Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Vier Jahre Angriffskrieg: Kyjiw setzt auf Frieden zu eigenen Bedingungen

Flutlichter leuchten über den Gräbern der gefallenen Soldaten, während die Menschen am Vorabend des vierten Jahrestages der russischen Invasion in Lemberg Kerzen anzünden, 23. Februar 2026.
Flutlichter leuchten über den Gräbern der gefallenen Soldaten, während die Menschen am Vorabend des vierten Jahrestages der russischen Invasion in Lemberg Kerzen anzünden, 23. Februar 2026. Copyright  AP Photo/Mykola Tys
Copyright AP Photo/Mykola Tys
Von Sasha Vakulina & Emma De Ruiter
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button
Den Link zum Einbetten des Videos kopieren Copy to clipboard Link kopiert!

Vier Jahre nach Beginn der groß angelegten Invasion zieht Selenskyj eine kämpferische Bilanz: "Putin hat seine Ziele nicht erreicht." Während Verbündete in Kyjiw Unterstützung zusichern, zeigen neue Zahlen das Ausmaß der Verluste. Friedensgespräche bleiben derweil erfolglos.

"Es ist jetzt genau vier Jahre her, dass Putin seinen dreitägigen Vorstoß zur Einnahme von Kyjiw begann", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Sonderansprache. Damit trat das Land in das fünfte Jahr des russischen Angriffskriegs ein.

WERBUNG
WERBUNG

Selenskyj blickte auf den Beginn der Invasion zurück und zog eine Bilanz: "Wir haben unsere Unabhängigkeit verteidigt. Wir haben unsere Staatlichkeit nicht verloren. Putin hat seine Ziele nicht erreicht."

Er erinnerte an den 24. Februar 2022 und nannte ihn "den längsten Tag unseres Lebens". "Als wir den ersten Tag des Krieges überstanden hatten, kam noch einer. Und noch einer. Dann eine Woche. Zwei Wochen. Dann ein Monat. Und wir sahen den Frühling", sagte Selenskyj.

Er betonte zugleich, dass die Ukrainer nicht "furchtlos oder aus Stahl" gewesen seien. "Wir sind alle Menschen. An diesem Tag spürte jeder Angst und Schmerz. Viele standen unter Schock, viele wussten nicht, was sie sagen sollten", sagte er. Doch, so Selenskyj, habe auf einer "unsichtbaren Ebene" jeder verstanden: "Wir haben keine andere Ukraine. Das ist unsere Heimat. Und wir wussten, was zu tun war."

Eine schwangere Frau, die während des russischen Beschusses schwer verwundet wurde, wird am 9. März 2022 aus einem Entbindungskrankenhaus in Mariupol, Ukraine, evakuiert. Die Frau hat nicht überlebt.
Eine schwangere Frau, die während des russischen Beschusses schwer verwundet wurde, wird am 9. März 2022 aus einem Entbindungsheim in Mariupol, Ukraine, evakuiert. Die Frau hat nicht überlebt. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Selenskyj lobte den Mut und die Opferbereitschaft der Bevölkerung. Sie habe die "blau-gelbe Flagge" verteidigt, statt "die weiße Flagge zu hissen". Er erinnerte auch an einen Satz, der damals vielfach geteilt worden sei: "Ihr denkt, ich bin in die Knie gegangen? Ich habe nur meine taktischen Stiefel geschnürt."

Krieg mit enormen Folgen

Der Krieg gilt als der tödlichste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele europäische Länder haben ihre Verteidigungsausgaben erhöht, auch in Erwartung einer möglichen Konfrontation mit Russland. Moskau habe Europa in den vergangenen Jahren wiederholt bedroht, heißt es, und zugleich eine Einigung über den Krieg bisher nicht ermöglicht.

Gespräche zwischen Kyjiw und Moskau, die im vergangenen Jahr mit Unterstützung der Vereinigten Staaten wieder aufgenommen wurden, führten bislang nicht zu einem Ende der Kämpfe. Der Wiederaufbau stellt die Ukraine vor eine Mammutaufgabe.

Verbündete in der Ukraine

Zum Jahrestag reisten führende Vertreter der Verbündeten nach Ukraine, darunter EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Finnlands Präsident Alexander Stubb und Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson.

Von der Leyen erklärte in einem Video, es sei ihr zehnter Besuch seit Kriegsbeginn. Europa stehe "unbeirrt an der Seite der Ukraine, finanziell, militärisch und in diesem harten Winter".

Sie sagte, sie sei in Kyjiw, "um eine klare Botschaft an das ukrainische Volk und an den Aggressor zu senden: Wir werden nicht nachgeben, bis der Frieden wiederhergestellt ist. Frieden zu den Bedingungen der Ukraine."

Hunderttausende Tote und Millionen Vertriebene

Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies (CSIS) wird die Zahl der getöteten, verwundeten oder vermissten Soldaten auf beiden Seiten auf 1,8 Millionen geschätzt. Das CSIS geht davon aus, dass Russland zwischen Februar 2022 und Dezember 2025 rund 1,2 Millionen Verluste hatte, darunter bis zu 325.000 getötete Soldaten. Für eine Großmacht wäre das die höchste Zahl an Gefallenen in einem Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg.

