öffentlicher Sprache und Informationssicherheit besonders sensibel gemacht. Alles, was der Kreml verwerten kann, wird intensiver geprüft als früher.
Umsiedlungspropaganda als Instrument der Einflussnahme
Der Kreml bewirbt Umsiedlungsprogramme nicht nur über offizielle Kanäle. Er setzt auch auf soziale Medien, etwa ein Netzwerk von TikTok-Accounts. Dort wird vom "Glück in der historischen Heimat" erzählt. Zugleich werden einzelne Migranten als Belege für angebliche "Russophobie" in den baltischen Staaten präsentiert.
Andrejs Mamykin, Marina Kornatovskaya, Olga Chernyavskaya – sie alle wurden Teil eines solchen Medienkonstrukts. Ihre Auftritte in russischen Fernsehsendungen und Interviews mit Staatsmedien werden zu Munition im Informationskrieg.
Vor diesem Hintergrund treffen Lettland und Litauen Entscheidungen, die stark vom Einzelfall abhängen. Entscheidend ist, was gesagt wurde – und welches Bedrohungspotenzial darin gesehen wird. Die Fälle unterscheiden sich, die Logik dahinter ist ähnlich: Der Schutz des Informationsraums ist zu einer Frage der nationalen Sicherheit geworden.