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EU-Subventionen für klimaschädliches Essen: Milliarden für Fleisch und Milch

Im Bild eine Kuh im Nahformat. Sie blickt direkt in die Kamera.
Nahaufnahme einer Kuh, die direkt in die Kamera blickt. Copyright  Veronica White via Unsplash.
Copyright Veronica White via Unsplash.
Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Milliarden aus der EU-Agrarpolitik fließen laut einem neuen Foodrise-Bericht vor allem in Fleisch und Milch, während pflanzliche Alternativen deutlich weniger bekommen. Kritiker sprechen von einer "skandalösen" Schieflage und fordern eine Reform der Subventionen im Sinne von Klimazielen.

Klimaschädliche Lebensmittel wie rotes Fleisch profitieren in großem Umfang von EU-Subventionen. Kritiker sprechen von einem "skandalösen" Umgang mit Steuergeldern.

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Ein neuer Bericht der Wohltätigkeitsorganisation Foodrise kommt zu dem Ergebnis, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) im Jahr 2020 deutlich mehr Geld in tierische Lebensmittel mit hohen Emissionen lenkte als in pflanzliche Produkte. Rund 77 Prozent der GAP-Mittel seien an tierische Erzeugnisse gegangen. Das entspreche 39 Milliarden Euro von insgesamt 51 Milliarden Euro im selben Jahr.

Rind- und Lammfleisch, die immer wieder als besonders klimaschädlich gelten, erhielten demnach 2020 etwa 580-mal so viele Subventionen wie Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen. Im selben Jahr flossen schätzungsweise 554-mal mehr GAP-Mittel in Milchprodukte als in Nüsse und Samen. Fleisch und Milch zusammen bekamen zudem mehr als das Zehnfache der Subventionen, die für Obst- und Gemüseproduktion vorgesehen waren.

Warum Fleisch und Milch das Klima besonders belasten

Tierische Lebensmittel verursachen laut Bericht zwischen 81 und 86 Prozent der Treibhausgasemissionen aus der EU-Lebensmittelproduktion. Gleichzeitig liefern sie nur rund 32 Prozent der Kalorien und 64 Prozent des Proteins.

Weltweit geht etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen auf Ernährung und Landwirtschaft zurück. Mehr Emissionen verursacht nur die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Nach dem CO2-Rechner "CO2 Everything" entspricht eine 100-Gramm-Portion Rindfleisch 78,7 gefahrenen Kilometern und verursacht 15,5 Kilogramm CO2-Äquivalente.

Der CO2-Fußabdruck der Tierhaltung ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Haupttreiber sind die industrialisierte Intensivtierhaltung und die große Zahl gehaltener Tiere. Greenpeace schätzt, dass rund 60 Prozent aller Säugetiere Nutztiere sind, etwa vier Prozent leben wild. Die übrigen 36 Prozent sind Menschen. Gezüchtetes Geflügel macht laut Greenpeace zudem rund 70 Prozent aller Vögel aus.

Jedes Tier braucht Futter und Platz. Das begünstigt intensive Mastformen, in denen Tiere oft auf engem Raum gehalten werden. Um Futter anzubauen, werden Wälder, Grasländer und Feuchtgebiete gerodet, die eigentlich viel Kohlendioxid speichern. Recherchen zeigen, dass die Abholzung des Amazonas-Regenwalds vor allem durch die Nachfrage nach Soja angetrieben wird.

Dieses Soja landet jedoch kaum auf Tellern, sondern im Futtertrog. Nach Angaben des WWF werden fast 80 Prozent der weltweiten Sojabohnenernte an Nutztiere verfüttert. Die Produktion habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt.

Damit entsteht in der Lebensmittelkette eine zusätzliche Stufe: Wasser, Pflanzen und Energie fließen zunächst in den Anbau von Futtermitteln. Diese werden an Tiere verfüttert, statt direkt für die menschliche Ernährung genutzt zu werden. Hinzu kommen weitere Emissionsquellen wie Kunstdünger und der Methanausstoß von Rindern.

Nach einem Bericht von Compassion in World Farming werden aus 100 Kalorien pflanzlicher Futtermittel im Schnitt nur 40 Kalorien Milch, zwölf Kalorien Hühnerfleisch und lediglich drei Kalorien Rindfleisch.

Kritik an der Verteilung der GAP-Mittel

"Es ist skandalös, dass ein so unverhältnismäßig großer Teil der EU-Subventionen, also Milliarden von Euro an Steuergeldern, in die Stützung von Fleisch- und Milchproduktion mit hohen Emissionen fließt und damit die Ernährungsgewohnheiten in Europa verzerrt", sagt Martin Bowman von Foodrise.

"Die Gemeinsame Agrarpolitik steht an einem Wendepunkt. Die EU-Politik hat jetzt die Chance, umzusteuern und die notwendigen Schritte zu gehen, um einen gerechten Übergang zu gesunden, nachhaltigen, pflanzenbetonten Ernährungsweisen zu unterstützen."

Bowman sieht darin das Potenzial, die Einkommen der Landwirte zu steigern, die Importabhängigkeit der EU zu verringern, die Erderwärmung zu bremsen und die Gesundheit in Europa zu verbessern. "Zumindest sollten pflanzliche Lebensmittel einen deutlich gerechteren Anteil an den GAP-Subventionen erhalten, damit sie unter fairen Bedingungen konkurrieren können", fügt er hinzu.

"Diese beschämende Verwendung von EU-Geldern zur Förderung von Fleisch und Milchprodukten – direkt entgegen den Gesundheits- und Klimazielen der EU – sollte umgehend beendet werden."

Bowman fordert einen EU-Aktionsplan für pflanzliche Ernährung entlang der gesamten Lieferkette. Zusätzlich brauche es einen Fonds, der Landwirte beim Ausstieg aus der Tierhaltung und beim Umstieg auf Pflanzenproduktion unterstützt.

Reformdebatte um die EU-Agrarpolitik

Die Europäische Kommission veröffentlichte 2024 den Bericht "Strategischer Dialog über die Zukunft der EU-Landwirtschaft". Darin heißt es, es sei "entscheidend", Verbraucher beim Umstieg auf pflanzenbasierte Lebensmittel zu unterstützen. Zudem wird empfohlen, bis 2026 einen EU-Aktionsplan für pflanzenbasierte Lebensmittel zu entwickeln, um entsprechende Wertschöpfungsketten vom Landwirt bis zum Verbraucher zu stärken.

Ein Sprecher der Kommission sagte Euronews Green, die GAP unterstütze den Agrarsektor der EU dabei, zu einem "Modell der Nachhaltigkeit" zu werden. Seit 2003 seien die meisten Direktzahlungen an Landwirte von der Produktion entkoppelt worden.

"Daher sind GAP-Beihilfen nicht mehr daran gekoppelt, was und wie viel Landwirte produzieren", so der Sprecher. "Im Gegenteil: Die Zahlungen wurden so umgestaltet, dass sie an die Einhaltung verschiedener Standards wie etwa Umwelt- oder Tierschutzvorschriften gebunden sind."

Die Kommission betont außerdem, dass nur rund zehn Prozent der EU-Einkommensstützung direkt oder indirekt mit der Tierhaltung verknüpft seien.

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