Für die Ukraine schätzt das CSIS 500.000 bis 600.000 militärische Verluste, darunter bis zu 140.000 Tote. Selenskyj sagte Anfang des Monats, 55.000 ukrainische Soldaten seien getötet worden. Diese Zahl wird allerdings häufig als zu niedrig eingeschätzt. Keine der beiden Seiten veröffentlicht zeitnah vollständige Daten, eine unabhängige Überprüfung ist kaum möglich.

Ukrainer drängen sich unter einer zerstörten Brücke, als sie versuchen, über den Fluss Irpin am Stadtrand von Kiew, Ukraine, zu fliehen, Samstag, 5. März 2022.
Ukrainer drängen sich unter einer zerstörten Brücke, als sie versuchen, über den Fluss Irpin am Stadtrand von Kiew, Ukraine, zu fliehen, Samstag, 5. März 2022. AP Photo/Emilio Morenatti

Die BBC und Mediazona, eine unabhängige russische Plattform, bestätigten den Tod von mindestens 177.000 russischen Soldaten anhand öffentlicher Nachrufe und Mitteilungen von Angehörigen und lokalen Behörden. Auch diese Zahl dürfte unter der tatsächlichen liegen.

Nach der Invasion flohen nach UN-Angaben rund 5,9 Millionen Ukrainer ins Ausland. Weitere 3,7 Millionen gelten als Binnenvertriebene.

Die Vereinten Nationen haben seit 2022 mehr als 15.000 zivile Todesopfer registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher sein, da die UN keinen Zugang zu vielen besetzten Gebieten hat, etwa zur Hafenstadt Mariupol. Zudem sollen mindestens 20.000 Kinder von Russland gewaltsam aus der Ukraine deportiert worden sein.

Zerstörung und Energiekrise

Ganze Städte im Osten und Süden der Ukraine wurden durch Angriffe verwüstet, darunter Bachmut, Torezk und Wowtschansk. Die Weltgesundheitsorganisation registrierte seit 2022 mehr als 2.800 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur schnitten Millionen Menschen zeitweise von Strom und Heizung ab.

Ukrainische Soldaten gehen durch einen verkohlten Wald entlang der Frontlinie, einige Kilometer von Andrijewka entfernt, Region Donezk, Ukraine, Samstag, 16. September 2023.
Ukrainische Soldaten gehen am Samstag, den 16. September 2023, durch einen verkohlten Wald entlang der Frontlinie, wenige Kilometer von Andrijewka, Region Donezk, Ukraine. AP Photo/Mstyslav Chernov

Nach Angaben des UN-Minenräumdienstes ist rund ein Fünftel des Landes durch Minen oder nicht explodierte Munition belastet. Die Weltbank bezifferte die Kosten für den Wiederaufbau über die nächsten zehn Jahre zuletzt auf rund 588 Milliarden Dollar.

Friedensgespräche ohne Durchbruch

Seit der Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Weiße Haus blieben mehrere Gesprächsrunden ohne Ergebnis. Der Kreml fordert die vollständige Kontrolle über die Regionen Donezk und Luhansk sowie ein Verbot westlicher Militärhilfe für Kyjiw. Die Ukraine warnt, ein Einlenken mache das Land anfällig für künftige Angriffe, sei verfassungsrechtlich nicht möglich und gesellschaftlich nicht akzeptabel.

Russland hält nach Angaben in dem Bericht fast 20 % des ukrainischen Territoriums besetzt und greift weiterhin täglich zivile Gebiete und Infrastruktur an. Die Angriffe lösten die schwerste Energiekrise seit Beginn der Invasion aus, der Winter verschärfte die Lage zusätzlich.

Notzelte in Kiew, in denen sich die Menschen aufwärmen können, nachdem Russland regelmäßig Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur fliegt und die Bewohner ohne Strom, Wasser und Heizung sind,
Notzelte in Kiew, in denen sich die Menschen aufwärmen können, nachdem Russland regelmäßig Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur fliegt und die Bewohner ohne Strom, Wasser und Heizung sind, AP Photo/Vladyslav Musiienko

Die Verbündeten der Ukraine verhängten harte Sanktionen gegen Moskau. Russland verlagerte deshalb einen Teil seiner Ölexporte auf neue Märkte, vor allem nach Asien. Trotz hoher Verluste rückten russische Truppen an der Front zuletzt langsam vor, besonders im Donbas.

Am Montag sagte Wladimir Putin, seine Soldaten verteidigten die "Grenzen" Russlands, um "strategische Gleichheit" zu sichern und für die "Zukunft" des Landes zu kämpfen.

In einem BBC-Interview sagte Selenskyj, er glaube, Putin habe den Dritten Weltkrieg "bereits begonnen". "Russland will der Welt eine andere Lebensweise aufzwingen und das Leben verändern, das die Menschen für sich selbst gewählt haben", sagte Selenskyj.

Weitere Quellen • AFP, AP

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Ukraine: Russischer Drohnen- und Raketenregen vor Verhandlungen

Starlink-Sperre: Ukraine bremst Russland, größte Rückeroberung seit 2023

Friedensgespräche in Genf: Kyjiw warnt, Moskau setzt auf Maximalforderungen